Fotograf Daniel Biskup Die unsichtbare Ost-West-Grenze
Uniformiert: Abzug der sowjetischen Truppen aus Ostdeutschland. Am Anfang der Wendezeit stand die Euphorie. Der Umbruch in der DDR zog den Fotojournalisten Daniel Biskup magisch an. Jahrelang dokumentierte er die Wende und die Zeit danach - und erkennt heute manche Fehler, die zur anhaltenden
Ausrangiert: Den Lastwagen hat Daniel Biskup drei Mal gesehen - das erste Mal ohne Plakat, da war er noch in Funktion, genauso wie der Betrieb, dem er gehörte. Beim zweiten Mal lohnte es sich für die Besitzer schon eher, die Ladefläche für Reklamezwecke zu vermieten. Das nächste Mal stand der Laster im Graben.
Sex mit der Ex: Kurz nach dem Mauerfall erfasste eine Erotikwelle den Osten. So wie hier in Anklam eröffneten überall neue Sexshops. Karins Erotik-Boutique gibt es übrigens auch 2019 noch - 30 Jahre nach dem Fall der Hüll... Verzeihung: dem Fall der Mauer.
Waschen, fönen, legen: Mit der Währungsunion wurde auf einen Schlag auch das Frisieren teuer, so wie hier in Bitterfeld (1993). Vor der Einführung der D-Mark kostete ein Herrenhaarschnitt 1,50 DDR-Mark. Danach waren es sechs D-Mark.
Freude und Fahnen: In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 wurde um Mitternacht vor dem alten Reichstagsgebäude in Berlin die deutsche Fahne gehisst - unter dem Jubel vieler Schaulustiger. Hunderttausende feierten in Berlin, in ganz Deutschland waren es Millionen. Doch auf die Feierstunde folgten Jahre der Ernüchterung.
Dicker, lass dich drücken: Als erster gesamtdeutscher Bundeskanzler reiste Helmut Kohl nach seiner Wahl im April 1991 in verschiedene ostdeutsche Städte. Doch das Bild täuscht: Kohl polarisierte schon damals extrem, auch Gegner mischten sich unter die Menschen. Eier wurden auf den Kanzler geworfen. Anders als einige Wochen später in Halle trafen sie ihn hier in Erfurt allerdings noch nicht.
Chemnitz 1991: Daniel Biskup hat auch einen Schornsteinfeger im Einsatz begleitet. Der Blick über die Dächer zeigt, wie wenig Gebäude damals saniert waren.
Bischofferode 1993: In dem Jahr beschäftigt ein Thema das ganze Land, das Kaliwerk in Bischofferode. Nachdem die Treuhandanstalt zuvor bekannt gegeben hatte, dass das Werk geschlossen werden solle, entbrannte der härteste Arbeitskampf der Wendezeit. Wegen Überkapazitäten sollten im Osten neun von zehn Gruben schließen. Als nichts zu helfen schien, traten zwölf Kumpel in den Hungerstreik. Geschlossen wurde die Anlage trotzdem, immerhin erkämpften sie 7500 D-Mark Abfindung.
Berlin, Oranienburger Straße 1991: Anfang der Neunzigerjahre entwickelte sich die Oranienburger Straße vom Mittelpunkt des Berliner Nachtlebens zur schicken Geschäftsgegend. Der Straßenstrich aber blieb.
Abbau Ost: Innerhalb weniger Jahre schnellte die Zahl der Arbeitslosen auf mehr als 1,8 Millionen in den neuen Ländern hoch. 80 Prozent aller Industriearbeitsplätze gingen unwiederbringlich verloren.
Sie sind wieder da: Bald nach der Wende tauchten Nationalsozialisten und Anhänger rechter Ideologien wie hier in Vierow auf. Auch wenn die DDR-Ideologie stets etwas anderes beteuert hatte: Ganz verschwunden waren die Rechten nie.
Gegen Nazis in Thüringen 1993: Die rechten Umtriebe riefen allerdings auch Gegner auf den Plan. In Thüringen bezogen Jugendliche Position gegen Nazis.
Hättste doch Perwoll genommen: Das Feinwaschmittel Fewa war einst das erste vollsynthetische Waschmittel der Welt und wurde ab 1932 in Chemnitz hergestellt. Nach der Wende wurde das Werk geschlossen - nur das Waschmittel wird unter der Marke Perwoll deutschlandweit vermarktet.
Jenseits von Dolce Vita: Wohl denjenigen, die sich anpassen können - 1991 schossen in Halle Pizzerien aus dem Boden, viele boten einen Lieferservice an. Die Mehrheit der Bürger aber tat sich schwer damit, nach Jahrzehnten des Kollektivismus Unternehmergeist zu entwickeln.
Die anderen Montage: Die Montagsdemonstrationen 1989 gegen das DDR-Regime sind in die Geschichtsbücher eingegangen. Im Westen hingegen kaum bekannt: Ab dem März 1991 zogen montags wieder Zehntausende durch Leipzig. Massenarbeitslosigkeit und die Abwicklung der DDR-Industrie trieben sie auf die Straße.
Wohnungs-Rot (Rigaer Straße Berlin, 1991): Anfang des Jahres 1990 wurden mehrere leer stehende Häuser in der Rigaer Straße in Berlin-Friedrichshain besetzt. Kneipen und Veranstaltungsräume entstanden. Die Besetzer verlangten vom Eigentümer, der Kommunalen Wohnungsverwaltung, eine Legalisierung der Wohnsituation. Das geschah mit Mietverträgen im Jahr 1992.
Plakative Appelle (Dresden, 1992): Um ein Zeichen zu setzen gegen die Fremdenfeindlichkeit, ließ die Bundesregierung Plakate kleben, wie hier am Christian-Beham-Platz in Dresden.
Zigarettenbrigade in Leipzig: Promotion-Girls zogen durch ostdeutsche Städte, um westdeutsche Zigarettenmarken zu bewerben, hier an der damaligen Karl-Marx-Universität in Leipzig. Das 33 Tonnen schwere Karl-Marx-Relief im Hintergrund wurde nach der Wiedervereinigung in drei Teile zersägt und verhüllt. Heute steht es in der Nähe des Leipziger Zentralstadions.
Umbruch am Alex, Sommer 1990: Nach der politischen Wende galt die Architektur des Alexanderplatzes in Berlin als nicht mehr zeitgemäß. Die Öffentlichkeit wünschte sich, den Platz ans Straßenbahnnetz anzuschließen. Investoren wollten außerdem Planungssicherheit für ihre Bauvorhaben. Ihre Bauzäune bieten Raum für Spottplakate.
Kreuzung der Geschichte (Ost-Berlin, 1991): Überall auf dem Gebiet der ehemaligen DDR mussten Straßennamen weichen, die an berühmte Revolutionäre wie den Russen Wladimir Iljitsch Uljanow erinnerten, besser bekannt unter seinem Kampfnamen Lenin.
Kulturbruch (Ost-Berlin, 1991): Viele Kultureinrichtungen standen nach dem Mauerfall vor dem Ende, der viel diskutierten "Abwicklung". Am schlimmsten traf es die Theater, von denen viele kaum noch ausgelastet waren. Kein Wunder: Die Eintrittspreise waren rasant gestiegen, während die Löhne in Ostdeutschland gleich blieben. In der DDR kostete eine Theaterkarte zwischen zwei und fünf DDR-Mark, dann bis zu 32 D-Mark.
Jugend im Wandel (Chemnitz, 1993): Fotograf Daniel Biskup sah überall Spuren des Verfalls. Die Jugendlichen, die in die festen Strukturen der DDR hineingeboren wurden, wuchsen auf in einer Zeit der Veränderung des Systemwechsels, der Währungsreform, des Wirtschaftswandels.
Wegwerfgesellschaft (Leipzig 1991): Überall in Ostdeutschland wurden ungenutzte Landschaften in wilde Schrottplätze verwandelt. Binnen weniger Jahre entledigte sich die Ostbevölkerung ihres gesamten Fuhrparks.
Blick aus einem Zimmer des Hotels Merkur in Leipzig (Dezember 1990): Das Interhotel Merkur in Leipzig wurde in den Achtzigerjahren von japanischen Architekten erbaut. Zu DDR-Zeiten spionierten hier Führungskräfte des Hotels für die Stasi Kollegen und Gäste aus.
Graffiti gegen die deutsche Einheit (Berlin-Ost, Sommer 1990): Der Einigungsvertrag zwischen der DDR und der BRD wurde am 31. August 1990 im Kronprinzenpalais in Berlin-Ost von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und von Günther Krause unterzeichnet, der als Parlamentarischer Staatssekretär beim Ministerpräsidenten der DDR damals ostdeutscher Verhandlungsführer war. Nicht alle Bürger waren mit der Wiedervereinigung einverstanden.
Die vielen Autowracks, die nach dem Mauerfall die Straßen ostdeutscher Großstädte säumten, wurden häufig Ziel von Zerstörung und Randale. Die Bürger sorgten sich daher auch um ihre Fahrzeuge, die noch in Gebrauch waren.
Die Chemie stimmte nicht mehr: Die Buna-Werke GmbH war ein Chemieunternehmen in Schkopau in Sachsen-Anhalt. Mit 18.000 Beschäftigten war das Werk zu DDR-Zeiten das fünftgrößte Industriekombinat. 1990 explodierte aufgrund jahrelanger Vernachlässigung ein Karbidofen, fünf Arbeiter kamen dabei ums Leben.
Arbeitskampf: Die neu geschaffene Treuhand hatte die Aufgabe, für viele klamme Staatsbetriebe neue Besitzer zu finden. Die alte DDR-Nomenklatura sollte bei den Privatisierungen nicht zum Zuge kommen. Für viele Werke fanden sich aber kaum Investoren.
Ärzte demonstrierten gegen die Ungleichbehandlung von Ost- und Westpatienten im Gesundheitssystem (Berlin, 1990).
Mit dem Übergang zur Marktwirtschaft wurde nicht nur die sozialistische Ideologie ausrangiert - Hunderttausende Menschen blieben auf der Strecke. "Ihre Lebensentwürfe wurden entwertet", sagt Fotograf Biskup.
Alles muss raus: Durch den Übergang zur D-Mark hatten viele Ostbürger mit einem Mal die nötige Kaufkraft, um die lange so begehrten Westwaren kaufen zu können. Ostprodukte hingegen blieben liegen - selbst zu heruntergesetzten Preisen.