Rassismus in Sachsen Freital - die schweigende Stadt
"Früher war alles" - besser, schlechter, anders? Am Dresdner Schauspielhaus thematisiert ein Theaterstück die gesellschaftliche Entwicklung im sächsischen Freital.
Das Stück, in dem Laienschauspieler aus der Kleinstadt bei Dresden auftreten, ist eine Reaktion auf eine ganze Reihe von Ereignissen, die Freital seit 2015 bundesweit bekannt gemacht haben.
Die Stadt mit ihren etwa 40.000 Einwohnern im Südosten Sachsens ist vor allem für eines bekannt: rassistische Übergriffe, rechte Kundgebungen und eine Terrorgruppe.
Unter anderem wegen Sprengstoffanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte mussten sich sieben junge Männer und eine Frau seit März 2017 vor dem Dresdner Oberlandesgericht verantworten.
Die Richter verhängten mehrjährige Freiheitsstrafen gegen die Mitglieder der "Gruppe Freital" - die war aus einer Bürgerwehr hervorgegangen.
Der Prozess fand unter strengen Sicherheitsauflagen statt, nach exakt einem Jahr fiel das Urteil. Demnach handelte es sich bei den Taten der Gruppe um rassistischen Terror.
Michael Richter wurde Opfer eines mutmaßlich rechtsextremen Anschlags: Ein in Deutschland verbotener Böller zerstörte das leere Auto des Linken-Stadtrats. Als er vor Gericht im Zeugenstand aussagte, brach der Lokalpolitiker in Tränen aus.
Im September 2015 wurde ein Anschlag auf ein Büro der Linkspartei in Freital verübt, auch dafür soll die "Gruppe Freital" verantwortlich sein.
Notdürftig mit Holz verriegeltes Fenster einer Freitaler Flüchtlingswohnung: Im November 2015 wurden Sprengsätze vor den Fenstern deponiert, ein syrischer Bürgerkriegsflüchtling wurde bei dem Anschlag im Gesicht verletzt.
Spätestens im Sommer 2015 soll die Gruppe Freital entstanden sein - zu einer Zeit, als die Stadt international Schlagzeilen machte mit Protesten vor einer Flüchtlingsunterkunft.
Das ehemalige "Hotel Leonardo" in Freital: In das Flüchtlingsheim zogen im Frühjahr 2015 Flüchtlinge. Diese Entscheidung führte zu heftigen Protesten.
Die Ausschreitungen wurden schon bald ein Fall für die Sicherheitsbehörden: Die Polizei begleitete die Kundgebungen mit einem massiven Aufgebot. Dieses Bild zeigt eine Festnahme vor der Unterkunft im Juni 2015.
Der Konflikt drohte zu eskalieren, als tagelang Hunderte Demonstranten abends zum "Hotel Leonardo" marschierten, das die Polizei schließlich mit Einsatzkräften abriegelte.
Großeinsatz vor dem Hotel Freital: Eine zentrale Rolle spielten Rechtspopulisten wie der Pegida-Mitbegründer Lutz Bachmann, die mehrere Aufmärsche vor dem Flüchtlingsheim organisiert hatten.
Stefan Vogl engagierte sich in Freital von Anfang an für die Zuwanderer - und gehört nun zu denjenigen, die in dem Theaterstück über die Geschichte der Stadt auftreten.
Vogl glaubt, dass sich im Sommer 2015 in Freital eine schweigende Mehrheit bildete: Während einige immer nur noch lauter geworden seien, hätten sich viele andere in die innere Emigration zurück gezogen.
Diese Entwicklung thematisiert auch das Theaterstück - in dem sagt Darsteller Vogl einen Satz, den er auch als Privatperson richtig findet: Man dürfe Feuer nicht mit Feuer bekämpfen.
Vogl stellte sich daher 2015 nicht an der Seite von Antifaschisten und Flüchtlingshelfern vor das Flüchtlingsheim, sondern organisierte im "Willkommensbündnis Freital" unter anderem Sportabende für Migranten.
Andere versuchen es mit Politik - so wie die Flüchtlingshelferin Steffi Brachtel (l.) und die Grünen-Stadträtin Ines Kummer (r.). "Ich hoffe einfach", sagt Brachtel, "dass es irgendwann ganz normal ist, sich zu Wort zu melden und zu engagieren."
Brachtel und Kummer gehörten bereits 2015 zu denjenigen im Ort, die sich stark machten gegen Rassismus. Brachtels Sohn Nico (l) lebt inzwischen in Dresden, der Linken-Politiker Michael Richter (r.) hat Freital wegen der Anfeindungen inzwischen verlassen.