Foto-Essay Tiefe Gräben
"Vor 27 Jahren meinte man, die Mauer versperre den Blick auf den anderen Teil eines einst geeinten Deutschlands. Bis heute fragen sich viele, warum der Osten nie der Westen wurde. Die einstige Grenze hat tiefe Gräben hinterlassen, ungeachtet anderslautender Botschaften. Zwei Identitäten in einem Land." Berlin, 8. August 2013
"Im Oktober 1989 brannten Polizeiautos vor dem Dresdner Hauptbahnhof. Die Bevölkerung prügelte sich mit Polizei und Militär. Massenverhaftungen setzten ein. Das Leben sollte anders werden. Die Umwälzungen nach der gewalttätigen Revolution waren gewaltiger, als jeder es sich vorstellen konnte. Nur wenige waren in der Lage, Schritt zu halten." Dresden, 7. Februar 2016
"In den Neunzigerjahren wurden nahezu alle Betriebe über- und untertage als unrentabel eingestuft und abgewickelt. Nicht selten profitierte die Konkurrenz im Westen und entzog dem Osten die Existenzgrundlage. Einige Gemeinden starteten ehrgeizige Tourismusprojekte. Neue Wirtschaft entstand so gut wie nie. Orte, an denen früher Geld erwirtschaftet wurde, warten nun auf Menschen, die Geld ausgeben." Ronneburg, Thüringen, 19. April 2014
"Familien zerbrachen. Kollektive, Berufe und Betriebe verschwanden. Führungskräfte kamen aus dem Westen und blieben. Fachkräfte wanderten ab. Bis heute existiert ein Ostlohn. Viele leben vom Mindestlohn oder vorübergehenden Beschäftigungen." Seifhennersdorf, Sachsen, 3. Oktober 2017
"Protest läuft seit Langem. Unter dem Radar finden beharrlich Montagsdemos in Gera statt." Gera, Thüringen, 15. Mai 2017
"Die Wissenschaft als Zukunftsbranche wird gepflegt. Es gibt Forschungsinstitute aller Art. Die TU Dresden bildet mit einigen ein Exzellenzcluster. Viele Studenten promovieren und suchen anschließend Arbeit. Fündig werden sie meistens im Westen." Dresden, 17. März 2016
"Die Forschungsgemeinde ist international und vermittelt ein globales Leben. Studenten aus allen Ländern kommen zum Studieren. Sie bleiben so lange, wie es die zeitlich befristeten Verträge vorsehen. Nach circa drei Jahren müssen sie aufbrechen in ein anderes Land." Dresden, 24. August 2016
"Rentner leben oft von minimalen Einkommen. Es geht vielen besser als früher. Doch die Perspektive hat sich verschoben." Dessau, Sachsen-Anhalt, 4. Januar 2012
"Die einzige Feier in Sachsen zum Tag der deutschen Einheit fand in Seifhennersdorf statt. Der Ort befindet sich in einer einstmals starken Industrieregion und liegt weit entfernt von großen Städten im äußersten Südosten des Landes an der Grenze zu Polen und Tschechien. Nur Menschen aus der Region kamen. Es war erschreckend, auf dem Volksfest kein einziges lachendes Gesicht zu sehen." Seifhennersdorf, Sachsen, 3. Oktober 2017
Sven Döring wurde 1971 in Dresden geboren. Seit vielen Jahren fotografiert er in seiner Heimat für den SPIEGEL und veröffentlicht unter anderem in der "FAZ" und "New York Times". Über den Osten sagt er: "Die Leute leben seit der Wende auf ihrem vertrauten Grund und Boden, dennoch in einem neuen Land."