Fotograf Boris Mikhailow "Du siehst nur, dass alles zerfällt"
"Das gestrige Butterbrot": Er sei durch die Straßen gegangen und habe das Leben aufgenommen, beschreibt Boris Mikhailow seine Anfänge als Fotograf. Doch statt den Alltag in seiner Heimatstadt Charkow einfach abzulichten, experimentierte er in seinen frühen Projekten mit Collagetechniken und Doppelbelichtungen. Er habe versucht, die Vielschichtigkeit der sowjetischen Gesellschaft wiederzugeben, erklärt der Künstler. Die Serie "Yesterdays Sandwich" entstand in den sechziger und siebziger Jahren und wurde 2007 erstmals veröffentlicht.
Fallstudien: Mit der Serie "Case History" sorgte Boris Mikhailow Ende der neunziger Jahre für Kontroversen. In mehr als 400 Bildern zeigt die Serie Alte, Kranke, Kinder und Jugendliche, die auf den Straßen Charkows leben. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war ihnen nichts geblieben außer der bloßen Existenz.
"Kleine Theatervorstellungen": Als "Case History" 1999 veröffentlicht wurde, störten sich viele Betrachter daran, dass die Aufnahmen gestellt und inszeniert wirkten. Tatsächlich hatte Mikhailow seine "Modelle" oft gebeten, bestimmte Szenen aus ihrem Leben vor der Kamera zu wiederholen. So fragte er sie beispielsweise, wie sie schliefen, und fotografierte sie dann dabei, wenn sie die Szene nachstellten.
Kritik: Für ihn sei es die konsequente Fortsetzung einer Linie gewesen, die er bereits in früheren Serien verfolgt habe, erklärte der Fotograf die Entstehung von "Case History". Doch während die Serie im Westen überwiegend positiv beurteilt wurde, waren in den Nachfolgestaaten der UdSSR die Reaktionen geteilt. Er habe sich am Unglück der Ärmsten bereichert, hieß es. Manche sprachen gar vom "Verkauf der Heimat".
Gerechtigkeit: Die Menschen sichtbar zu machen, ihrem Leben eine Art von Gerechtigkeit widerfahren zu lassen - so beschreibt Boris Mikhailow heute die Ziele, die er mit "Case History" verfolgte. Auch der russische Originaltitel der Serie lautet nicht umsonst "Krankengeschichte" - denn um eine Krankheit habe es sich gehandelt, erklärt der Fotograf - eine Krankheit des Systems.
Straßenkinder: "Sie hatten Angst vor allem: vor Leuten, wie sie selbst, vor Fremden, vor der Miliz. Die größte Herausforderung war, ihr Vertrauen zu gewinnen und ihre Furcht zu überwinden", erinnerte sich Boris Mikhailow, nachdem seine Arbeiten im Jahr 2000 mit dem renommierten Hasselblad Award ausgezeichnet worden waren.
"Ganz normale Leute": Nein, antwortet der Fotograf auf die Frage, ob es schwierig gewesen sei, diese Aufnahmen zu machen. Die meisten der Obdachlosen seien ganz normale Leute gewesen, die überraschend auf der Straße gelandet seien. Viele hätten sich über die Aufmerksamkeit gefreut, sagt Mikhailow im einestages-Interview.
Breites Spektrum: Noch heute sieht sich Boris Mikhailow manchmal dazu genötigt, seine damalige Herangehensweise zu verteidigen: "Bei den Obdachlosen ging es weniger um die einzelnen Schicksale der Leute. Es ging darum, zu zeigen, wie sie leben, wie sie auf das Unglück reagieren. Darin zeigt sich ein breites Spektrum dessen, was wir als menschlich begreifen."
"Die Leute wollen an das Schöne denken": Für Boris Mikhailow persönlich wurde "Case History" ein Erfolg. Viele Museen und große Galerien stellten seine Arbeiten aus. Es sei jedoch vor allem wichtig gewesen, den Zerfall der Gesellschaft in seiner Heimatstadt Charkow auf Bildern festzuhalten, glaubt er. Gerade, weil es damals in der Ukraine keine Tradition gegeben habe, auch das Schlechte und Hässliche zu zeigen.
Boris Mikhailow: Mehr als zwei Drittel seines Lebens verbrachte Mikhailow in Charkow, wo er 1938 zur Welt kam. Inzwischen lebt und arbeitet der Fotograf in Berlin. Doch noch immer verbringt er viel Zeit in der alten Heimat. "Die Bilder, die ich in der Ukraine mache, sind noch heute erfolgreicher als die, die anderswo entstehen. Das wird wohl auch in Zukunft so bleiben."
Tea, Coffee, Cappuccino: So lautet der Titel der jüngsten Serie von Boris Mikhailow und seines aktuellen Bildbands. Die Aufnahmen, die zwischen 2000 und 2010 entstanden, zeigen wie schon die Reihe "Case History" Zurückgebliebene, Arme, Schwache. Und doch ist ein Metathema hinzugekommen - das Geld. Er zeigt neben den Verwahrlosten auch Menschen, die mit kleinen Deals versuchen, sich über Wasser zu halten. "Eine neue Ära ist angebrochen", resümiert Mikhailov im Nachwort zu diesem aktuellen Bildband: "Das Zeitalter des Geschäftes."
Ein Panorama der Gesellschaft: Die Serie "At Dusk", die unmittelbar nach dem Zusammenbruch der UdSSR entstand, wurde mit einer breitformatigen Panorama-Kamera aufgenommen. Die Bilder erzählen Geschichten über die radikalen gesellschaftlichen Veränderungen, die sich in den neunziger Jahren in der ehemaligen Sowjetunion vollzogen - und die viele Menschen hoffnungslos zurückließen.
Historischer Prozess: In einem Gespräch mit dem finnischen Kunsttheoretiker Jan Kaila erklärte Boris Mikhailow, wie es zu der spezifischen Farbwahl in "At Dusk" kam: "Ich nutzte diese künstliche Methode, diesen Farbton in den Bildern, um sowohl die historische Zeit als auch die Gegenwart der frühen Neunziger einzufangen." Bereits zuvor hatte der Fotograf bestimmte historische Perioden mit Farben assoziiert: braun mit der Zeit vor der Oktoberrevolution, blau mit den Katastrophenjahren des Zweiten Weltkriegs.
Wegbruch der Mittelschicht: Für viele Menschen in der ehemaligen Sowjetunion bedeutete der Wandel, der mit dem Zerfall der Weltmacht einsetzte, zunächst vor allem eines: den Verlust jeder sozialen Sicherheit. "Zu Sowjetzeiten nahmen viele Fotografen - ich auch - eine skeptische, ironische Haltung ein", erzählt Boris Mikhailow. "Doch später gab es keine Ironie mehr. Die Tonart hatte sich geändert. Es war eine Tragödie."
Unter Beobachtung: "Alle wussten zu dieser Zeit, dass die Fotolabors in den Fabriken und im ganzen Land vom KGB überwacht wurden", erinnert sich Mikhailow. Als potentielle Verbreiter von Masseninformation wurden Fotografen wie er besonders genau beobachtet. Erst in den achtziger Jahren, unter Gorbatschow, wurde die Klammer der Zensur gelockert.