Fotoreporter in den Vierzigern Blut, Sex, Tränen
Im Rotlichtmilieu zu Hause: "Die erste Frau, die je 'Liebling' zu mir sagte, war eine Hure", schrieb Weegee einmal. Der Samstag, sein einziger freier Wochentag, war für ihn prinzipiell sein "Tag zum Rumhuren". Entsprechend oft tauchten Damen des Rotlichtmilieus auf seinen Bildern auf - wie diese 1946 fotografierte Tänzerin, von der Weegee behauptete, sie sei das Lieblingsmodell des mexikanischen Malers Diego Rivera gewesen.
Weegee am Tatort: Am 9. Dezember 1939 wurde David Beadle, auch bekannt als "David the Beetle", vor der New Yorker "Spot Beer Tavern" erschossen. Nicht nur die Polizei, sondern auch Weegee (rechts im Bild) waren gleich zur Stelle. Seinen engen Draht zur Polizei pflegte der Fotograf, indem er sich möglichst oft in der Hauptpolizeiwache von Manhattan aufhielt und sich mit den Polizisten anfreundete.
Freund und Helfer: Im Sommer 1940 erlitt New York eine ungewöhnliche Hitzewelle. Das Leben verlagerte sich an den Stadtstrand, an dem sich gigantische Menschenmengen sammelten. Im Durcheinander verloren viele Eltern ihre Kinder aus den Augen - wie diese drei Kinder, die ein New Yorker Polizist an der Hand genommen hat. Wie immer, wenn etwas in der Stadt passierte, war Weegee mittendrin im Geschehen.
Schaulustige eines Mordes: Immer wieder hielt Weegee in seinen Bildern nicht nur Verbrechen, Unfälle und Unglücksfälle fest, sondern auch die Reaktionen der Menschen ringsum. Hier hielt er die verschiedenen Emotionen - vom Weinen bis zum Lachen - der Menschen, die vor der blutüberströmten Leiche eines erschossenen Kleingangsters stehen, fest.
Besessen vom Fotografieren: Mit 14 Jahren kaufte Weegee, hier am 27. Juli 1945, der sich damals noch Arthur Fellig nannte, sich seine erste Kamera. Fortan ließ ihn die Leidenschaft für das Fotografieren nicht mehr los. Er erklärte später: "Ich glaube, ich bin schon als Fotograf auf die Welt gekommen, mit Fixierbad im Blut."
Draufhalten, wo andere wegschauen: Weegees Interesse galt schon immer den Stellen, an denen der Deckmantel der Zivilisation brüchig wurde. Weder Höflichkeit noch Scham vor gesellschaftlichen Tabus hielten ihn je davon ab, ein Foto zu schießen - wie bei diesem Bild einer Frau in einer Nachtbar, die offenbar Opfer häuslicher Gewalt geworden war.
Tatortaufnahme: Ein Polizist außer Dienst hatte am 3. Februar 1942 den Kleinkriminellen Andrew Izzo und drei andere bei einem Raubüberfall überrascht. Er erschoss Izzo, während die anderen drei flüchten konnten. Weegee fotografierte den toten 24-Jährigen auf dem Gehweg liegend. Die Waffe vor ihm ist die, die er bei dem Überfall benutzt hatte. Die Aufnahme wurde zu einer der berühmtesten in Weegees Werk.
Spektakuläres Flugzeugunglück: Eine Nonne beobachtet entsetzt die Flammen, die am 3. August 1945 aus dem Empire State Building schlagen, nachdem ein Flugzeug mit dem obersten Stockwerk des Gebäudes kollidiert ist. Die Gesichter der Schaulustigen faszinierten Weegee oft ebenso sehr wie das Ereignis selbst.
Persönliche Schmerzgrenze: Während eines Wohnungsbrands stehen eine Mutter und ihre Tochter auf der Straße und weinen. Im Inneren verbrennt gerade eine andere Tochter mit ihrem Baby, die es nicht rechtzeitig nach draußen geschafft hat. Über dieses Bild sagte Weegee, der sich meist ausgesprochen gefühlskalt gegenüber dem Fotografierten Elend zeigte, er habe selbst geweint, als er es aufgenommen habe.
Nachtschwärmer: Im Nachtleben von New York fühlte Weegee sich zu Hause - auf den Straßen, in den Bordellen und in verrauchten Bars. Hier hielt er eine Gruppe von Männern rund um den Minderwüchsigen "Shorty" in der Nachtbar "Sammy's Bowery" im Bild fest.
Mittendrin statt nur dabei: Weegee tauchte als Fotograf selbst voll ein in das Nachtleben New Yorks. Hier fotografierte er über die Schulter eines Posaunisten hinweg das begeisterte Publikum bei einem Swing-Konzert im November 1946.
Schnappschuss: Weegees Werk beschränkte sich nicht allein auf Bilder von Verbrechen, Gangstern und Unfällen. Hier hielt er am 1. November 1946 einen Schauspieler im Bild fest, der sich gerade für seine Rolle als Cellist in einem Theaterstück mit einem Stuhl als Requisite vorbereitet.
Geballtes Leben: Seit seiner Kindheit war Weegee ein ausgeprägter Nachtmensch - und so entstanden auch die meisten seiner Bilder im nächtlichen New York. Eine der seltenen Ausnahmen dieser Regel bildet diese Aufnahme einer Menschenmenge auf dem Strand von Coney Island im Juli 1940.
Fotoexperimente: Nach seinem kommerziellen Durchbruch in den vierziger Jahren wandte Weegee sich immer stärker von seinen Verbrechens- und Unfallfotografien ab, und begann, mit dem Medium zu experimentieren. Insbesondere beschäftigte er sich mit Fotokarikaturen berühmter Persönlichkeiten - wie diesen Aufnahmen, die im April 1962 in der Zeitschrift "Mechanix Illustrated" veröffentlicht wurden.
Tricksereien mit der Kamera In diesem Artikel aus der Zeitschrift "Mechanix Illustrated" erklärt Weegee, wie er seinen Karikatureffekt erzielte: Er erhitzte durchsichtiges Plastik im Backofen, verbog es und warf es in ein kaltes Wasserbad. Anschließend hielt er es bei der Aufnahme vor das Objektiv und erzeugte so Lichtbrechungen, die die Proportionen des fotografierten Gesichts manipulierten.
Hochhausstern: In seinem Spätwerk beschäftigte sich Weegee immer stärker mit fotografischen Experimenten und Fotomontagen - wie diesem kaleidoskopisch anmutenden Bild aus dem Jahr 1964. Weegee fotografierte einen Helikopter, der vor einem Hochhaus vorbeifliegt, durch eine spezielle Linse, die das Motiv mehrfach spiegelte.
Toter Gangster: Am 9. Dezember 1939 liegt David Beadle, genannt "The Beetle" - "Der Käfer", erschossen auf einem Gehweg in den Straßen New Yorks. Mehrere Männer wurden beobachtet, wie sie in einem Taxi den Tatort verließen. Die benutzte Waffe wurde in der Nähe unter einem Auto gefunden. Weegee betrachtete jeden toten Gangster als einen Beitrag zur "Slum-Sanierung. Ich sage mir: 'Gut, dass sie weg vom Fenster sind!'"
Hoch hinaus: Mit besonderem Argwohn und Spott fotografierte der in ärmsten Verhältnissen aufgewachsene Weegee die Oberschicht New Yorks - wie dieses Pärchen, das am 1. November 1946 eine Modenschau in New York verlässt. Das Blitzlichtfoto entlarvte, dass beide dabei Schuhe mit Plateausohlen trugen.
Posen-Phobiker: Weegee bemühte sich, einen unverstellten, schamlosen Blick auf die Menschen in der Stadt zu werfen und fotografierte Menschen bevorzugt, wenn sie sich völlig unbeobachtet fühlten. Dazu fotografierte er heimlich mit Infrarotlicht in Kinos, stellte seine Kamera ab und löste sie unerwartet per Fernzünder aus, oder lichtete oft auch Menschen im Schlaf ab - wie diese Familie am Strand von Coney Island im Sommer 1940 während der großen Hitzewelle.
Sendungsbewusstsein: In seinem Beruf war Weegee ständig mit dem Auto unterwegs - auch wenn Benzin 1942 teuer war. Da er sich von den vermeintlich neidischen Blicken anderer Verkehrsteilnehmer belästigt fühlte, brachte er ein Schild an seinem Auto an, das erklärte, er verbrauche nicht zum Vergnügen Sprit, sondern aus rein dienstlichen Gründen.
Feuerwasser: Schon als junger Mann hatte Weegee eine innige Beziehung zum Alkohol - gemeinsam mit seinem Geigenlehrer hatte er in dessen Badezimmer illegal Gin gebrannt. Und auch später befand er sich auf seinen nächtlichen Streifzügen oft umringt von Betrunkenen - wie diesem Schuhputzer in einer Bar.
Gefühlsmensch: Eine Männergesangsgruppe in der Nachtbar "Sammy's" in der New Yorker Bowery. Von klein auf hatte Weegee sich für Musik interessiert - als junger Mann verdiente er sich Geld dazu, indem er zu Stummfilmen die Geige spielte. Rückblickend sah er den Job als eine "Art unbewusster Vorbereitung auf meine Arbeit als Fotograf" - schließlich habe er auch mit seiner Musik die Menschen schon zum Weinen oder zum Lachen gebracht.