Guido Westerwelle Das Gesicht der FDP
Für Guido Westerwelle war 2010 ein Katastrophenjahr - auch weil der einstige FDP-Strahlemann noch immer den Oppositionsführer spielt: laut, schrill, in der Tonlage oft übertrieben.
FDP-Chef Guido Westerwelle winkt am Abend der Bundestagswahl 2009 in die jubelnde Menge. Mit einem Rekordergebnis von 14,6 Prozent schaffen die Liberalen den Sprung in die Regierung. Westerwelle selbst übernimmt den Posten des Außenministers, obwohl er bislang in Sachen internationaler Politik nicht besonders aufgefallen ist. Doch der Posten ist prestigeträchtig und für den kleinen Koalitionspartner FDP ein Muss.
Guido Westerwelle, geboren 1961, tritt mit 19 Jahren in die FDP ein. Er gründet die Jungen Liberalen mit und übernimmt fünf Jahre lang deren Vorsitz. Er habe die Julis zu einem "kritischen Jugendverband" gemacht, sagt er. Kritik an der "angepassten Kaschmir-Jugend" ficht ihn nicht an. Westerwelle studiert Jura in Köln und Bonn, später promoviert er und arbeitet als Rechtsanwalt.
Westerwelle wird vom früheren FDP-Chef Klaus Kinkel gefördert und steigt 1994 zum Generalsekretär der Liberalen auf. Die Partei will er für "jüngere Wähler attraktiver" machen.
1996 beschließt die FDP ein wirtschaftsliberales Grundsatzprogramm, in dem sie eine deutliche Begrenzung staatlicher Leistung fordert - heftig kritisiert vom linksliberalen Flügel. Westerwelle bleibt unbeirrt, er wird im selben Jahr in den Bundestag gewählt. Das Bild zeigt ihn mit dem damaligen Parteichef Wolfgang Gerhardt (r.), der 1995 die Nachfolge von Klaus Kinkel an der FDP-Spitze antritt.
Westerwelle festigt seine Stellung in der Partei und tritt betont lässig auf. Im Parlament legen sich die Liberalen immer wieder - wohlkalkuliert - mit ihrem Koalitionspartner CDU an. Streitpunkte sind unter anderem die Steuerreform, die Wehrpflicht und die von der FDP geforderte Abschaffung der Kultusministerkonferenz.
Damals ist Westerwelle Generalsekretär der FDP, Angela Merkel Umweltministerin: 1998 stehen Bundestagswahlen an, und die Liberalen mühen sich mit Forderungen nach einer Steuerreform, der Neuordnung von Sozialversicherungen und einer Bildungs- und Privatisierungsoffensive um Wählerstimmen. Doch das Ergebnis fällt mager aus: Die FDP wird nicht drittstärkste Kraft im Parlament, die erste rot-grüne Koalition in der Geschichte der Bundesrepublik nimmt ihre Arbeit auf. Westerwelle muss in die Opposition.
Ab Januar 2001 führen Westerwelle und Gerhardt die FDP - inzwischen Oppositionspartei - als Tandem. Doch schon vier Monate später wird Westerwelle neuer alleiniger Parteichef. Die Kapitulation Gerhardts bezeichnet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" damals als das "Meisterstück in Westerwelles Karriere".
Ein Jahr vor der Bundestagswahl 2001 zeigt Westerwelle, wohin es mit der FDP gehen soll: ab in den Spaßwahlkampf. Hier ist er noch bei einer Karnevalsveranstaltung zu sehen (er bekommt den "Orden wider den tierischen Ernst" in Aachen), doch schon bald irritiert er das Wahlvolk mit ähnlichen Auftritten, bei denen er um Stimmen wirbt.
Die Liberalen küren Westerwelle 2002 zum "Kanzlerkandidaten", der im Wahlkampf mit dem "Guidomobil" durch Deutschland tourt. Er schüttelt etliche Hände, wagt sich in den "Big-Brother"-Container, lässt sich beim Beachvolleyball ablichten - am TV-Duell der Spitzenkandidaten Edmund Stoiber und Gerhard Schröder darf er trotzdem nicht teilnehmen.
Jürgen Möllemann (r.), schon länger innerparteilicher Rivale, stört Westerwelles Bundestagswahlkampf mit rechtspopulistischen Äußerungen. Auch ein antisemitisches Flugblatt in Nordrhein-Westfalen wird Möllemann angelastet. Im anschließenden Machtkampf in der Partei setzt sich Westerwelle gegen ihn durch, der Konkurrent muss 2002 von allen Ämtern zurücktreten. Zuletzt nennt Westerwelle Möllemann nur noch "den Kerl aus Münster". Ein Jahr später springt Möllemann mit dem Fallschirm in den Tod.
Auch Schuhsohlen mit dem Aufdruck "18" für angepeilte 18 Prozent bei der Bundestagswahl zeigen wenig Wirkung: Die FDP verfehlt mit 7,4 Prozent ihr selbstgestecktes Ziel weit. Die SPD bildet eine Koalition mit den Grünen, für die FDP folgen weitere drei Jahre in der Opposition.
Endlich an der Macht: Guido Westerwelle genießt den erfolgreichen Wahlabend 2009 mit seinem Freund, dem Sportmanager Michael Mronz. Mittlerweile haben die beiden geheiratet. Das Wahlziel ist nach vielen Jahren der Misserfolge erreicht, die FDP kann wieder regieren - doch in den folgenden Monaten streiten die Koalitionäre um Steuersenkungen, Gesundheitssystem und Sparmaßnahmen. Der Start der "Wunschpartner" ist holprig.
Nach den Querelen im ersten Jahr von Schwarz-Gelb steigt der Druck auf FDP-Chef Westerwelle: Immer lauter werden die Forderungen, er müsse einen Teil seiner Aufgaben abgeben. Auch allgemeine Kurskorrekturen werden gefordert, weil die FDP derart in der Krise steckt. Westerwelle konzentriert sich im zweiten Halbjahr 2010 auf die Außenpolitik. Doch die miesen Umfragewerte sorgen in der Partei für Unruhe.