Jazzfotograf Gottlieb Mit dem "Biest" durch die Nacht
Gottliebs bekanntestes Foto: Legendär wurde die ausdrucksstarke Portraitaufnahme, die Gottlieb im Februar 1947 von der Jazzsängerin Billie Holiday während eines Auftritts im New Yorker Jazzclub Downbeat schoss. Keine andere Aufnahme der Sängerin wurde häufiger reproduziert als diese. Dabei, so erinnerte sich Gottlieb, habe Holiday damals nur so blendend ausgesehen, weil sie gerade eine längere Gefängnisstrafe abgesessen hatte, während der sie keinen Zugriff auf Drogen und Alkohol gehabt hatte.
Bekannt wie ein bunter Hund: Billie Holiday, die eigentlich Eleanora Fagan hieß, in der Garderobe des New Yorker Clubs Downbeat im Jahr 1946. Ihr Boxer, der auf den Namen "Mister" hörte, genoss in der New Yorker Jazzszene damals selbst eine gewisse Prominenz.
Jazz-Clown: Der Jazztrompeter Louis Armstrong albert im Juli 1947 im Backstage-Bereich des New Yorker Jazzclubs Aquarium herum. Eigentlich war William Gottlieb die Angewohnheit Armstrongs, wie ein Clown zu posieren, zuwider. Er wollte den Musiker einfangen "wie der stolze, großartige Musiker, der er war", wie Gottlieb in seinen Aufzeichnungen festhielt.
Pose mit Posaune: Der Jazz-Posaunist und Swing-Bigband-Leader Buddy Morrow, der eigentlich Muni Zudekoff hieß, macht Späße mit seinem Instrument. Ulkige Aufnahmen wie dieses 1946 in New York entstandene Foto gelangen Gottlieb immer wieder. Wie kaum einem anderen Jazzfotografen der damaligen Zeit gelang es ihm, eine so vertraute Beziehung zu den Künstlern herzustellen, dass diese sich vor der Kamera ganz ungezwungen zeigten.
Sportsfreund: Als Jazzpianist startete Nat King Cole seine Karriere. Berühmt wurde er jedoch vor allem als Sänger, der mit samtweichem Bariton Balladen wie "Unforgettable" oder "Stardust" schmachtete. Gottlieb fotografierte ihn 1939 nicht als Herzensbrecher im Anzug, sondern als Sport-Clown mit Basketball, Boxhandschuhen und Badmintonschläger auf einem Fahrrad-Heimtrainer in einer New Yorker Turnhalle. Cole galt als großer Sportfan. 1954 sagte er der Saturday Evening Post: "Der einzige Sport, der mich nicht interessiert, sind Pferderennen. Weil ich die Pferde nicht persönlich kenne."
Wohlbehütet: Jazz-Drummer Shelly Manne feierte als Mitglied der Big Bands von Woody Herman und Stan Kenton in den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren Erfolge. Für den Fotografen William P. Gottlieb verkleidete sich der Schlagzeuger als Asiate - und funktionierte seine Sticks zu Essstäbchen und eine Becken-Scheibe zum Hut um.
Aufs Wesentliche reduziert: Nur selten verfremdete Gottlieb seine Fotos in der Nachbearbeitung - wie bei diesem Bild eines berühmten Jazz-Trompeters, dessen charakteristischste Merkmale, die Trompete, seinen Kinnbart, die Brille und die Mütze, der Fotograf hervorhob. Bei dem Fotografierten handelte es sich um den Bebop-Vorreiter ...
... Dizzy Gillespie: Gemeinsam mit Musikern wie dem Pianisten Thelonious Monk und dem Saxophonisten Charlie Parker entwickelte Gillespie Mitte der vierziger Jahre einen neuen, schnelleren, vertrackteren Jazz-Stil, der bald als "Bebop" zur Grundlage des Modern Jazz werden sollte. Die Aufnahme zeigt Dizzy Gillespie im Jahr 1947, noch mit einer herkömmlichen Trompete. Die charakteristische Trompete mit abgeknicktem Horn, die zu Gillespies visuellem Markenzeichen wurde, spielte der Musiker erst ab Mitte der fünfziger Jahre.
Moment der Ruhe: Immer wieder gelang es Gottlieb, eine so enge persönliche Beziehung zu den fotografierten Personen aufzubauen, dass sie sich von ihm so ungestört ablichten ließen, als sei er nicht da. So wie bei diesem Bild von 1947, auf dem die Sängerin June Christy an der Schulter ihres Gatten Bob Cooper ein Nickerchen hält. Christy und Cooper hatten sich als Bandmitglieder des Stan Kenton Orchestra kennengelernt, in dem sie ihre Karrieren begannen.
Abgehoben: Larry Adler spielt Mundharmonika - oder "Mundorgel", wie er das Instrument, mit dem er berühmt wurde, stets zu nennen pflegte - während der Stepptänzer und Choreograph Paul Draper auf der Bühne hinter ihm herumalbert. Das Foto entstand 1947 im New Yorker City Center.
Voll in Aktion: Dirigent Leonard Bernstein kommt während einer wilden Darbietung in der New Yorker Carnegie Hall gehörig ins Schwitzen. Gottlieb schaffte es, mit größtmöglicher Präzision den Moment abzuwarten, an dem die Emotionen der fotografierten Person am stärksten sichtbar wurden, und dann den Auslöser zu drücken. Eine Disziplin, zu der ihn nicht zuletzt der Umstand zwang, dass er sich zu Beginn seiner Karriere nur drei bis vier Aufnahmen pro Abend leisten konnte.
Angespannte Stimmung: Sänger Frank Sinatra mustert 1947 während einer Aufnahmesession in der New Yorker Liederkrantz Hall mit skeptischem Blick die Noten, während Bandleader Stordahl das Orchester instruiert. Gottlieb erinnert sich, Sinatra sei während der Aufnahmen wegen seiner nachlassenden Popularität sehr angespannt gewesen, habe ständig an der Musik herumkritisiert und die Aufnahmen wegen angeblicher Fehler unterbrochen.
Vamp am Bass: Die Jazz-Bassistin Vivien Garry, ihr Mann und Gitarrist Arv Garrison und Pianist Teddy Kaye spielen 1947 gemeinsam als "Vivien Garry Trio" im New Yorker Dixon's.
Europäischer Jazzpionier: Der in Belgien als Sohn französischsprachiger Sinti geborene Gitarrist Django Reinhardt im November 1946 im New Yorker Jazzclub Aquarium. Reinhardt, der als einer der Begründer des europäischen Jazz gilt, erlitt 1928 bei einem Brand seines Wohnwagens schwere Verbrennungen an seiner linken Hand. Trotz dieses körperlichen Handicaps entwickelte er eine höchst virtuose Spieltechnik, bei der er lediglich Zeige- und Mittelfinger seiner verletzten Hand einsetzte.
Die Frisur sitzt: Cab Calloway war in den dreißiger Jahren nicht nur einer der populärsten Jazz-Sänger und Bandleader, sondern spielte auch in einigen Filmen mit. Bekannt ist vor allem sein Auftritt in "Blues Brothers" (1980). Das Bild zeigt Calloway 1947 im Columbia Studio in New York.
Warrrrrr: Jazz-Bassist Chubby Jackson trat in den sechziger Jahren vermehrt als Gastgeber in Kindersendungen auf. Auf dieser Aufnahme Gottliebs im Rahmen eines Konzerts im New Yorker Esquire Club 1947 zeigt der Musiker bereits seine Bespaßungs-Qualitäten.
Freigeist am Klavier: Thelonious Monk 1947 im Minton's Playhouse, New York. Der Pianist und Komponist gilt mit seinem innovativen und unverwechselbaren Stil als einer der großen Individualisten des Modern Jazz und Vorreiter des Bebop. Monk ist nach Duke Ellington der Jazzkomponist, dessen Werke am häufigsten aufgenommen wurden. Stücke wie "Blue Monk" oder "Straight, No Chaser" zählen noch heute zu den bekanntesten Jazzstandards.
Nicht damenhaft genug: Gottlieb fotografierte die Musikerin Dardanelle mit ihrem Hauptinstrument, dem Vibrafon. Besonders beeindruckt zeigte der Fotograf jedoch von der Vielseitigkeit der Multiinstrumentalistin, die neben dem Vibrafon auch Klavier und Fagott spielte und sang. Allerdings, so hielt Gottlieb in einer Konzertkritik fest, sei "dieses Hasten von einem Instrument zum nächsten nicht so vorteilhaft für ein zartes, junges Mädchen wie für einen muskulösen, schwitzenden Mann."
Strahlende First Lady: Ihr Bühnendebüt als Sängerin gab Ella Fitzgerald als 16-Jährige eher unfreiwillig. Als sie bei einem Talentwettbewerb ein Tanzstück aufführen wollte, zitterten ihr auf der Bühne die Beine so sehr, dass sie nicht tanzen konnte - woraufhin sie stattdessen ein Lied anstimmte. Eine folgenreiche Entscheidung: Mit ihrer Drei-Oktaven-Stimme und großem Improvisationstalent insbesondere beim lautmalerischen Scat-Gesang wurde sie im Jazz zur "First Lady of Song" des Jazz gekürt.
Zwei Innovatoren: Coleman Hawkins, links im Bild, gilt als der Musiker, der das Tenorsaxophon zur eigenständigen Jazzstimme machte. Das Bild zeigt Hawkins bei einem Auftritt im Three-Deuces-Jazzclub in New York mit dem jungen Miles Davis. Davis sollte in seiner weiteren Karriere maßgeblich an der Entwicklung diverser neuer Jazzstile wie dem Modalen Jazz, dem Hard Bop und vor allem dem Fusion Jazz beteiligt sein. Fotograf William P. Gottlieb gab jedoch im Interview zu, er habe sich mit Davis' modernen Jazzauffassungen nie anfreunden können. Gottlieb selbst bevorzugte die traditionelleren Jazzformen.
Drei Amerikaner mit dem Kontrabass: Die Jazzmusiker Jack Lesberg, Max Kaminsky und Peanuts Hucko posieren im Club Eddie Condon's, New York für William Gottliebs Kamera. In der Regel vermied Gottlieb jedoch inszenierte Fotografien wie diese - ihm ging es vor allem darum, das echte, unverfälschte Geschehen auf der Bühne einzufangen und im richtigen Moment die Gefühle des Musikers einzufangen.
Kaiser in Uniform: Der Schlagzeuger Joseph "Kaiser" Marshall trat unter anderem mit den Jazz-Größen Cab Calloway und Duke Ellington auf. Das Foto zeigt ihn in seiner exzentrischen Uniform bei einem Auftritt im Juli 1947 auf dem Times Square in New York.
Überflieger: In der Geschichte des Jazz gehört der Alt-Saxophonist Charlie Parker alias "Bird" zu den bedeutendsten Musikern. Er gilt als einer der Schöpfer des Bebop - einer Musikrichtung, die Anfang der vierziger Jahre den Swing ablöste und den Ursprung des Modern Jazz bildete. Bis heute beeinflusst Parkers Stil zahllose Musiker auf verschiedensten Instrumenten. Das Foto nahm William P. Gottlieb 1947 im Three Deuces auf.
Spiegel-Bild: Im Auftrag des Jazzmagazins "Down Beat" nahm William Gottlieb während der vierziger Jahre für die Rubrik "Through the Looking Glass" Jazzgrößen im Spiegel auf. Den Garderobenspiegel des New Yorker Paramoung Theaters nutzte er bei diesem Foto von 1947, um die umfangreiche Garderobe und die zahlreichen Puder und Cremes, mit denen sich der stets als eleganter Gentleman herausgeputzte Pianist Duke Ellington bühnenfein machte, mit in den Blick des Betrachters zu rücken.
Graf am Piano: Zu den liebsten Anekdoten des Fotografen William P. Gottlieb gehörte die Geschichte, wie es ihm vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs trotz des noch offenen Rassismus gelungen war, in Washington ein gemeinsames Konzert des schwarzen Jazzpianisten Count Basie und seiner Band und der Band des weißen Dixieland-Musikers und Sängers Bob Crosby zu arrangieren. Das Bild zeigt Basie bei einem Auftritt im New Yorker Jazzclub Aquarium Mitte der vierziger Jahre.
King des Swing: Der Klarinettist und Bandleader Benny Goodman gilt als einer der bedeutendsten Musiker des Swing - nicht zuletzt weil er als erster Big-Band-Leader in seinem Orchester schwarze und weiße Musiker gemeinsam spielen ließ. Auch für den Fotografen Gottlieb war die Überwindung des in den Vierzigern in den USA noch schwelenden Rassismus ein persönliches Anliegen: Während seiner Zeit als Dozent an der Lehigh Universität in Bethlehem, Pennsylvanie war es ihm von der Universitätsleitung untersagt worden, Kurse über Jazzmusik anzubieten. Man hatte, wie Gottlieb auf Umwegen erfuhr, befürchtet, schwarze Musiker würden in einem solchen Seminar zu positiv dargestellt werden.
Der Mann hinter den Bildern: Der Fotograf William P. Gottlieb stieg gegen Ende der vierziger Jahre aus der Jazzfotografie aus - zu sehr belasteten die langen Nächte in den Clubs der Stadt sein Familienleben. Er arbeitete anschließend unter anderem sehr erfolgreich als Autor und Illustrator von Kinderbüchern. Erst 1979 erlebten seine Jazzfotografien eine Renaissance - mit der Veröffentlichung des Bildbandes "The Golden Age of Jazz". Gottlieb starb am 23. April 2006 an den Folgen eines Herzinfarkts.