Geschichte der Seenotrettung Mayday - und hinaus in den Sturm
Der Frachter "Pallas" geriet 1998 in der Nordsee in Brand und lief vor Amrum auf Grund, Treibstoff verseuchte die Strände im Wattenmeer. Auch für solche Einsätze müssen Seenotretter heute gewappnet sein: Es geht nicht allein um Schiffsmannschaften in Gefahr, sondern ebenso darum, große Hilfseinsätze zu koordinieren und Umweltkatastrophen zu verhindern - die Aufgaben haben sich in 150 Jahren deutlich verändert.
Rettung Schiffbrüchiger auf einem Holzstich von 1894: Wenn der Notruf kam, machten sich die Männer auf den Weg - mit der Pferdekutsche möglichst nah an die Unglücksstelle, dann im offenen Kahn hinaus aufs Meer.
Der Eisbrecher "Stephan Jantzen", hier 2003 in Greifswald, ist nach einem Pionier unter den Seenotrettern benannt. Jantzen wurde in den 1860er Jahren Lotsenkommandeur und übernahm zusätzlich in Warnemünde die Leitung eines neuen Postens der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS), die 1865 entstand.
Grabstätte von Stephan Jantzen: Für seine Verdienste bei der Rettung Schiffbrüchiger wurde er unter anderem vom deutschen Kaiser, vom portugiesischen und vom dänischen König geehrt.
Von der Muskel- zur Motorkraft: Jahrzehntelang mussten die Retter allein ihrem Mut und ihrer Kraft trauen, wenn sie der tobenden See trotzten. Auf diesem Foto erreichten sie ein Wrack schon mit dem Motorrettungsboot.
Strand von Borkum: Schon wenige Jahre nach Gründung der DGzRS reichte die Reihe von Stationen an der deutschen Nordsee- und Ostseeküste von Borkum ganz im Westen, nahe der holländischen Grenze, bis zum kurischen Nimmersatt im heutigen Litauen.
An den Strandhallen in Westerland auf Sylt (Foto von 1902): Nur zum Spaß fuhr im 19. Jahrhundert praktisch niemand aufs Meer hinaus. Aber bald gab es erste Badeanstalten wie auf Sylt, die Menschen paddelten und angelten, später begannen sie zu segeln, auf Motorjachten zu fahren und zu surfen. Und die Wassersportler sind es, die von den Rettern die häufigsten Einsätze verlangen.
Der Seenotrettungskreuzer "Hermann Marwede", hier 2010 vor Cuxhaven, gilt als größter und leistungsfähigster Rettungskreuzer der Welt und kommt an einer Kreuzung wichtiger Seewege zum Einsatz: In der Deutschen Bucht läuft der Verkehr aus drei Flüssen und aus der Nordsee zusammen.
Altgedient: Die Seenotkreuzer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) sind hochmotorisierte, wendige Schiffe, getrimmt auf den Einsatz auf hoher See. Der hier abgebildete Seenotkreuzer "Theodor Heuss" war vom 1957 bis 1985 im Einsatz und das erste Schiff der 23,3-Meter-Klasse der DGzRS - die man entsprechend auch die "Theodor-Heuss-Klasse" nannte.
Technischer Quantensprung: Nicht immer hatte die DGzRS solch große, sichere Rettungskreuzer auf ihren Einsätzen zur Verfügung. Dass beginnend mit dem Rettungsboot "Oberinspector Pfeifer" überhaupt motorisierte Rettungsboote eingesetzt werden konnten, war 1911 eine wegweisende Neuerung. Zuvor hatten die Retter zu ihren Einsätzen rudern müssen.
Stoff für Legenden: Die Einsätze der Seenotretter waren und sind immer mit Gefahren verbunden. So erlebte die Mannschaft des 1887 auf Langeoog in Dienst gestellten Ruderrettungsboots "Reichspost" bei einem Rettungseinsatz 1942 im Packeis vor der Insel dramatische Szenen: Nur über loses Treibeis kriechend überlebten die Retter und Geretteten, ihr Boot mussten sie aufgeben. Es blieb der letzte Einsatz eines Ruderrettungsboots durch die DGzRS.
Vorsintflutlich: Während heute selbstaufblasende Rettungswesten oder solche mit einer nicht wasseraufsaugenden Kunststofffüllung üblich sind, verwendeten Seenotretter früher Korkwesten. Schon im Mittelalter war Kork zum Zweck des Auftriebs benutzt worden.
Seenotrettung im 19. Jahrhundert: Rettungsmänner der DGzRS bereiten am Strand den Abschuss einer Rakete vor, um eine Leinenverbindung zu einem gestrandeten Schiff herzustellen und die Besatzung zu retten.
Heldenehrung: Auch wenn kein Heldenkult um einzelne Seenotretter entstand, wurde ihnen für ihren selbstlosen Einsatz auf See großer Respekt entgegengebracht. Dieses Bild des berühmten Marinemalers Claus Bergen zeigt einen Ruderrettungsbooteinsatz im 19. Jahrhundert.
Transport: Bei schlechten Wetterbedingungen konnte bereits das Zuwasserlassen von Rettungsbooten eine erhebliche Herausforderung bedeuten - wenn das Boot etwa über Packeis ins Wasser gezogen werden musste. Auf diesem Bild eines auf einen Ablaufwagen mit Pferdegespann aufgebockten Bootes ging der Transport offenbar jedoch reibungslos vonstatten.
In letzter Sekunde: Oft bargen Seenotretter Schiffbrüchige in den verzweifeltesten Situationen. Nach dieser Schiffskollision hält sich ein Besatzungsmitglied im stürmenden Meer an der Takelage seines schon halb versunkenen Schiffes fest.
Nachbarn: Auch in den Niederlanden ist, wie in Deutschland, die Seenotrettung nicht staatlich organisiert. Statt der DGzRS läuft dort die Koninklijke Nederlandse Redding Maatschappij (kurz KNRM) aus, um Ertrinkende zu bergen; hier ein historisches Bild mit Ruderrettungsboot.
Mühsam: Mannschaft eines historischen Ruderrettungsbootes aus den Niederlanden auf dem Weg zum Einsatz. Bei Rettungseinsätzen kooperieren niederländische und deutsche Kräfte bis heute - und führen regelmäßig auch wechselseitig grenzüberschreitende Bergungen durch.
Britische Rettungskräfte: Im Vereinigten Königreich übernimmt seit dem 19. Jahrhundert die Royal National Lifeboat Institution Seenotrettungseinsätze. Die nicht genau datierte Aufnahme eines RNLI-Rettungsboots entstand zwischen 1867 und 1887.
Schaltzentrale: Die deutschen Rettungseinsätze auf dem Meer werden von Bremen aus koordiniert. Hier sitzt die Seenotleitung Bremen, die rund um die Uhr mit Nautikern und Funkern besetzt ist.
Die Nacht des Wunders: Manchmal geraten auch Seenotretter in Seenot. Wie Dieter Steffens: Eine Monsterwelle riss ihn über Bord, mitten im Orkan trieb er nachts in der Nordsee und wusste um seine geringe Überlebenschance. Was dann geschah, erzählt er hier.
Klassenfahrt in Havarie: Im September 1995 fuhr Seenotretter Rolf Detlefsen an Bord des Seenotkreuzers "Nis Randers" aus zu einer Übung auf die Ostsee. Als er glaubte, den Tag bereits überstanden zu haben, braute sich ein Sturm zusammen - und 18 Schüler an Bord des Segelschiffes "Pippilotta" gerieten in Not. Detlefsen erlebte einen Rettungseinsatz, den er nie mehr vergessen sollte.
Vorzeigeschiff: Im Februar 1967 war der Seenotrettungskreuzer "Adolph Bermpohl" das modernste Schiff der DGzRS-Flotte und erst seit wenigen Monaten im Dienst. Doch im Orkan sollte die erfahrene Crew vor Helgoland in höchste Gefahr geraten - eine Tragödie im schwersten Sturm seit Beginn der Wetteraufzeichnung in der Nordsee.
Rettender Feind: Als der junge britische Soldat Erwin Barnes am Abend des 7. März mit seiner Bomberstaffel in Richtung Hamburg-Harburg abhob, hatte er bereits eine dunkle Vorahnung. Tatsächlich verlief der Einsatz nicht wie geplant, ihr Flugzeug stürzte über der Nordsee ab. "Ich dachte: 'Warum müssen wir das tun? Es brennt doch bereits'", erinnerte er sich später an die Zweifel an seinem Einsatz. Deutsche Seenotretter bewahrten ihn vor dem Tod. .
Seemannsgrab im Hubertgat: Seit sie denken konnte, fuhr ihr Mann zur See. Im Dienst der DGzRS riskierte er sein Leben. Doris Gruben machte das keine Angst mehr. Dann kenterte sein Kreuzer im Orkan - und sie stand vor der größten Prüfung ihres Lebens. Als sie vom Tod ihres Mannes erfuhr, war Doris Gruben wie gelähmt.
Johann Eberhardt jr. (1932-2012) stammte aus einer Familie von Seefahrern, die in der Seenotrettung eine lange Tradition hat. Im Jahr 1975 war er Vormann auf dem Seenotrettungskreuzer "Theodor Heuss", als ein dänisches Baggerschiff auf der Ostsee in Not geriet und "Mayday" funkte. Die Retter rückten sofort aus, jede Minute zählte.
"Eher aus Frust" ging Wolfgang Rätzer zum Seenotrettungsdienst der DDR. Eigentlich wollte er Kapitän werden, aber nicht in die Partei eintreten. 26 Jahre lang arbeitete er dann als Seenotretter und erzählt hier von seiner Arbeit.
Ankerherz Verlag