Gesellschaftsspiele in der DDR Auferstanden aus Kopien
Als der Kapitalismus in die DDR kam: Aus einer alten Kühlschrankabdeckplatte entstand in tagelanger Kleinstarbeit dieses "Monopoly"-Spiel der Familie S. Gemeinschaftskarten, Ereigniskarten, Häuserkarten - sogar das Spielgeld wurde mit viel Liebe selbstgebastelt. In der DDR war "Monopoly" verboten. Wer das vielleicht kapitalistischste Spiel der damaligen Zeit in der DDR spielen wollte, musste es nachbauen.
Im Westen nichts Neues: So sieht der 1935 erfundene Spieleklassiker "Monopoly" in Deutschland aus. Von der Badstraße bis zur Schlossallee müssen die Spieler immer wieder im Kreis laufen, Straßen kaufen, Häuser und Hotels bauen, Miete bezahlen und manchmal auch ins Gefängnis gehen. Das Gesellschaftsspiel ist eines der meistverkauften der Geschichte - und auf der ganzen Welt bekannt. Nur im Ostblock war es stets verpönt, Stalin ließ es in der Sowjetunion verbieten.
Original-Ereigniskarte: Die Texte auf den Ereigniskarten von "Monopoly" sind zumeist recht knapp gehalten und halten für den Spieler von Geschenken bis Gebühren alles bereit. Auch bei den Gemeinschaftskarten drohen Zahlungsaufforderungen und winken Belohnungen.
Ein großes Ereignis: Familie S. hatte sich auch bei den kopierten Ereigniskarten genau an den Originaltext gehalten. Doch nicht jeder Bastler in der DDR verfuhr so. Die Beschriftungen richteten sich oft nach der Lebenswirklichkeit der Bürger im Osten, wie etwa bei...
...Peggy aus Leipzig. Als junges Mädchen bastelte sie sich ihr eigenes "Monopoly" und verarbeitete dabei auch ihre eigenen Erlebnisse in den Ereigniskarten. Ein gebrochenes Bein ließ sie dort behandeln, wo sich auch im realen Leipzig ein Kinderarzt befand: in der Querstraße. Manchmal ging mit der 12-Jährigen auch die kindliche...
...Phantasie durch. Ins Gefängnis und dreimal aussetzen musste jedenfalls ein Mitspieler, der seinen Ehemann "fast ermordet" hatte. Aber immerhin: Auch der Gang in den Knast war bei Peggy ein Ereignis, das einen Grund hatte. Im Original-"Monopoly" zieht der Spieler eine Karte und landet unverhofft und grundlos im Gefängnis.
Hut ab: Die "Monopoly"-Figuren machen wirklich einen glänzenden Eindruck. Hut, Auto, Fingerhut - der Spieler kann sich allerhand lustige Gegenstände aussuchen, die ihn bei seiner Reise rund um das Brett begleiten. Gar nicht glänzend, aber umso liebevoller wirken...
...die aus Suralin gebastelten Spielfiguren aus der DDR-Zeit. Die Knetmasse war im kühlen Zustand formbar und wurde zum Härten in den Ofen gelegt. Suralin hatte einen unschätzbaren Vorteil: die so gefertigten Gegenstände waren extrem lange haltbar - färbten sich aber mit der Zeit dunkel ein.
Original-"Malefiz": Bereits 1960 erschien die erste Ausgabe des bis heute beliebten Klassikers, der inzwischen auch in einer schnelleren Variante als "Spongebob Malefiz", als Computerspiel und sogar seit 2007 als Multiplayer-Onlinespiel veröffentlicht wurde. Ziel des Spiels ist es, seine fünf Spielsteine bis zum oberen Zielpunkt zu bringen - und die Gegner genau daran zu hindern. In der DDR kopierte...
...ein NVA-Soldat "Malefiz" aus dem Gedächtnis. Der Konstrukteur erinnert sich auf nachgemacht.blogspot.com an die Entstehungsgeschichte: "Meine Cousine besaß ein Malefiz. Da wir uns in der Armee abends oft langweilten, habe ich es aus meiner Erinnerung heraus nachgebaut. Das erste Brett war rund, mein zweites bestand aus Holzbrettuntertischen von Schulbänken. Darauf brannte ich mit dem Ende einer Rouladennadel die Lauffelder. Ein Kollege drehte mir aus einem Stahlstück die passenden Barrikaden."
Original-Alaska: Bereits in den siebziger Jahren entwickelte der Engländer Eric W. Solomon das Legespiel "Alaska". Die Spieler müssen dabei Container in ihr Camp retten, bevor das Eis getaut ist. Ein Eisbär bedroht sie ebenso wie die gegnerischen Spieler und das tauende Eis. Das Spiel erschien 1979 und war gleich so beliebt, dass es noch im gleichen Jahr in der Auswahl zum "Spiel des Jahres" landete. Allerdings musste es sich dort dem Konkurrenten "Hase und Igel" geschlagen geben.
Ein Braunbär in Sibirien: Auch in der DDR wollte man sich über die Eisschollen Alaskas kämpfen - und wenn möglich auch die Verpackung des Spiels nachahmen. Weil irgendwo im Zusammenhang mit dem Original von Hubschraubern die Rede war, klebte der Bastler dieser Kopie kurzerhand das Bild eines russischen "Mi24"-Helikopters auf die Bausteinkiste. Auch der Eisbär mutierte über die Jahre zum Braunbär, da das weiße Suralin nachdunkelte. Die Autos hingegen...
...konnten problemlos aus dem "DDR-Lego", den sogenannten Pebe-Steinen, gebastelt werden.
Original-"Heimlich & Co": 1984 erschien das Agentenspiel "Heimlich & Co" zum ersten Mal und wurde seitdem mit Preisen überhäuft und mehrmals neu aufgelegt, unter anderem auch auf Englisch, Niederländisch und Spanisch. Jedem Spieler wird zunächst ein Geheimagent zugelost - die Identitäten der Gegner bleiben jedoch unklar und werden erst am Ende aufgelöst. Es gilt, Punkte zu sammeln, die den Häusern entsprechen, in denen man sich gerade aufhält.
Noch mehr Agenten: Dieses "Heimlich & Co" wurde von einem Erzieher eines DDR-Kinderheims nachgebaut, dessen Hobby das Kopieren von Westspielen war. Im Fall von "Heimlich & Co" passte er den Nachbau seinen eigenen Bedürfnissen an. Er erhöhte die Anzahl der Spieler, damit mehr Kinder gleichzeitig beschäftigt waren.
Original-"Sagaland": 1981 erschien als eine Art Mischung aus "Memory" und "Mensch ärgere dich nicht" das Spiel "Sagaland". Darin streifen die Spieler durch einen verwunschenen Wald und suchen nach Märchensymbolen. Das Spiel war so beliebt, dass es 1982 zum "Spiel des Jahres" gewählt wurde, sich seitdem über drei Millionen Mal verkauft hat und 2007 in einer Neuauflage erschien.
Im Märchenwald: Mit viel Liebe entstand 1982 dieses "Sagaland"-Spiel, das Christel Geithner, die Mutter von Richard Geis, damals ihren Kindern zu Weihnachten schenkte. Die "Sagaland"-Kopie wurde zum Ursprung der Spielesammlung, die Geis und sein Kommilitone Martin Thiele seither ständig erweitern und im Internet und Ausstellungen dokumentieren.
Alter Baumbestand: Geithner bewahrte die Tannen und Würfel der "Sagaland"-Kopie in einer goldenen Kaffeetüte auf. Die Bäume formte sie aus der Knetmasse Suralin. Für die Spielkarten...
...hatte sie in mühevoller Kleinstarbeit Poesiebilder ausgeschnitten und auf Postkarten geklebt. Das Spielbrett...
...war die Innenseite eines alten Dokumentenordners, die ebenfalls mühevoll bemalt und beklebt wurde. Das Spiel ist bis heute gut erhalten und kann noch immer gespielt werden.
Umfunktioniert: Diese Holzkiste hatte Familie S. ursprünglich als Sparkassette für Miete und Kindergeld gedient. Nachdem das "Monopoly"-Spiel fertig nachgebaut war, landete das Spielgeld für Häuser- und Hotelkäufe darin.
West-Geld in DDR-Wohnzimmern: Bis ins kleinste Detail wurden auch die Besitzkarten imitiert. Bezahlt wurden die Straßen, Häuser und Hotels mit der Spielgeld-D-Mark.
Nervenkitzel: Westspiele zu kopieren war in der DDR untersagt. Doch es war die einzige Möglichkeit, sie ins heimische Wohnzimmer zu bekommen. Selbst Verwandtschaft im Westen half in diesem Fall nicht - Pakete mit Gesellschaftsspielen wurden gnadenlos geöffnet und geleert, bevor sie den Adressaten erreichten. Was blieb, war die Vervielfältigung von geschmuggelten Spielen.
Ein ganz persönliches "Monopoly": Bei diesem "Monopoly"-Klon wurden nach der Wende die Häuser und Geldscheine durch Originale ersetzt. Doch Spielbrett und Besitzkarten blieben die alten, nachgebastelten.
Die Spielesammler: Richard Geis und Martin Thiele (r.) freuen sich über jede Spielekopie aus der DDR, die sie vor dem Mülleimer retten.
"Monopoly" á la DDR: Als ich bei einem Bekannten ein "Monopoly"-Spiel gesehen habe, wollte ich es auch selbst spielen und habe eins nachgebaut, allerdings mit Wohngegenden und Objekten im damaligen Ost-Berlin. Die billigste Gegend war Berlin-Buch, die teuersten Friedrichstraße und Alexanderplatz. Das Spiel hat damals genau so viel Spaß gemacht wie das Original.
Spottpreise: Statt Gemeinschaftskarten gab es das Feld "Staatskasse", die Straßen waren mit Originalfotos bebildert und die Bahnhöfe kosteten beim nachgebastelten "Monopoly"-Spiel von Horst Hemling nur 200 statt 2000 Mark. Ebenso günstig waren...
...die Pachtpreise, die den Bahnhofsbesitzern laut Urkunde zugesprochen wurden.
Freude am Kapitalismus: Das Original-"Monopoly"-Spiel durfte in der DDR nur unter strengsten Auflagen zur Verschwiegenheit für eine Woche ausgeliehen werden, dann warteten bereits weitere Interessenten, erinnert sich einestages-Leser Ulrich Kipper:
"Deshalb beschloss ich, eine "Sicherheitskopie" herzustellen. Den Spielplan gestaltete ich auf einem großen Blatt mit schwarzer Tusche und Wasserfarben, die meine Verwandten bereits 1958 aus dem Westen spendiert hatten. Mehr Aufwand...
...verlangten damals - ganz ohne PC - die Kärtchen und Geldscheine. Aber wir waren erfinderisch und fanden wir auch hier eine Lösung: Da ich eine Reiseschreibmaschine besaß, habe ich mit ständigen Zeilenumbrüchen die Texte geschrieben und dann...
...die Seiten in kleine Kärtchen verwandelt - immerhin auf Zeichenkarton, damit sie nicht so leicht beschädigt wurden. Für die...
...Geldscheine habe ich die altbewährte Kartoffeldrucktechnik angewandt, meine Frau durfte helfen, denn es gab viel zu drucken! Eine Zahnbürste wandelten wir zur "Airbrush-Spritze" umgewandelt - das Geld sollte ja "fälschungssicher" aussehen. Damit...
...Geld und Kärtchen schön geordnet blieben, habe ich einen leeren Modellbaukasten eingesetzt und ein Steckblatt gebastelt. Zum Schluss habe ich die...
...Häuser und Hotels aus einer Profilleiste gesägt - dann hatte die Bastelei ein Ende. Unzählige schöne und spannende Stunden verbrachten wir mit unseren Freunden und meinem selbstgebastelten "Monopoly"-Spiel.
Viele Jahre blieb es ungenutzt, nachdem unsere Kinder geboren waren. Aber Mitte der siebziger Jahre entdeckten sie den Karton und fanden, wie wir früher, mit ihren Freunden viel Spaß am "Monopoly" - manchmal flossen auch Tränen, wenn das Geld zu Ende ging. Mittlerweile hütet meine 40-jährige Tochter den Karton, und manchmal wird er für die Enkeltöchter ausgepackt. Ich glaube, ein gekauftes Exemplar wäre längst in Vergessenheit geraten!
K-Ö-P-I-E: Kein gültiges Wort, aber es klingt zumindest niedlich. Mitte der sechziger Jahre baute Ernst Woll das Spiel "Scrabble" nach, weil es in der DDR nicht erhältlich war. Die nachgebauten Spielsteine waren diesen abgebildeten verblüffend ähnlich.