Häftlingsdeals mit der DDR - DER SPIEGEL
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Häftlingsdeals mit der DDR Menschen gegen Maisladungen

40.000 D-Mark für die Freiheit: Von 1963 bis 1989 verkaufte das SED-Regime fast 34.000 politische Gefangene an die Bundesregierung. Erst gegen Geld, später gegen Güter. Mitinitiator Ludwig A. Rehlinger erinnert sich an die geheimen Deals - und verrät, warum er die Geretteten nicht treffen wollte.
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Der Wunderbus: Vorne links im Bild der Bus von Walter Günther mit der Firmennummer 72 der Firma Reicherts Reisen. Dieser Bus und noch ein Magirus-Deutz Bus vom Typ TR 120 wurden für den Häftlingstransport der DDR mit drehbaren Nummerschildern Ost/West Kennzeichen und abdeckbare Firmenbeschriftung präpariert.

Foto: Alexander Günther/Walter Günther
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Problematischer Freikauf: Zum 23. Jahrestag der Gründung der DDR verhängte das SED-Regime im Herbst 1972 eine Amnestie, bei der zahlreiche DDR-Häftlinge in den Westen entlassen wurden. Die ersten von ihnen trafen am 1. November 1972 in West-Berlin ein. Gemeinsam mit den politischen Gefangenen schob die DDR auch Kriminelle in die Bundesrepublik ab - wodurch die Praxis des Häftlingsfreikaufs stark in die Kritik geriet. Dass alle Bundesregierungen seit 1963 dennoch am Freikauf festhielten, begründet Mitinitiator Ludwig Rehlinger mit der humanitären Motivation der Politiker.

Polizisten überprüfen im Notaufnahmelager Wolfsburg die Papiere entlassener DDR-Häftlinge.

Foto: dpa
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Diskreter Unterhändler: Ludwig A. Rehlinger, 1927 in Berlin geboren, gehört zu den Begründern des geheimen deutsch-deutschen Freikaufs von DDR-Häftlingen durch die Bundesregierung. In seiner Funktion als persönlicher Referent des Ministers für gesamtdeutsche Fragen, Rainer Barzel, fädelte er ab 1963 das inoffizielle Geschäft mit ein. Auch unter den Nachfolgern Barzels, Erich Mende (FDP und CDU) sowie Herbert Wehner (SPD), vermittelte Rehlinger, der als diskret und nüchtern galt, maßgeblich die Freikaufsdeals. Als Barzel 1982 als Minister für innerdeutsche Beziehungen zurückkehrte, berief er Rehlinger zu seinem Staatssekretär - erneut oblag Rehlinger diese Aufgabe. Daneben engagierte er sich auch um Familienzusammenführungen und erreichte, dass die rund 2000 Kinder, die nach dem Bau der Mauer 1961 von ihren in den Westen vorgereisten Eltern getrennt worden waren, in die BRD nachkommen konnten. Zuletzt bekleidete Rehlinger von 1988 bis 1989 das Amt des Senators für Justiz und Bundesangelegenheiten in Berlin.

Foto: AP
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Sternstunde mit Schtscharanski: Von allen Häftlingsfreikäufen, Familienzusammenführungen und Agentenaustauschen, die Ludwig Rehlinger als Unterhändler der Bundesregierung von 1963 bis 1989 mitorganisiert hat, ist ihm die Übergabe des sowjetischen Bürgerrechtkämpfers und Regimekritikers Anatolij Schtscharanski als "Sternstunde" seiner Tätigkeit im Gedächtnis geblieben. "Diese Freilassung war das Beste, was wir erreichen konnten", sagt Rehlinger. Am Alliierten-Grenzübergang Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam...

Foto: dpa
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...wurden am 11. Februar 1986 außer dem sowjetischen Dissidenten (links, mit Pelzmütze) vier weitere im Osten inhaftierte Personen gegen fünf im Westen einsitzende Agenten ausgetauscht. Die Freilassung Schtscharanskis bedeutete, so Rehlinger, dass die Sowjetunion bereit war, den Kalten Krieg zu beenden.

Foto: dpa
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40.000 Mark pro Häftling: Nachdem sich zunächst vor allem die Kirchen um das Schicksal politischer Häftlinge in der DDR gekümmert hatten, engagierte sich mit Amtsantritt des Ministers für gesamtdeutsche Fragen, Rainer Barzel (CDU), ab 1963 auch die Bundesregierung für DDR-Häftlinge. Im Herbst 1963 kamen die ersten acht von Ludwig Rehlinger ausgewählten politischen Gefangenen aus der DDR frei, die BRD zahlte dem SED-Regime für jeden Häftling 40.000 D-Mark, wie sich Rehlinger erinnert.

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Abtrünniger DDR-Vorzeigesportler: Auch der Freikauf des ehemaligen DDR-Radsportmeisters Harry Seidel (auf dem Foto von 1966 links) geht auf eine Initiative Ludwig Rehlingers zurück. Der Ex-Profi war 1962 wegen mehrfacher Fluchthilfe zu lebenslangem DDR-Zuchthaus verurteilt worden. 1966 sollte Seidel gemeinsam mit anderen Häftlingen freigekauft werden, doch die DDR strich den abtrünnigen Vorzeigesportler von der Liste. Daraufhin drohte Rehlinger damit, die Warenlieferungen an die DDR zu stoppen - und Seidel kam frei.

Foto: DPA
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High Noon auf der Glienicker Brücke: Während der unter anderem von Ludwig Rehlinger vermittelte Freikauf von DDR-Häftlingen aus ostdeutschen Gefängnissen geheim ablief und die westdeutsche Presse weitgehend Stillschweigen darüber bewahrte, gerieten die Agentenaustausche zwischen beiden deutschen Staaten zum Medienspektakel. Als am 11. Juni 1985 gegen Mittag Spione aus beiden deutschen Staaten auf der Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam die Seiten wechselten, quittierte die Presse den Vorgang mit Schlagzeilen wie "High Noon auf der Glienicker Brücke" und "Das Superding".

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Unauffällige Übergabe: KGB-Spion Heinz Felfe, der in der Bundesrepublik den BND ausspioniert hatte und seit 1961 in einem westdeutschen Gefängnis saß, wurde 1969 am Grenzübergang Herleshausen gegen 21 im Osten inhaftierte Personen ausgetauscht - auch hier war Vermittler Ludwig Rehlinger beteiligt. Unweit des Grenzübergangs, auf einem Autobahnparkplatz zwischen Hermsdorfer Kreuz und Jena-Lobeda, wurden in der Anfangszeit des deutsch-deutschen Häftlingsfreikaufs die DDR-Gefangenen an die Bundesregierung übergeben, wie Ludwig Rehlinger in seinen neuaufgelegten Erinnerungen schildert. Nachdem ein Westbus die Häftlinge hier abgeholt hatte,...

Foto: OHNE
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...wurden sie ins Aufnahmelager in Gießen gebracht (Foto von 1989). Insgesamt kaufte die Bundesregierung der DDR von 1963 bis 1989 nahezu 34.000 politische Gefangene ab, nach offiziellen Angaben gab die BRD dafür rund 3,4 Milliarden D-Mark aus. Laut Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski war die Summe indes mindestens doppelt so hoch und betrug rund acht Milliarden D-Mark.

Foto: dpa
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Vermittler des Geheimdeals: SPD-Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen Herbert Wehner (rechts) mit seiner Frau Grete und dem DDR-Anwalt Wolfgang Vogel (links) im Dezember 1966 im Erzgebirge. Wehner trieb den Häftlingsfreikauf ab 1966 in entscheidendem Maße voran, wusste der Politiker, der von 1942 bis Kriegsende in einem schwedischen Gefängnis eingesessen hatte, doch aus persönlicher Erfahrung um die Not politischer Gefangener. DDR-Unterhändler Wolfgang Vogel indes vermittelte während der gesamten Freikaufszeit zwischen beiden deutschen Staaten. Auf die Frage, warum er sich all die Jahre für Ausreisewillige und politische Häftlinge eingesetzt hatte,...

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...antwortete Wolfgang Vogel 1990 dem SPIEGEL: "Mein Ziel war stets die Hilfe für die Bedrängten" (Foto auf der Glienicker Brücke). Allerdings war der Häftlingsfreikauf für die DDR auch ein extrem lukratives Geschäft: Die Waren, die die Bundesregierung dem SED-Regime seit 1964 bei jedem Freikauf gutschrieben, kamen selten der Bevölkerung zugute, sondern wurden meist auf dem Weltmarkt versilbert und füllten so die notorisch klammen Staatskassen. Während die Häftlingspauschale zunächst 40.000 D-Mark pro Kopf betrug,...

Foto: HANS EDINGER/ AP
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...musste die BRD zuletzt 95.847 D-Mark pro Gefangenen ausgeben. Das aus dem Freikauf erwirtschaftete Geld floss seit Amtsantritt Erich Honeckers (Foto von 1989) auf dessen "Generalsekretärskonto" Nummer 0628 bei der Deutschen Handelsbank in Ost-Berlin.

Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-K0616-0001-125

Foto: Das Bundesarchiv/Peter Koard
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