Hauptstadtfrage 1949 - DER SPIEGEL
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Deutschland sucht die Super-Hauptstadt Berlin, Bonn, Kassel?

Bamberg? Oldenburg? Braunschweig? Kassel? Als Regierungssitz der neuen Bundesrepublik war 1949 ziemlich jede deutsche Mittelstadt im Gespräch. Konrad Adenauer wollte Bonn, und er kriegte es - dank Intrigen und womöglich Bestechung. Von Thomas Thiel
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Bonner Kanzleramt: Die als "Provisorium" bis zur baldigen Wiedervereinigung gedachte Bundeshauptstadt tat das ihrige, um aus Bonn eine "richtige" Hauptstadt zu machen. 1976 wurde eine neues Kanzleramt fertiggestellt, das den Erstbezieher Helmut Schmidt allerdings an eine rheinische Sparkassenzentrale erinnerte. Das rheinische Universitätsstädtchen war 25 Jahre nach Gründung der "Bonner Republik" als Regierungssitz zwar unangefochten, doch haftete dem "Bundesdorf" nach wie vor ein kleinbürgerlich-biederes Image an.

Foto: dpa
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Prominenter Schwarzbau: Um Tatsachen zu schaffen, begannen die Bonner im Februar 1949 mit Landesgeldern und dem Segen Konrad Adenauers, aber ohne Baugenehmigung oder eine politische Entscheidung in der Hauptstadtfrage, mit dem Ausbau der Pädagogischen Akademie zu einem künftigen Parlament, dem Bundeshaus. Damit waren sie nicht allein - auch ihre Frankfurter Konkurrenten errichteten bereits einen Plenarsaal, der auch tatsächlich fertig gebaut wurde. Heute sitzt der Hessische Rundfunk in dem Gebäude im Frankfurter Stadtteil Dornbusch.

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Konrad Adenauer: Der Präsident des Parlamentarischen Rats und spätere Bundeskanzler wurde zum wichtigsten Unterstützer der Hauptstadtkandidatur Bonns. Adenauer wollte den neuen westdeutschen Staat fest in Westeuropa und in der Einflusssphäre der Westalliierten verankern. Die Verknüpfungen des Rheinlands mit seinen westlichen Nachbarn waren enger als die Frankfurts, argumentierte er. Außerdem gefiel dem späteren Bundeskanzler die Vorstellung nicht, in Frankfurt im Schatten des IG-Farben-Hochhauses, der Zentrale der US-Militärverwaltung, regieren zu müssen.

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Beratungen im Baulärm: Während der Parlamentarische Rat in der Aula der Pädagogischen Akademie in Bonn am Entwurf des Grundgesetzes arbeitete, wurde nebenan ein neuer Plenarsaal für das künftige westdeutsche Parlament hochgezogen. Der ansonsten überaus geräuschempfindliche Ratspräsident Adenauer genoss den Baulärm: "Das schönste Jeräusch hier bei dem janzen Betrieb ist für mich das Hämmern und Klopfen", meinte der alte Rheinländer zu einem Vertrauten.

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Kanzler-Kutsche: Bonn hatte für den Privatmann Konrad Adenauer seine Vorzüge - seit 1935 lebte der CDU-Chef und Vorsitzende des Parlamentarischen Rates im kleinen Örtchen Rhöndorf am anderen Rheinufer südlich von Bonn. Von der künftigen Bundeshauptstadt zu sich nach Hause brauchte Adenauer nur 1,50 D-Mark für die Fähre über den Rhein und zehn Minuten Fahrt mit der Limousine.

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Trümmerfeld Stuttgart: So wie Stuttgart sahen die meisten größeren deutschen Städte am Ende des Zweiten Weltkriegs aus. Ein Kriterium bei der Wahl des Regierungssitzes für die neue Bundesrepublik Deutschland war deswegen auch das Ausmaß der Zerstörung in den Anwärterstädten. Stuttgart selbst bewarb sich nur zögerlich und indirekt um den Regierungssitz, indem es anbot einzuspringen, falls keine andere Stadt gefunden würde. Für mehr reichte die Unterstützung der Bevölkerung und der Landespolitik nicht. So wurde die Option Stuttgart schnell verworfen.

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Zerstörtes Kassel: Kassel war der dritte ernst zu nehmende Bewerber um den Regierungssitz. Die Industriestadt in Nordhessen hatte jedoch keine Chance, weil sie durch die Bombardements während des Krieges (hier eine Aufnahme nach einem britischen Luftangriff 1944) zu stark zerstört worden war. Die Mitglieder der "Bundessitz-Kommission" befanden, dass ein Umzug der Regierung die Not der Kasseler Bürger noch weiter verschlimmern würde. Die Stadt sei nicht in der Lage, zusätzlich zu den rund 10.000 Flüchtlingen, Vertriebenen und freigelassenen Zwangsarbeitern in der Stadt noch einige tausend Regierungsangestellte unterzubringen.

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Bonner Marktplatz: Bonn war im Zweiten Weltkrieg ebenfalls Ziel alliierter Luftangriffe gewesen. Noch vier Jahre später waren die Narben in der Innenstadt deutlich zusehen. Der Bonner Süden, wo das Regierungsviertel entstehen sollte, war jedoch größtenteils intakt geblieben - ein Argument, das für die Stadt am Rhein sprach.

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Carlo Schmid: Der SPD-Politiker war einer der prominentesten Abgeordneten im Parlamentarischen Rat. Er hatte 1948 eine ganz eigene Meinung zur Hauptstadtfrage - Schmid plädierte für eine Barackenhauptstadt direkt an der sowjetischen Zonengrenze, "um klarzumachen, wie ernst es uns mit dem provisorischen Charakter der Bundesrepublik war", so Schmid in seinen Memoiren.

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SPIEGEL-Titel 8/1948: Der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb war der eifrigste Trommler für die Bundeshauptstadt Frankfurt. Der zupackende Stadtvater - selbst gebürtiger Bonner - taufte auch mal gerne spontan sibirische Zoobären wie den kleinen "Karli". Im Kampf um den Regierungssitz gegen seine Heimatstadt war Kolb siegessicher. Vor der Abstimmung im Parlamentarischen Rat hatte er schon vorher eine Dankesrede für den Rundfunk aufgenommen. Sie wurde nie gesendet. Hier den Original SPIEGEL-Titel auf SPIEGEL Wissen lesen!

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