Hits und ihre Hintergründe - DER SPIEGEL
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Hits und ihre Hintergründe Menschelndes zum Mitgrölen

Amokläufe, Fensterstürze, brennende Konzerthallen: Hinter den Texten mancher Pop-Klassiker stehen keineswegs Phantastereien von Musikern im Drogenrausch - viele beruhen auf realen Ereignissen. einestages erzählt die wahren Geschichten hinter den Hits. Von Ariane Stürmer und Benjamin Maack
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Haben die Beatles wirklich LSD durch ihren Zahnarzt kennengelernt?: "Strawberry Fields Forever" - Nein, die vier Liverpooler besingen in dem Song keine Erdbeerfelder - sondern ein Waisenhaus in Woolton, einem Vorort ihrer Heimatstadt. John Lennon wurde als Kind von seinem Vater weggegeben und wuchs bei einer Tante auf. Als Junge spielte er mit den Kindern aus dem Strawberry Field Home. Diese Zeit muss Lennon viel bedeutet haben. Denn nach seiner Ermordung 1980 erbte das Heim eine Geldsumme in unbekannter Höhe von dem Ex-Beatle. Das Waisenhaus ist seit 1995 geschlossen, doch Fans pilgern noch heute zu seinem rot-lackierten Eisentor - "Strawberry Fields Forever".

Foto: Getty Images
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"Smoke on the Water" - Deep Purple: "Smoke on the Water" - kaum jemand, der nicht schon den Refrain des Deep-Purple-Songs mitgesungen hätte. Nur, worüber singen die Jungs da eigentlich? Über Frank Zappa in einer brennenden Konzerthalle und Rauch über dem Genfer See.

In der ersten Strophe heißt es: "Frank Zappa and the Mothers were at the best place around. But some stupid with a flare gun burned the place to the ground." Ob es den "Idiot mit der Feuerpistole" tatsächlich gab oder doch ein Kurzschluss zu dem Brand führte, ist nicht klar. Tatsache ist, das Zappa und seine Band The Mothers am 4. Dezember 1971 im Casino von Montreux am Genfer See ein Konzert gaben, als in der Halle ein Feuer ausbrach. Auch Deep Purple waren Gäste des Zappa-Auftrittes. Sie waren nach Montreux gereist, um einige Tage später in dem Casino ihr neues Album "Machine Head" aufzunehmen. Daraus wurde nichts, die Band musste ins Grand Hotel ausweichen.

Das Bild wurde einestages von montreuxmusic.com zur Verfügung gestellt. Auf der Website  gibt es noch weitere Bilder vom Brand des Casinos.

Foto: montreuxmusic.com
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"I Don't Like Mondays" - The Boomtown Rats: Wer montags morgens Radio hört, wird bei diesem Song sicher verständnisvoll nicken. Doch hinter dem Lied steckt ein Ereignis, das weit grausamer ist als das frühe Aufstehen nach dem Wochenende. Am Montag, den 29. Januar 1979, legte die 16-jährige Brenda Ann Spencer von ihrem Schlafzimmer aus mit einem halbautomatischen Gewehr auf die Kinder und Lehrer der Grover Cleveland Grundschule in San Diego an. Der Schuldirektor und der Hausmeister starben im Kugelhagel, acht Kinder und ein Polizist wurden verletzt. "And all the playing's stopped in the playground now", singt Geldof. Brenda Ann Spencers Begründung für das Massaker fiel so kurz wie schockierend aus: "I don't like Mondays."

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"Gimme hope, Jo'anna" - Eddy Grant: "Gib' mir Hoffnung, Jo'anna", bittet der Musiker und Produzent Eddy Grant in seinem 1988 erschienenen Song. Diese erhoffte er sich aber nicht von einer Frau, sondern von einer Stadt - Johannesburg. Und wenn Grant singt: "I hear she makes all the golden money / to buy new weapons, any shape of guns", meinte er die Regierung Südafrikas. Das Lied ist also keine schwungvolle Liebesschnulze, sondern offene Kritik an der Apartheidpolitik des Landes.

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"Der goldene Reiter" - Joachim Witt: In seinem NDW-Hit singt Witt von einer Nervenklinik "an der Umgehungsstraße, kurz vor den Mauern unserer Stadt". Doch das wahre Irrenhaus schien für den Sänger die Bundeswehr gewesen zu sein. Denn die Theodor-Körner-Kaserne in Lüneburg, in der Witt seinen Wehrdienst ableistete, lag tatsächlich an einer Umgehungsstraße am Stadtrand. Dort diente er beim "Panzeraufklärungsbataillon 3" - und das trug in seinem Wappen einen goldenen Reiter.

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"Summer Of '69" - Bryan Adams: Er kaufte sich seine erste Gitarre, gründete eine Band, die sich schon bald wieder auflöste (weil Mitglied Jody heiratete), und er fand die Liebe seines Lebens. Urteilt man nach dem Song, war 1969 ein Spitzenjahr für Bryan Adams. Es gibt da nur ein Problem: Adams war gerade einmal neun Jahre alt in diesem Jahr. Vor einigen Jahren wurde er in einer Show des Fernsehsenders CBS darauf angesprochen und antwortete augenzwinkernd: "Viele Leute denken, es geht um das Jahr, aber tatsächlich geht es um Sex im Sommer." Und 69 sei natürlich eine sexuelle Anspielung.

Foto: dpa
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Sonderzug: "Sonderzug nach Pankow" - Udo Lindenberg: Ein West-Rocker in Ost-Berlin, das ging 1983 gar nicht - das fanden zumindest die DDR-Oberen. Also schickte Erich Honecker eine Absage an Udo Lindenberg, als der ein paar Konzerte im sozialistischen Nachbarstaat geben wollte. Lindenberg ließ sich das nicht gefallen und textete kurzerhand einen seiner bekanntesten Hits. "Sonderzug nach Pankow" war die bissige Antwort auf die Honecker-Abfuhr. Pankow ist der Bezirk im Osten Berlins, in dem sich die SED-Obersten ein durch Schlagbaum und Passierscheinkontrollen abgeschottetes Villenviertel eingerichtet hatten. Auch Erich Honecker wohnte dort. In der Bundesrepublik wurde "Pankow" daher in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ein synonymer Begriff für die DDR-Regierung. In bester Lindenberg-Manier textete der Panik-Panther in seinem Song:

"Honey, ich glaub, du bist doch eigentlich auch ganz locker. / Ich weiß, tief in dir drin bist du doch eigentlich auch 'n Rocker. / Du ziehst dir doch heimlich auch gerne mal die Lederjacke an / und schließt dich ein auf'm Klo und hörst West-Radio."

Der Song zeigte Wirkung: Udo Lindenberg durfte schließlich doch im Ost-Berliner Palast der Republik spielen.

Foto: Wolfgang Kluge/ DPA
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"Buffalo Soldier" - Bob Marley: "I'm just a Buffalo Soldier in the heart of America", sang der Reggae-Musiker Bob Marley in seinem 1983 veröffentlichten Lied. Die "Büffelsoldaten" waren aber keine Erfindung der Musiklegende. So wurden die afroamerikanischen Einheiten genannt, die im amerikanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Nordstaaten kämpften. Diesen Namen gaben ihnen die Indianer, die sich durch den häufig gelockten Schopf der schwarzen Soldaten an die Mähne von Büffeln erinnert fühlten.

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"Rebel Yell" - Billy Idol: In diesem Song besingt der Achtziger-Jahre-Rocker mit der wasserstoffblonden Igelfrisur seine Idealvorstellung von einer Liebesnacht - "With a rebel yell she cried 'more, more, more'". Doch die Inspiration für das Lied bezog er eher aus einer durchzechten Nacht. Idol kippte mit Mick Jagger und Keith Richards von den Rolling Stones - so zumindest will es die Legende - ein paar Whiskys, als Idol auf das Etikett der Flasche sah. "Rebell Yell" stand darauf. Das sei doch kein geeigneter Name für einen Stones-Hit, fragte er ebenso unvermittelt wie höflich in die Runde. Und als Keith Richards ein wenig verwirrt verneinte, machte Billy Idol aus dem Namen des Whiskys seinen größten Hit.

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Paul McCartney: Wer ist bloß mit Jude gemeint? Ein Mann oder eine Frau? Ein Männlein trifft es wohl am ehesten. Den Song von 1968 hätte es vermutlich nie gegeben, wenn John Lennon sich nicht von seiner ersten Frau Cynthia hätte scheiden lassen. Weil ihr damals fünfjähriger gemeinsamer Sohn Julian die Trennung seiner Eltern nur schwer verkraftete, half Paul McCartney und komponierte das Trostlied "Hey Jules". Ob es dem Jungen tatsächlich getröstet hat, wissen wir nicht - die veröffentlichte Version "Hey Jude" aber wurde zur erfolgreichsten Single der fabulösen Vier.

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"Tears In Heaven" - Eric Clapton: Mit diesem Song gewann Eric Clapton zwar 1992 den Grammy - richtig darüber freuen konnte sich der Musiker sicher nicht. Clapton verarbeitete mit der weltberühmten Ballade den Unfalltod seines vierjährigen Sohnes Conor. Dieser war am 20. März 1991 aus dem 53. Stock eines New Yorker Hochhauses gestürzt.

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"Nutbush City Limits" - Ike & Tina Turner: Anna Mea Bullock muss sich schrecklich gelangweilt haben, als sie in der 200-Seelen-Gemeinde Nutbush in Tennessee aufwuchs. Sonst hätte sie als Soul-Star Tina Turner sicher nicht den wütenden Song über das Dorf, in dem sie geboren wurde, geschrieben. Sie singt von den Beschränkungen des kleinen Örtchens, die einen dazu zwingen, ein Leben wie vom Reißbrett zu führen: "You go to town on saturday / and go to church on Sunday." Bestimmt war die junge Anna Mea nicht unglücklich darüber, dass sie mit 16 zusammen mit ihrer Mutter fortziehen konnte. Trotzdem wurde ein Teil der ebenfalls im Song besungenen Bundesstraße 19 nach der wohl größten Tochter des Städchens in "Tina Turner Highway" umbenannt.

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"Mein Teil" - Rammstein: "Heute treff' ich einen Herr'n, der hat mich zum fressen gern, weiche Teile und auch harte, stehen auf der Speisekarte." Was klingt wie ein absurder Kinderreim, ist wohl der Songtext mit einem der geschmacklosesten realen Hintergründe der Musikgeschichte. In einem MTV-Interview erklärten die Bizarr-Rocker Rammstein, dass der Fall des sogenannten "Kannibalen von Rotenburg" Armin Meiwes sie inspiriert habe, das Lied zu schreiben.

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Volle Kraft voraus: "Hier kommt Alex" - Die Toten Hosen. Ihren ersten großen Hit fanden die Funpunks aus Düsseldorf eigentlich "zu rockig" und "zu lahmarschig". Entstanden ist er als Bühnenmusik für ein Theaterstück nach dem Roman "Uhrwerk Orange" von Anthony Burgess von 1962. Der war spätestens seit der Filmadaption von Stanley Kubrick 1971 zum Kultbuch avanciert. "Alex" ist der Protagonist Alexander Delarge, der nicht nur Beethovens 9. Sinfonie liebt, sondern auch einen Lustgewinn aus exzessiver Gewalt zieht. So zieht er Nacht für Nacht mit seiner Gang, den Droogs, los, um "zwanzig gegen einen" zu kämpfen "bis das Blut zum Vorschein kommt".

Foto: Campino auf Einestages
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"Sympathy For The Devil" - Rolling Stones: Ob Mick Jagger Sympathien für den Teufel empfindet, sei dahingestellt. Fest steht, dass die Stones ihm einen ihrer bekanntesten Songs gewidmet haben. Die Idee für den Titel kam Jagger beim Lesen. Der französische Poet Baudelaire habe ihn vermutlich inspiriert, sagte der Sänger dem Musikmagazin "Rolling Stone" einmal. So genau könne er sich allerdings nicht erinnern. Dem Gedächtnis helfen da zahlreiche Fans und Experten auf die Sprünge, die den Roman "The Master And The Margarita" des Russen Michail Bulgakov als Vorlage für den Hit ausgemacht haben wollen. Der Beginn des Stones-Songs und die ersten Zeilen des Romans zumindest ähneln sich. Und auch inhaltlich gibt es Parallelen: Im Buch wie im Lied erzählt der Teufel den Menschen von seiner Beteiligung an verschiedenen historischen Ereignissen.

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"Happy Birthday" - Stevie Wonder: Mit diesem Lied hat Stevie Wonder einen Refrain geschaffen, den Millionen Menschen jedes Jahr zu ihrem Ehrentag hören. Dass der Song aber nie als fröhliches Ständchen, sondern als Hymne für den ermordeten Bürgerrechtler Martin Luther King komponiert wurde, dürften die wenigsten wissen. Wonder schrieb das Lied 1980 für King, der in dem Song auch namentlich erwähnt wird. Anlass war der jahrelange Kampf afroamerikanischer Bürger für einen Feiertag zu Ehren Martin Luther Kings. 1983 erkannte der amerikanische Staat die gesellschaftliche und politische Bedeutung Kings endgültig an und bestimmte den dritten Montag im Januar zum offiziellen Feiertag für den Menschenrechtler.

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"Wild Boys" - Duran Duran: Feuersäulen schießen aus dem Boden, Kreaturen wie aus einem Alptraum verstecken sich in dunklen Winkeln, junge Männer tanzen in heruntergekommenen Kleidern durch eine düster-staubige Halle - sieht man das Video zu "Wild Boys", ist die Inspirationsquelle für den Song nicht verwunderlich. Pate stand der Science-Fiction-Roman "The Wild Boys - A Book of the Dead" von dem amerikanischen Schriftsteller William S. Borroughs ("Naked Lunch", "Nova Express"). In der Geschichte kämpft eine Gruppe junger Männer - die Wild Boys - in einer postapokalyptischen Zukunft gegen einen repressiven Polizeistaat an.

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AC/DC: Es geschah im Februar 1980. Nach einer alkoholschwangeren Tour durch die Londoner Kneipen und Rockclubs wurde der sturzbetrunkene AC/DC-Sänger Bon Scott von seinem Kumpel Alistair Kennar nach Hause gefahren. Scott schlief auf der Rückbank des Renault 5. Als Scott sich vor seiner Haustür nicht von Kennar wecken ließ, fuhr dieser mit dem Rocksänger an Bord zu sich nach Hause und ließ ihn im Auto schlafen. Am nächsten Tag will Kennar den AC/DC-Frontmann wecken, doch er ist tot, erstickt an seinem Erbrochenen. Deshalb lässt die Band auf ihrem folgenden Album "Back In Black" mit dem neuen Sänger Brian Johnson an Bord in dem Song "Hells Bells" die Glocke läuten. "You're only young but you're gonna die", singt Johnson. Die Glocke tourt seither mit der Band durch die Welt und schwingt bei manchem Konzert über Bühne und Zuschauer. Sie ist der Nachbau einer realen Kirchenglocke aus der englischen Industriestadt Loughborough - und wiegt eineinhalb Tonnen.

Hier in der Besetzung von 1985 nach dem Tod von Bon Scott

Foto: Dave Hogan/ Getty Images
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Punk-Band Slime: "Deutschland muss sterben, damit wir leben können" - diese Zeile aus dem Slime-Song "Deutschland" war Grund genug das Lied zu zensieren. Jahrelang gab es die LP nur mit regelmäßigen dezenten PIEP-Tönen zu kaufen. Dabei handelt es sich weniger um einen Groll auf das Land, aus dem die Punk-Musiker kommen, sondern um eine Parodie auf Inschrift des "76er-Ehrenmals" am Hamburger Dammtor-Bahnhof. Sie lautet: "Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen". (v.l. n.r.: Slime-Musiker Eddi Räther, Dirk Jora, Elf, Stephan Mahler, Christian Mevs).

Foto: Andrew Krüger
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?