Grusel-Schauspieler Lon Chaney Der Mann mit den tausend Gesichtern
Blutsauger auf Verbrecherjagd: Spitze Zähne, eingefallene Augenhöhlen und ein Fledermaus-Gewand - so trat Lon Chaney in Tod Brownings Kriminalfilm "Um Mitternacht" (1927) auf. Chaney spielte einen Kommissar, der sich als Vampir verkleidete, um einen Verbrecher zu überführen. Der Film war die erfolgreicheste Zusammenarbeit des Horror-Duos Chaney/Browning - und gilt heute als verschollen.
Die Rolle seines Lebens: Mit Quasimodo, dem buckligen Glöckner von Notre Dame, erfüllte sich Lon Chaney einen Lebenstraum. Für die Rolle studierte er den Klassiker von Victor Hugo von vorne bis hinten und griff sogar auf Zeichnungen des französischen Autors zurück, um eine möglichst nah am Roman angelegte Figur darzustellen.
Patriarch des Horror-Clans: Als der United States Postal Service 1997 eine Sonderbriefmarkenreihe zu den größten Horror-Stars der Filmgeschichte herausbrachte, durfte Lon Chaney in seiner wohl gruseligsten Rolle als Phantom der Oper (l.) nicht fehlen. Weitere Filmbösewichte waren Bela Lugosi als Dracula und Boris Karloff in der Doppelrolle als Frankensteins Monster und als Mumie. Auch Chaneys Sohn, Lon Chaney Jr., wurde in seiner Paraderolle als Wolfmann verewigt.
Vogelfrau auf Abwegen: Auch in Schürze und mit Dauerwelle machte Lon Chaney eine gute Figur. 1925 spielte er in "Die unheimlichen Drei" einen Bauchredner, der sich als alte Vogelverkäuferin maskiert, um gemeinsam mit zwei Einbrecherkollegen reiche Kunden auszurauben.
Der Film, wieder unter der Regie von Tod Browning, war so erfolgreich, dass er...
...fünf Jahre später noch einmal als Tonfilm gedreht wurde. "Die unheimlichen Drei" von 1930 wurde Lon Chaneys erster und einziger Film, in dem seine Stimme zu hören war. Der Charakterdarsteller musste im Vorfeld notariell versichern, dass er sich für diese Rolle von keinem Schauspieler synchronisieren ließ. Der PR-Coup zahlte sich aus: Der Film spielte das Siebenfache seiner Produktionskosten ein.
Der Colt steht ihm gut: Bevor Lon Chaney der Durchbruch gelang, hielt er sich mit Komparsenrollen über Wasser - bis zum Film "Riddle Gawne" von 1918. Die Rolle des schurkenhaften Revolverschützen Hame Bozzan (r.) machte Chaney bei Produzenten und Publikum gleichermaßen bekannt und ebnete ihm den Weg für seine späteren Kultrollen.
Der Herr der Masken: Was seine Verkleidungen angeht, hüllte sich Lon Chaney gerne in Stillschweigen. Doch zu Werbezwecken verpflichteten ihn die Studios, sich beim Auftragen des Make-ups fotografieren zu lassen. So auch 1922, als dieser Artikel in einem Fan-Magazin erschien.
Der Mann hinter der Maske: Porträtaufnahmen von Lon Chaney ohne seine Verkleidungen waren rar. Dieses Foto zeigt den Schauspieler um das Jahr 1920 herum. Über sein Schauspielerdasein sagte der Hollywood-Star selbst einmal: "In der Zeit zwischen den einzelnen Filmen gibt es keinen Lon Chaney."
In Ehren und Würden: Auch wenn er heutzutage vor allem als Grusel-Schauspieler in Erinnerung geblieben ist, spielte Lon Chaney immer wieder auch ernste Rollen. Für seine Darbietung des Marine-Sergeants O'Hara erhielt der Patriot sogar die Ehrenmitgliedschaft der US-Seearmee verliehen. Das Foto zeigt Chaney in einem Marine-Outfit kurz vor seinem Tod im Jahre 1930.
Gesichtsakrobat: Weil seine Eltern gehörlos waren, lernte Lon Chaney bereits in jungen Jahren, seinen Körper als Erzählmittel einzusetzen. Die Fotoserie stammt aus dem Jahr 1914, als Lon Chaney noch mit einer Theatertruppe durchs Land tingelte.
Magie aus der Make-up-Kiste: Ohne seinen Koffer ging Lon Chaney nicht ans Set. Die Lederkiste mit aufklappbaren Fächern war sein magisches Instrument, mit dessen Hilfe er sich in Asiaten, Frauen, Clowns, Piraten, Vampire oder deformierte Menschen verwandeln konnte. So erhielt er auch seinen Spitznamen: Der Mann mit den tausend Gesichtern.
Der doppelte Chaney: 1920 spielte Lon Chaney in der Romanverfilmung von Robert Louis Stevensons "Die Schatzinsel" mit - und übernahm gleich zwei Rollen. So verkörperte er an der Seite von Shirley Mason den blinden Piraten Pew und dessen Kumpanen Merry. Um den schäbigen Seeräuber-Look zu erhalten, setzte Chaney falsche Zähne ein, zog eine Perücke auf und lief humpelnd über das Deck. In späten Jahren wurden Doppelrollen ein Markenzeichen des Charakterdarstellers.
Halb Huhn, halb Mensch: Das Kostüm des Hühnermannes ließ Lon Chaney für den Film "Westlich von Sansibar" (1928) von Tod Browning anfertigen. Doch die Szene fiel der Schere zum Opfer: Sie wurde aus dem Film herausgeschnitten.
Weil Regisseur Browning jedoch die Verkleidung so beeindruckend fand, setzte er sie in seinem späteren Meisterwerk "Freaks" (1932) ein.
Schau mir in mein Auge, Kleiner: Entstellte, vernarbte oder durch Krankheiten gezeichnete Menschen waren Lon Chaneys beliebteste Rollen. In "Der Schrecken von Singapur" (1928) verkörperte er einen einäugigen Unterwelt-Boss, der für das Wohl seiner Tochter bereit ist zu sterben. Um blinde Personen darzustellen, griffen Schauspieler in den zwanziger Jahren auf die weißlich-durchsichtige Schutzhaut von Eiern zurück, die sie in die Augen steckten. Chaney war seiner Zeit aber weit voraus: Er ließ spezielle Gläser beim Optiker anfertigen.
Die Kunst der Verkleidung: Durchschnittlich drei Stunden benötigte Lon Chaney, um sich in seine Filmfiguren zu verwandeln. Weitaus schneller ging das Make-up-Auftragen in dem Film "Der Mann, der die Ohrfeigen bekam" (1924) - hier mit Regisseur Victor Sjoström. Chaney verkörperte darin...
...einen Wissenschaftler, der von seinem Vorgesetzten regelmäßig gedemütigt wird. Als dieser ihm nicht nur seine Formel und seine Frau stiehlt, sondern ihn obendrein in aller Öffentlichkeit ohrfeigt, beschließt er, seinen Frust hinter einer Clownsmaske zu verstecken und fortan im Zirkus zu arbeiten.
Der Softie: Der Armeefilm "Brand im Osten" (1926) zeigte Chaney drei Jahre nach seiner Quasimodo-Darbietung in einer ungewöhnlichen Rolle. Er spielte einen Marine-Sergeant, der junge Kadetten für den Kampf schulte und sich dabei in eine Krankenschwester verliebt. Glaubt man Erzählungen seiner Familie, war die Rolle des harten Marine-Ausbilders mit dem weichen Kern Chaneys absolute Lieblingsrolle gewesen.
Der spielt nur: Ja, auch die Gruselgestalt ganz links wurde von Chaney gemimt. In der Romanverfilmung "Oliver Twist" aus dem Jahre 1922 übernahm er die Rolle des Hehlers und Bandenchefs Fagin, der den Waisenjungen Oliver (gespielt von Jackie Coogan) in die Geheimnisse des Raubs einweist. Kinderstar Coogan sagte später über Chaneys Rolle: "Er setzte mir einen gehörigen Schrecken zu."
Von der Gesellschaft geächtet: In den zwanziger Jahren herrschten in den USA große Vorurteile gegenüber asiatischen Einwanderern. 1922 versuchte Chaney den ausländerfeindlichen Tendenzen in seiner Heimat etwas entgegenzusetzen, indem er in "Shadows" einen gutmütigen chinesischen Immigranten mimte. Über Tage übte Chaney einen gebeugten, demütigen Gang ein - und verschmolz so vollkommen mit seiner Rolle.
Zu hart für's Plakat: Weil seine Verkleidung für damalige Verhältnisse so furchterregend war, musste Chaneys Gesicht auf den Filmplakaten zu dem Stummfilmklassiker "Das Phantom der Oper" geschwärzt werden. Bis heute gilt der entstellte Musiker, der in den Kellerräumen der Pariser Oper lebt, als Inbegriff der gedemütigten Filmkreatur.
Messerwerfer ohne Arme: Eine der körperlich anstrengendsten Rollen übernahm Lon Chaney in Tod Brownings Horror-Stummfilm "The Unknown - Der Unbekannte" (1927). Er spielte den Zirkusmenschen Alonzo, der tagsüber als armamputierter Messerwerfer auftritt - in Wahrheit aber über zwei Arme verfügt, die er nachts flink für seine Einbrüche benutzt. Als Alonzo sich aber in das Zirkusmädchen Nanon (Joan Crawford) verliebt, beschließt er, sein Verbrecherleben aufzugeben - und sich wirklich amputieren zu lassen.
Den fehlenden Arm täuschte Chaney damals übrigens mit einem Lederkorsett vor, mit dem er sich seinen Arm an den Rücken binden ließ.
Haariger Nachwuchs: Nach dem Tod von Lon Chaney versuchte sein Sohn Creighton, in Hollywood Fuß zu fassen. Doch erst als er seinen Namen in Lon Chaney Jr. umwandelte, erhielt er als Horror-Darsteller Angebote. Seine bekannteste Rolle wurde der Wolfmann, hier in einer Szene aus dem 1943 veröffentlichten Film "Frankenstein trifft den Wolfmann".