Foto-Amateure in der DDR - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Sozialistische Persönlichkeiten Nachbarn, Werktätige, Frauen

Erst wurde sein Fotozirkel mit DDR-üblichen Auszeichnungen überhäuft, dann wurde Siegfried Wittenburg als dessen Leiter entlassen. Auslöser des Eklats: eine Ausstellung, die die Amateurfotogruppe 1985 für das "Bruderland" Polen gestalten sollte.
1 / 23

Der Werktätige im Mittelpunkt: Hobbyfotografen sollten in der DDR die Tradition der Arbeiterfotografie der Weimarer Republik fortsetzen. Ingo Schöler, damals Ingenieur der Werft, zeigte mit seinem Bild "Takler" von 1984 keine Helden, sondern Menschen, die ihre teils harte Arbeit mit Stolz verrichteten.

Foto: Ingo Schöler
2 / 23

Tägliche Mühen: Gerald Töppel, Elektriker der Werft, tauchte für seine Aufnahme "Im Schiff" 1987 tief in den Schiffsbauch ein. Das Abbilden von Werksanlagen war an sich verboten, doch er besaß eine Ausnahmegenehmigung.

Foto: Gerald Töppel
3 / 23

Arbeitsalltag: Die Juroren der Fotoausstellungen prämierten lange Zeit idealisierte Bilder aus der Arbeitswelt. Mitglieder von betrieblich geförderten Fotozirkeln stellten sich darauf ein und erlangten durch ein großes Publikum Anerkennung. Geldprämien machten es ihnen möglich, etwa teure Spiegelreflexkameras anzuschaffen. Ingo Schöler suchte dagegen die stillen Motive, wie dieses: "Präzision", 1984.

Foto: Ingo Schöler
4 / 23

Vermerk in der Stasi-Akte: Siegfried Wittenburg, Servicemechaniker im VEB Schiffselektronik, machte mit dieser Architekturaufnahme sogar die Staatssicherheit auf sich aufmerksam. Das ungewöhnliche Bild "Hotel Neptun" von 1984 wurde nach der Meldung eines Inoffiziellen Mitarbeiters in der Stasi-Akte erwähnt.

Foto: Siegfried Wittenburg
5 / 23

Koloriertes Blümchen: Der farbige Akzent bewahrte dieses Foto davor, als Kritik am Sozialismus gewertet zu werden. Dennoch erhielt Zirkelleiter Wittenburg für solche Arbeiten einen Eintrag in seine Stasi-Akte: "W. sammelt ideologisch ungefestigte Fotofreunde um sich." Dabei entging dem Geheimdienst, dass dem Zirkel auch SED-Genossen angehörten. Bildtitel: "Forsythie", 1984

Foto: REUTERS
6 / 23

Frauen als sozialistische Persönlichkeiten: Lothar Kosz, damals Tischler in einer Produktionsgenossenschaft des Handwerks, gehörte bald zum kreativen Kern des Fotozirkels. Von ihm stammt das "Porträt" von 1986. 1989 flüchtete er nach Prag in die Botschaft der Bundesrepublik.

Foto: Lothar Kosz
7 / 23

Der Zensur zum Opfer gefallen: "Akt Rückenlage" nannte Lothar Kosz diese Aufnahme von 1986. Dem Gewerkschaftsfunktionär der Werft war das Foto offensichtlich suspekt. Ohne Kommentar wurde es mit anderen Aufnahmen des Fotografen aus der Ausstellung entfernt.

Foto: Lothar Kosz
8 / 23

Bei der Partei unbeliebt: Zirkelmitglied Gert Strosche fotografierte leidenschaftlich gern die Musikszene. "Rockmusik" hieß diese Aufnahme von 1986. Doch auch Stars wir Tamara Danz, Gerhard Schöne und Pankow waren nicht unbedingt Lieblinge der SED-Funktionäre. Die Auseinandersetzung mit dem "hervorragenden Volkskunstkollektiv" schlug Wellen bis nach Berlin und die Funktionäre verstrickten sich in Widersprüche.

Foto: Gert Strosche
9 / 23

Verfallende Bauten: Die Fotografen des Zirkels hielten trotz der Entlassung des Zirkelleiters zusammen und trafen sich, wenn möglich, in privaten Wohnungen. Ihre Arbeiten wurden nach der Erfahrung mit der Zensur allmählich kritischer und auch einem internationalen Publikum bekannt. "Rostock, Nördliche Altstadt", fotografiert von Siegfried Wittenburg 1985.

Foto: Siegfried Wittenburg
10 / 23

Alltag auf der Werft: Nach dem Eklat um die Aktfotos wurde das Hausverbot für Wittenburg nach einigen Monaten aufgehoben. Die Zensoren wurden versetzt, die Fotogruppe gab sich den Namen "Foto Klub Konkret" (FKK) und setzte mit allen Mitgliedern ihre gemeinsame Tätigkeit fort. Aufnahme von Gerald Töppel: "Kollektiv Westphal, Mittagspause", 1987

Foto: Gerald Töppel
11 / 23

Schnappschuss im Waschraum: Gerald Töppel verfolgte seine Kollegen des "Kollektivs Westphal" bis in den Sanitärbereich. Hier seine Aufnahme "Feierabend", 1987. Ein neuer Kulturhausleiter wurde eingesetzt und der Stasi gelang es schließlich, einen IM in den Fotozirkel einzuschleusen.

Foto: Gerald Töppel
12 / 23

Bloß keine Überstunden! Pünktlich verließen die Werktätigen das Betriebsgelände. Denn die S-Bahn wartete schon. Im Kulturhaus entstand die Idee, eine anspruchsvolle Fotogalerie einzurichten – bei fehlender Meinungsfreiheit ein gewagtes Projekt. Aufnahme von Gerald Töppel: "An der Stempeluhr", 1987.

Foto: Gerald Töppel
13 / 23

Triste Plattenbauten: Von der Neubausiedlung im Rostocker Stadtteil Groß Klein fuhren viele Arbeiter mit dem Rad zur Werft. Die Straßen hießen "Schiffbauerring", "Gerüstbauerring" und "Taklerring". Die Fotografen arbeiteten daran, sich von der Bevormundung zu befreien und ihre Bilder aus dem Alltag juryfrei in ihrer Galerie zu veröffentlichen. Ingo Schöler fotografierte die "Kaufhalle", 1988.

Foto: Ingo Schöler
14 / 23

Nachbarn vor der Linse: Kurz vor dem 40. Jahrestag der DDR fotografierte Ingo Schöler sein Wohngebiet und seine Mitbewohner in der Hausgemeinschaft. Aufnahme: "Paar", 1988.

Foto: Ingo Schöler
15 / 23

Wertvolle Rohstoffe: Die sogenannte Sekundärrohstofferfassung, Vorläufer des heutigen Müll-Recyclings, hatte in der Mangelgesellschaft der DDR einen hohen Stellenwert. Ingo Schöler fotografierte 1988 einen "SERO-Aufkaufwagen". Zum 40. Jahrestag der Staatsgründung wünschten sich die Kulturfunktionäre des FDGB-Bezirksvorstandes vom "Foto Klub Konkret" eine Ausstellung unter dem Motto "Und baut wie wir am Leben" und winkten mit einer Kollektivprämie.

Foto: Ingo Schöler
16 / 23

Gestattungsproduktion: Zu völlig überhöhten Preisen konnten DDR-Bürger in "Delikat"-Läden Artikel kaufen, die sie oft selbst billig für den Westen herstellten. Mit viel Enthusiasmus erschufen die Fotografen im Kulturhaus die Fotogalerie "Zebra" und ließen sich auf die vorgeschlagene Ausstellung zum Staatsgeburtstag ein. Ingo Schölers Aufnahme: "Delikat", 1988

Foto: Ingo Schöler
17 / 23

Stimmungsbild: Lothar Kosz - hier seine Aufnahme "Akt auf Beton", 1992 - brachte seine eigene Sicht auf das Leben in der DDR zum Ausdruck. Etwa drei Monate vor dem 40. Jahrestag des Staates baute die Fotogruppe ihre Ausstellung unter dem geänderten Titel "Blickwinkel" in der Galerie "Zebra" des Kulturhauses auf. Sieben Bildautoren präsentierten sieben Themen in jeweils eigenen Handschriften.

Foto: Lothar Kosz
18 / 23

Im Ruhestand: Der Abiturient Axel Schneppat wollte Kameramann werden und an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam studieren. In der Fotogruppe bereitete er sich auf seine Bewerbung vor. Hier seine Aufnahme "Feierabendheim 1", 1990 und …

Foto: Axel Schneppat
19 / 23

… "Feierabendheim 2". Zur Abnahme der Ausstellung zum Staatsgeburtstag erschien im Juli 1989 die SED-Betriebsparteisekretärin im Kulturhaus. Sie ging von Bild zu Bild - und war entsetzt. Ihr Weltbild war ein anderes.

Foto: Axel Schneppat
20 / 23

Ungeschminkter Realismus: "Feierabendheim 3" von Axel Schneppat. Gegen die Kritik von oben verteidigten die Fotografen ihre Bilder mit den Worten: "Gucken Sie doch mal aus dem Fenster." Darauf sprach die Parteisekretärin die Drohung aus: "Wenn hier polnische Verhältnisse eintreten, schrecken wir vor Waffengewalt nicht zurück." Selbst ein SED-Genosse unter den Fotografen wurde leichenblass.

Foto: Axel Schneppat
21 / 23

Schikanen seitens der SED: Die SED-Parteisekretärin berief sich auf ihr Hausrecht, obwohl das Kulturhaus "Volkseigentum" war. Als am Ende der Debatte Lothar Kosz einige seiner Bilder - hier die Aufnahme "Akt hinter Glas", 1989 - aus der Ausstellung entfernen sollte, nahm er wortlos alle Werke von der Wand. Wenige Wochen später packte er seine Sachen und verließ die DDR.

Foto: Lothar Kosz
22 / 23

Neuanfang nach der Wende: Eine vertraglich garantierte Prämie des FDGB-Bezirksvorstandes konnte 1990 in D-Mark umgetauscht werden. Mit dem Geld finanzierte der "Foto Klub Konkret" eine Ausstellung mit etwa hundert Schwarzweißfotos im Kunstkreis Preetz in Schleswig Holstein. Der Titel "Die Farbe Mensch" stammte von Lothar Kosz, der derzeit in Bremen fotografierte. Aufnahme von Siegfried Wittenburg: "Veränderung", 1988.

Foto: Siegfried Wittenburg
23 / 23

Geschlossene Gesellschaft: Kulturhaus des VEB Warnowwerft in Rostock-Warnemünde, 1989. Im Erdgeschoss befand sich ein Restaurant. Doch nur Arbeiter der Werft und Einwohner mit einem Hausausweis hatten Zutritt zu dem Gebäude.

Foto: Siegfried Wittenburg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?