Funk-Pionier Marconi Drahtlos ratlos
Funk-Pionier: Von 1897 an konzentrierte sich der italienische Forscher Guglielmo Marconi auf den englischsprachigen Markt. England war die Seemacht Nummer eins, und gerade dort, glaubte Marconi, würde man den weltweiten Standard in Sachen drahtlose Telegrafie durchsetzen können. Denn Marconis Systeme hatten Konkurrenz genug. In England fand er...
...jede Menge Interesse am Thema. Teils mit Unterstützung von Behörden und der Marine baute er mehrere große Versuchsfunkstationen auf wie hier in Poldhu, Cornwall (Foto circa von 1901).
Funk gehörte neben Elektrizität und Automobilen zu den großen Technik-Themen, für die sich Menschen der Jahrhundertwende begeistern konnten. Schon bald gehörte Marconi...
...zur Prominenz in Großbritannien. Die Medien berichteten regelmäßig über ihn, seine "geisterhaften" drahtlosen Nachrichten erschien vielen als kaum nachvollziehbares Faszinosum.
Marconis Funkversuche waren Kult und Pop, ein In-Thema, vergleichbar mit den Wellen der Technikeuphorie, die heute andere Hightech-Innovationen verursachen - mitunter so alte wie Mobiltelefone. 1900/1901 widmete Thomas J. Smith, Erfinder und populärster Hersteller der beliebten Knallbonbons, den mysteriösen "Marconi Messages" eine eigene Edition.
Marconi-Equipment: Drahtlose Telegrafie war eines der beherrschenden Hightech-Themen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Beeindruckend genug war die Technik ja: Marconi und andere Tüftler hatten nur wenige Jahre gebraucht, um von den mehr oder minder zufälligen Entdeckungen Heinrich Hertz' zu den tonnenschweren und energiehungrigen Sendeanlagen zu kommen, wie sie nun in Poldhu standen. So mancher Zeitgenosse betrachtete die Entwicklung allerdings auch mit Skepsis. Nevil Maskelyne gehörte...
...noch nicht einmal unbedingt dazu: Nevil Maskelyne (hier auf einem Bild um 1890) war Spross einer prominenten Wissenschaftler- und Ingenieursfamilie und selbst ein früher Funk-Enthusiast. Zudem war er höchst einfallsreich: Maskelyne gehörte zu den prominentesten Bühnenmagiern seiner Zeit, verfasste mehrere wegweisende Bücher zu diesem und anderen Themen. Seine phantasievollen Bühnenshows zogen ein internationales Publikum an: Der Kino-Pionier und frühe Trickfilmer Georges Méliès gehörte zu seinen Fans und holte sich bei Maskelyne Inspiration.
Der Entzauberer: John Nevil Maskelyne - hier etwa 1890 mit zwei seiner Musik spielenden Automaten - dachte sich gleich mehrere Methoden aus, Marconis vollmundige Versprechen zu entzaubern. Der Tüftler schaffte das so gründlich wie nur möglich: Als er in eine öffentliche Demonstration einer angeblich störsicheren Funkverbindung hineinfunkte, diskredierte er Marconis Versprechen von Grund auf - die Aktion gilt als erste Hack-Attacke der Geschichte.
Marconis Technik sollte bald darauf trotzdem zu einem weltweit verbreiteten Standard werden. 1909 erhielt Marconi den Nobelpreis für Physik und war den Niederungen der kommerziellen Technikentwicklung und des Patent-Hickhacks damit ein Stück weit entwachsen. Noch im selben Jahr...
...konnte Marconi im Vatikan Papst Pius XI. (im Bild rechts) seine Technik vorstellen. Die war zu diesem Zeitpunkt bereits von einigen Konkurrenten überholt worden - in Deutschland wurde längst mit Rundfunk experimentiert, schon 1913 folgte die Erfindung des Sprechfunks.
Für Marconi war all das wohl kaum noch relevant: Er wurde zu einer italienischen Ikone, zum Marchese geadelt, gefeiert und verehrt, mit Ämtern in Staat, Wissenschaft und Vatikan. Als Marconi, zuletzt ein Repräsentant des faschistischen Italien, 1937 starb, stellten alle Funkanlagen im Land zwei Minuten den Betrieb ein.