Foto-Essay "Eine absurde Realität"
"In der Abenddämmerung kühlt es sich leicht ab. Von über 50°C am Tag fallen die Temperaturen auf 35°C. Die Straßen füllen sich, Kinder spielen Fußball. Das Grollen der Schlacht um den inzwischen befreiten westlichen Teil war allgegenwärtig. Es wurde zur absurden Realität der Einwohner Mossuls."
"Viele Kinder müssen arbeiten, um zu überleben. Sie durchstreifen Müllhalden und durchsuchen den Dreck nach Essbarem. Doch eigentlich wollen sie vor allem eins: Mal wieder in die Schule gehen."
"Von der Universität Mossuls ist nicht mehr viel übergeblieben. Unter der IS-Terrorherrschaft wurden hier Bomben gebaut, erzählte man uns. Etliche Luftschläge der Koalition haben nahezu das komplette Gelände in Schutt und Asche gelegt."
"Die irakische Armee und das Spezialkommando 'Golden Division' lieferten sich einen zähen Kampf mit dem IS im alten Kern von. Viele der Einwohner können erst jetzt fliehen. Ausgehungert, schmutzig, krank, mit gesenktem Kopf, schweigend treten sie aus den Ruinen hervor. Meist sind sie zu traumatisiert, um zu realisieren, was um sie herum geschieht."
"In der sengenden Hitze laden freiwillige Helfer die gerade Geflüchteten auf Militär-Lkw, um sie aus der damals noch umkämpften Zone zu bringen. Sie werden später auf die verschiedenen Flüchtlingslager aufgeteilt."
"Einige Hundert Meter hinter der Front wurde in einer alten Garage ein Feldlazarett aufgebaut. Es bestand aus zwei Feldbetten in einem nackten Raum. Es roch nach Eiter und Desinfektionsmittel."
"Die Militärärzte waren sichtlich an ihrer Belastungsgrenze angelangt. Fast minütlich kamen neue Patienten. Familien mit Kindern und ältere Frauen. Männer sah man unter den Geflüchteten so gut wie keine."
"Die Straße neben dem Feldlazarett ist viel befahren. Wir hörten, dass über vierzig Prozent der irakischen Soldaten, die an der Offensive um beteiligt waren, gestorben seien. Viele der zurückkehrenden Soldaten wirken wie leere Hüllen."
"Auf unserem Rückweg sehen wir eine Familie, die ein Grab aushebt. Seit Beginn der Offensive füllen sich die Friedhöfe in und um. Keiner der Angehörigen trauert wirklich. Der Tod ist zu allgegenwärtig geworden."
Fotojournalist Christian Werner und SPIEGEL-Autor Jonathan Stock im umkämpften. Zwei Tage nach ihrer Recherche wurde auch der letzte Teil der Stadt vom IS befreit.