Spurensuche in Terezin Zeichen an der Wand
Trutzige Festung:: Blick auf die heutige Stadt Terezin aus 1000 Meter Höhe. Die Festungsstadt wurde Ende des 18. Jahrhunderts von den Habsburgern errichtet, das trutzige Bauwerk sollte vor einer Invasion der Preußen schützen. Das NS-Regime nutzte den Umstand, dass die hohen Festungsmauern die Stadt von der Außenwelt abriegelten - und missbrauchte Theresienstadt als Zwangslager.
Allgegenwärtiger Tod: Auf einem Dachboden an der Wand befindet sich diese Zeichnung eines Grabhügels mit Kreuz, daneben der tschechische Name Vera Voborska. In der Datenbank der in Theresienstadt internierten Holocaustopfer taucht dieser Name nicht auf.
"Freies Ausspucken verboten!" Auf dem Dachbodenaufgang eines Privathauses fand das Team um Uta Fischer diese farbige Kreideaufschrift in deutscher Sprache. Das freie Ausspucken war laut Paragraph 14 der Lagerordnung untersagt.
Zellentür: In einem Keller entdeckten Uta Fischer und Roland Wildberg diese Tür. Wie die Stadtplanerin rekonstruierte, handelt es sich um eine Zellentür des berüchtigten "Bunkers": eines Kellergewölbes, das sich unter der ehemaligen SS-Kommandantur befand. Die Räume, in denen Gefangene einst gefoltert und zum Teil ermordet wurden, werden heute von den Mietern eines Wohnhauses genutzt.
Sehnsucht: Dieses kleine Bild zeigt ein tränendes Herz, das von einem Pfeil durchbohrt ist. Wem die Initialen "H" und "K" gehören, ist nicht zu rekonstruieren. Auch der Künstler...
...dieser Zeichnung ist unbekannt. Das Bild zeigt die Karlsbrücke in Prag - für viele der in Theresienstadt internierten Juden ein bedeutendes Sehnsuchtsmotiv. Prag liegt rund eine Autostunde (60 Kilometer) südlich von Terezin.
Kinderwelten: An der Wand einer etwa zwölf Quadratmeter großen Dachkammer eines Privathauses befindet sich in Augenhöhe eines Kleinkindes dieses Bild. Es zeigt zwei Marienkäfer mit Hut, die Hand in Hand aufrecht gehen. Im gleichen Raum, ebenfalls auf Kinder-Augenhöhe, existieren unter anderem Zeichnungen...
...einer Kasperpuppe,...
...eines Esels...
...und eines Hauses mit Baum: eine idyllische Szenerie, über der sich ein blauer Himmel wölbt. Fischer vermutet, dass dieser Raum während der Ghettozeit teilweise als Kinderzimmer fungierte. Heute...
...wird die Kammer als Abstellraum genutzt.
Botschaften am Festungstor: An einem 2004 freigelegten Festungstor, der Poterne 3, entdeckte Uta Fischer zahlreiche in Sandstein geritzte Graffiti der NS-Häftlinge. Zu erkennen sind unter anderem (teils reliefartig hervorgehobene) Jahreszahlen und Initialen sowie die Karikatur eines Mannes mit Mütze. Ein weiteres Graffito scheint...
...den gleichen Mann mit der markanten Nase und der Mütze darzustellen. Die Beschriftung lautet "Il Capitano guardia" (Italienisch für "Hauptmann der Wache"). "Bella" ("Schöne") ruft der Uniformierte aus. Wer den "Capitano" in den Stein ritzte, ist bislang nicht bekannt. Hingegen lässt sich...
...der Urheber dieses ebenfalls am Festungstor gefundenen Schriftzugs "S. Rosen Wien G.W. 31." identifizieren: Es handelt sich um den Wiener Samuel Rosen, der am 1. Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert worden war. Wie das "Ghettospuren"-Team recherchiert hat, gehörte Rosen zur Mannschaft der Ghettowache. Am 28. Oktober 1944 wurde Rosen nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet.
Zur Nummer deklassiert: Dieses am Festungstor eingeritzte Graffito "AKB Mezina 628" offenbart die persönliche Nummer eines Häftlings - Alfred Freund (geboren am 29. November 1896). Freund kam laut der Recherchen von "Ghettospuren" am 18. April 1942 mit dem Transport AKB aus Budweis nach Theresienstadt. Fünf Monate später wurde er nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet.
Massenquartier: Die Kasernen in Theresienstadt waren schon 1942 so überfüllt, dass die Menschen auch auf den Dachböden leben mussten. Das Foto zeigt einen der zahlreichen provisorischen Dachausbauten. Auf dem Eingangsbereich eines dieser Dachböden entdeckte das Team von "Ghettospuren"...
...diesen gelben Davidstern auf rotem Grund - er konnte als Teil einer Theaterdekoration identifiziert werden. In Theresienstadt fanden laut Fischer auf vielen Dachböden tschechisch- und deutschsprachige Aufführungen statt, allerdings gibt es davon kaum noch Spuren wie diese.
Inventarliste: Bei diesem verwitterten Dokument handelt es sich um eine offizielle Inventarliste für einen Dachboden von 1944. Aufgelistet waren zum Beispiel: 29 Einzelbetten, 35 Hocker, elf Wandregale, drei Stühle und ein Schrank.
Ghetto-Plan: Der sogenannte "Siedlungsplan von Theresienstadt" (datiert auf Juni 1942). Die gestrichelte Linie zeigt die Trasse der Eisenbahn - die von den Häftlingen selbst gebaut werden musste.
13 Alltagsqualen: Überblick über diverse, an einer Wand auf einem Dachboden gesichtete Zeitzeugnisse. Ganz oben zu sehen...
...ist ein Graffito in tschechischer Sprache. Der Schreiber klagt über Wanzen, aber auch über die nächtliche Ruhestörung durch die zahlreichen, auf dem Dachboden inhaftierten Menschen. Die deutsche Übersetzung lautet: "Ich kann nicht schlafen! Chapmann steht um 3 auf, Honyny um 5, und die Bettwanzen sind..." Die Wanzenplage...
...ist auch in diesem Vers Thema. Das niederländische Gedicht wurde mit Bleistift an die Wand geschrieben. Die deutsche Übersetzung lautet: "O Wanze, o Wanze, o Wanze, o unheimliches Biest, was tanzt du die ganze Nacht auf mir herum. [...]. Ich fühle dich die ganze Zeit jucken, von meinem Kopf bis zu den Zehen." Ein anderer Häftling malte...
...eine Wanze an die Wand, die auf einer Dose mit dem Insektenvertilgungsmittel "FLYTOX" krabbelt.
Strengstens verboten! Auf einem Dachboden in Terezin entdeckten Uta Fischer und ihr Team dieses aus den Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts stammende Schild mit der deutschen Aufschrift "Unbefugten Eintritt strengstens verboten! Wohin diese Tür genau führte und für wen das Verbot galt, ist noch nicht geklärt.