Häuserkampf in Kreuzberg - DER SPIEGEL
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Die Instandbesetzer "Festnahmen waren an der Tagesordnung"

Prügelnde Polizisten, fliegende Pflastersteine, Plünderungen: Im Dezember 1980 tobte die erste große Straßenschlacht in Kreuzberg. Auf einestages erinnert sich Ex-Hausbesetzer Kuno Haberbusch an einen heißen Advent in Berlin - der aus friedlichen Protestlern militante Guerillakrieger machte.
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"Sprecher" der Hausbesetzerszene: Aufgrund seiner guten Kontakte zu den Journalisten, aber auch seiner redaktionellen Arbeit für die von der Bürgerinitiative SO 36 herausgegebenen Kreuzberger Stadtteilzeitschrift "Südost-Express" galt Kuno Haberbusch als "Sprecher" der Berliner Hausbesetzerszene. 1955 in Rastatt geboren, volontierte Haberbusch zunächst beim "Badischen Tagblatt" und begann dann ein Jura-Studium in Tübingen. Ende 1977 kam er zum Studium nach West-Berlin. Grimme-Preisträger Kuno Haberbusch leitete beim NDR unter anderem die "Panorama"- und "Extra 3"-Redaktion sowie das Medienmagazin "Zapp".

Foto: Katja Iken
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Nach der Schlacht am Fraenkelufer am 12. Dezember 1980 verhärteten sich die Fronten, Straßenschlachten - wie sie das Cover dieser Broschüre zeigt - waren an der Tagesordnung. "Die 'Vernunft' schlägt immer wieder zu", titelte diese von der Hausbesetzerszene verfasste Dokumentation der Ereignisse - in Anspielung auf die vom Senat Anfang 1981 erlassene "Berliner Linie der Vernunft": eine Verordnung, nach der besetzte Häuser innerhalb von 24 Stunden zu räumen waren.

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Innerhalb der Hausbesetzerszene gab es die verschiedensten Zielsetzungen. Richteten sich die einen primär gegen die verfehlte Sanierungs- und Wohnungsbaupolitik, kämpften andere, etwa mit Sprüchen wie "Polizei und Senat sind ein Gängstersyndikat", gegen das bestehende politisch-gesellschaftliche System generell. Wieder anderen ging es vor allem um die Gewalt an sich, Ex-Hausbesetzer Kuno Haberbusch nennt sie "Krawalltouristen".

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Anstatt die bestehende Wohnsubstanz zu erhalten, ließen zahlreiche Hausbesitzer in West-Berlin - vor allem in den Stadtteilen Kreuzberg, Neukölln und Schöneberg - ihr Eigentum verrotten, um es dann irgendwann abzureißen. Als Reaktion auf spekulativen Leerstand sowie die sogenannte Kahlschlagsanierung formierte sich Ende der siebziger Jahre der Widerstand. Zu einem der Sprachrohre geriet in Kreuzberg die Bürgerinitiative SO 36: ein Zusammenschluss von Hausbesetzern, der einst mit Mieterberatung begonnen hatte.

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Tod von Klaus-Jürgen Rattay: Am 22. September 1981 forderte der Konflikt zwischen Hausbesetzern und Polizei in West-Berlin den ersten Toten. Demonstrant Klaus-Jürgen Rattay wurde von einem BVG-Bus überfahren und starb. Nach Darstellung der Hausbesetzer hatte die Polizei die Demonstranten mit Schlagstöcken in den fließenden Straßenverkehr gedrängt. Ein Gerichtsverfahren widerlegte diesen Vorwurf.

Foto: AP
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Im Spätsommer 1981 erreichte die Auseinandersetzung zwischen Hausbesetzern und der Obrigkeit in West-Berlin einen dramatischen Höhepunkt. Nachdem Polizisten am 22. September acht besetzte Häuser geräumt hatten, kam es zu einer Großdemonstration, bei der der 19-jährige Klaus-Jürgen Rattay von einem BVG-Bus erfasst und tödlich verletzt worden war. Nach dem Vorfall fanden sich Tausende von Menschen zu einem Schweigemarsch zusammen und legten Blumen an der Stelle ab, an der Rattay zu Tode gekommen war (Foto).

Foto: AP
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Nach dem Tod von Klaus-Jürgen Rattay am 22. September 1981 herrschte Betroffenheit in den Straßen Berlins, Menschen versammelten sich an der Stelle des Vorfalls, um zu trauern (Foto). Rattay geriet zum Märtyrer der Hausbesetzerszene - obwohl er keinerlei politische Ziele verfolgt hatte. Bei ihm handelte es sich nicht - wie von der Polizei und dem Berliner Boulevard vermutet - um einen Terroristen, sondern um einen "armen, völlig harmlosen Wicht", der innerhalb der Besetzerszene eher unbeliebt gewesen sei, so Kuno Haberbusch. Das zeigt auch ein ARD-Interview, das der damalige "Panorama"-Redakteur und spätere SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust mit ihm führte.

Foto: AP
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Nelken statt Pflastersteine: Mit einem friedlichen Schweigemarsch gedachten Hausbesetzer und Sympathisanten der Szene am 23. September 1981 des am Vortag getöteten Klaus-Jürgen Rattay. Am Abend entluden sich die Spannungen abermals in schweren Straßenschlachten.

Foto: AP
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Abgeräumt: Im Zuge der Räumung führen Polizisten einen Hausbesetzer ab - ein Ritual, das im Hausbesetzer-Jargon als "abräumen" bezeichnet wurde. Um ihre Solidarität mit der Bewegung zu demonstrieren, übernahmen oftmals Vertreter von Politik, Gewerkschaften und Kirche Patenschaften für besetzte Häuser. Um Öffentlichkeit zu erzielen, gingen sie kurz vor der Räumung in das jeweilige Haus, um sich gemeinsam mit den Aktivisten "abräumen" zu lassen.

Foto: APHSL
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Mit dem Vorschlaghammer verschafften sich Polizisten am 22. September 1981 Zutritt zu einem der besetzten Häuser in West-Berlin. "Polizei SA-SS" prangt auf einem der Transparente, ein anderer Spruch auf der Hauswand lautet: "Auf dem Weg ins Paradies".

Foto: APHSL
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Nachdem der Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay am 23. September 1981 von einem BVG-Bus überfahren und getötet worden war, erreichten die Auseinandersetzungen zwischen Hausbesetzern und Polizei ihren Höhepunkt. Brennende Autos wie dieses waren an der Tagesordnung. Auf den Bus hat jemand den Spruch "Schön und illegal. Legal und hässlich" gesprüht.

Foto: AP
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Nackter Protest: Höchstens mit einer Sturmhaube bekleidet, demonstrierten diese West-Berliner Hausbesetzer im Sommer 1981 für ihre Ziele. Zur Hymne der Protestbewegung wurde das Ende 1980 veröffentlichte Lied "Ein Jahr" ("Geschichte wird gemacht, es geht voran") der Düsseldorfer Band Fehlfarben.

Foto: AP
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"Wir wehren uns gegen die kriminelle Vereinigung von Senat und Spekulanten, die mit Mill. Steuergeldern billigen Wohnraum zerstören", lautet der Spruch auf einem der besetzten Häuser in West-Berlin 1981. Die Hausbesetzer wehrten sich unter anderem gegen spekulativen Häuserleerstand und den Abriss preiswerter Wohnobjekte zugunsten teurer Neubauten.

Foto: AP
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Harte Argumente: Zwei Jugendliche werfen im September 1981 mit Pflastersteinen. "Jeder Stein, der abgerissen wird, wird von uns zurückgeschmissen" und "Steine sind keine Argumente, sondern die einzige Sprache, die sie verstehen", lauteten zwei der damals gängigen Hausbesetzer-Slogans. Seit Dezember 1980 radikalisierte sich die ursprünglich friedlich gestartete Bewegung zunehmend, gleichzeitig schnellte die Zahl der besetzten Häuser rapide in die Höhe. Die Gewaltbereitschaft militanter Anhänger der Szene schadete einerseits dem Ruf der Hausbesetzer. Andererseits wurden deren Ziele nun auch öffentlich verstärkt wahrgenommen und diskutiert.

Foto: AP
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Um gegen befürchtete Räumungen besetzter Häuser zu mobilisieren, riefen die Hausbesetzer mit diesem Plakat zu einer Demonstration am 10. Oktober 1980 auf. Es erschienen rund 2000 Personen. Scheiben von Banken wurden eingeschlagen, es kam zu handgreiflichen Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Signatur im Bundesarchiv: Plak 006-025-122

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"Jetzt erst recht!": Am 20. September 1981 folgten rund 10.000 Menschen diesem Aufruf zur Demonstration gegen die im August von Innensenator Heinrich Lummer (CDU) angedrohten Räumungen von acht Häusern. "Kommt mit euren Gruppen, Freunden, Liedermachern, langem Atem, Nachbarn, Matratzen, Essen, viel Mut, Theatergruppen, Schriftstellern, Instandsetzungsmaterial, vielen Einfällen und und und" forderten die Besetzer der acht besetzten Häuser die Menschen auf.

Signatur im Bundesarchiv: Plak 006-032-006

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"Lummer muss weg!": Der Zorn der Hausbesetzer richtete sich insbesondere gegen den stellvertretenden Bürgermeister und Innensenator Heinrich Lummer (CDU). Seit Juni 1981 im Amt, stand der rechtskonservative Politiker für eine unnachgiebige Strategie im Häuserkampf.

Signatur im Bundesarchiv: Plak 006-032-011

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Nicht nur in Berlin, sondern auch in zahlreichen anderen deutschen und europäischen Städten besetzten Menschen seit den siebziger Jahren Wohnungen und Häuser. In Nürnberg griff die Staatsmacht besonders rigide durch: Am 5. März 1981 umstellte die Polizei das besetzte Jugendzentrum "Komm" (Foto) und nahm 164 überwiegend Jugendliche fest, gegen 141 von ihnen wurden Haftbefehle erlassen.

Foto: dpa
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