Frauengefängnisse in Sierra Leone Sehnsucht nach zu Hause
Unter sich: In Sierra Leone gibt es nur zwei Gefängnisse, in denen ausschließlich Frauen eingesperrt sind. Meist sitzen sie in einem separaten Flügel von Haftanstalten, in denen auch Männer inhaftiert sind. Das "Freetown Female Correctional Centre" ist das einzige Frauengefängnis in der Hauptstadt des Landes. Der spanische Fotograf Boaz Reisel hat dort mit den Frauen über die Zustände vor Ort gesprochen.
Die Zahl der weiblichen Gefangenen in Sierra Leone hat sich laut Reisel in den letzten drei Jahren verdoppelt. Im "Freetown Female Correctional Centre" sind derzeit etwa 90 Frauen und ihre Kinder untergebracht - darunter auch Insassinnen, die zum Tode verurteilt sind oder die lebenslange Haftstrafen verbüßen.
Für Mord, Verrat und bewaffneten Raubüberfall wird in Sierra Leone immer noch die Todesstrafe verhängt. Die Mehrheit der weiblichen Gefangenen wird jedoch wegen geringfügiger Straftaten wie Diebstahl oder nicht beglichener Schulden inhaftiert.
Die Organisation AdvocAid Sierra Leone setzt sich für die inhaftierten Frauen ein, versucht, ihnen Zugang zu juristischer Hilfe und Bildung zu verschaffen. Seit 2006 wurden mit ihrer Unterstützung vier Frauen im Todestrakt durch Berufung befreit und über 4000 Frauen kostenlos beraten. "Gebt uns Anwälte", steht auf dem Zettel, den diese Frau hochhält.
Mit Unterstützung von AdvocAid konnte sich Fotograf Boaz Reisel mehrere Tage im "Freetown Female Correctional Centre" aufhalten und die Zustände dokumentieren. Medikamente und Hygieneartikel wie beispielsweise Damenbinden sind Mangelware im Gefängnis.
Die Frauen erzählten dem Fotografen auch von ihren Straftaten - auf den Bildern wollen sie aber nicht zu erkennen sein. Josephine, hier von hinten zu sehen, verkaufte Palmöl, um sich und ihre drei Kinder zu versorgen. Als sie von einem Kunden betrogen wurde, konnte sie ihre Lieferanten nicht mehr pünktlich bezahlen und wurde von ihnen angezeigt. Die Frau sitzt jetzt eine zweijährige Haftstrafe ab - ihre Kinder hat sie schon lange nicht mehr gesehen.
Seit fast drei Jahre wartet Aminatta auf ihr Berufungsurteil. Viele Frauen sitzen viel zu lange im Gefängnis, weil ihr Prozess noch nicht begonnen hat oder weil sie es sich nicht leisten können, statt in Haft zu gehen eine Geldstrafe zu bezahlen. "Ich möchte jetzt das Gefängnis verlassen", steht auf ihrem Blatt Papier.
Viele Frauen werden mit ihren Kindern im Gefängnis festgehalten. Es gibt keine offizielle Regelung, aber meist handelt es sich dabei um Jungen und Mädchen, die maximal zwei Jahre alt sind. Danach werden die Kinder an ein Familienmitglied oder ein Waisenhaus übergeben.
Gemeinsam mit der pädagogischen Hilfsorganisation EducAid führt AdvocAid Alphabetisierungskurse im Gefängnis durch. Serah, eine der Teilnehmerinnen, sagt: "Ich möchte andere Frauen ermutigen und inspirieren, den Unterricht aufzunehmen, und ihnen zeigen, dass es nicht zu spät ist zu lernen."
Aminata, eine der Frauen, die in dieser Zelle sitzen, war erst 17 Jahre alt, als sie vor acht Jahren verhaftet wurde. Sie hat ihren Ex-Freund, der sie missbraucht hatte, umgebracht und wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt. 2011 wurde ihre Strafe von der Regierung allerdings in eine lebenslange Freiheitsstrafe umgewandelt.
Nachdem ein Fall vor dem Obersten Gerichtshof verhandelt wurde, müssen Frauen in Untersuchungshaft Monate bis Jahre warten, bis ihr Prozess beginnt - Mariatu fordert, etwas dagegen zu tun: "Helft uns mit schnellen Anklagen", steht auf ihrem Zettel. Die meisten Frauen sind die Haupternährerinnen der Familie und betreuen die Kinder. Lange Abwesenheit hat für die Familien oft katastrophale Konsequenzen.
Die Regenzeit in Freetown dauert von Mai bis Oktober. Das Wetter ist eine weitere Herausforderung beim Leben im Gefängnis - Wäsche lässt sich nur schwer trocknen, zudem verbreiten sich Krankheiten schneller.
Drei dieser hier zu sehenden Frauen sind Sexarbeiterinnen, sie wurden nachts von der Polizei aufgegriffen. Ihre Eltern sammelten genug Geld, um Geldstrafen zu bezahlen. Die Frauen wählten stattdessen aber die Gefängnisstrafe. Sie wussten, dass die Geldzahlungen ihre Familien finanziell schwer belastet hätten.
Kadijah verließ die Schule und heiratete kurz nach ihrem 17. Geburtstag einen Mann, den sie nie zuvor getroffen hatte. Sie musste die Familie alleine ernähren, da ihr Mann sie nicht unterstützte. Im Jahr 2011 wurde sie bei einem Diebstahl erwischt und verbrachte über drei Jahre in Untersuchungshaft, bevor ihr Fall endlich verhandelt wurde und sie ihre Strafe absitzen konnte. Kurz nachdem diese Aufnahme gemacht wurde, wurde sie entlassen, verließ ihren Mann und zog mit ihren Kindern nach Freetown.