Horst Köhler Einsamer Bürgerkönig
"Horst wer?" hieß es, als ein der Öffentlichkeit weitestgehend Unbekannter 2004 als Kandidat für das höchste Staatsamt Deutschlands präsentiert wurde. Horst Köhler wollte ein "unbequemer" Bundespräsident sein - doch zuletzt schien er isoliert und unverstanden. Am 31. Mai 2010 folgte der Paukenschlag: Er trat zurück.
Köhler - hier im November 2008 mit Ehefrau Eva-Luise auf einem Schnellboot im Hafen von Lagos - begann seine Karriere als Wirtschaftswissenschaftler, bevor er in die Politik wechselte.
Geboren wurde Köhler 1943 als siebtes von acht Kindern einer Bauernfamilie im polnischen Skierbieszów. Nach dem Wehrdienst studierte er Wirtschaftswissenschaften in Tübingen. Ab 1976 arbeitete er im Bundeswirtschaftsministerium, promovierte 1977. 1990 wurde er Staatssekretär von Finanzminister Theo Waigel, später Wirtschaftsberater Helmut Kohls und gestaltete die Europäische Währungsunion maßgeblich mit.
1993 wechselte Köhler als Präsident zum Deutschen Sparkassen- und Giroverband, fünf Jahre später wurde er Chef der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Mitte 2000 übernahm er vier Jahre lang das Amt des Direktors des Internationalen Währungsfonds (IWF). In dieser Eigenschaft traf er im September 2000 auch mit Gordon Brown (Bild) zusammen, damals britischer Schatzkanzler.
Lange war Horst Köhler eher hinter den Kulissen der Politik tätig, im März 2004 trat er in die erste Reihe: CDU-Chefin Angela Merkel und CSU-Amtskollege Edmund Stoiber stellten Köhler als den Kandidaten der Union für das Amt des Bundespräsidenten vor.
Sieg im ersten Wahlgang: Am 23. Mai 2004 wählte die Bundesversammlung Köhler zum neuen Bundespräsidenten. Seine Wahl war das "Meisterstück" der damaligen CDU-Chefin Merkel und des FDP-Chefs Guido Westerwelle. Köhler sollte Vorbote einer schwarz-gelben Koalition werden - die allerdings erst fünf Jahre später wahr wurde.
Christdemokrat Horst Köhler trat die Nachfolge von Sozialdemokrat Johannes Rau an. Unmittelbar nach der Wahl stellten sich Horst und Eva-Luise Köhler mit seinem Vorgänger Johannes Rau und dessen Gattin Christina im Amtssitz Schloss Bellevue in Berlin den Fotografen. Der als zurückhaltend geltende Köhler wirkte dabei leicht nervös.
Köhler wurde am 1. Juli 2004 vereidigt. In seiner ersten Rede im neuen Amt umwarb er vor allem jene, die ihn nicht gewählt hatten - die Abgeordneten der Sozialdemokraten und Grünen. "Wir Männer", sagte Köhler etwa, "müssen uns klarmachen", dass es bei dem Thema Gleichberechtigung nicht nur um Kinder und Familie gehe, sondern auch um die Kreativität und Kompetenz der Frauen. Rot-Grün lobte die "gute Rede".
Köhlers erster Auslandsbesuch galt im Juli 2004 seinem Geburtsland Polen - seine Amtsvorgänger sind dagegen stets zuerst nach Frankreich gefahren. Im Februar 2005 besuchte Köhler Israel (im Bild: Köhler in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem). Er begann seine Rede mit Worten auf Hebräisch - israelische Medien feierten die Geste als historisch.
Der Katholik zu Besuch beim Protestanten: Wenige Monate nach seiner Wahl zum Papst reiste Benedikt XVI. in sein Heimatland Deutschland. Bundespräsident Köhler traf ihn anlässlich des Weltjugendtags in Köln in der Bonner Villa Hammerschmidt.
Historische Amtshandlung: Am 22. November 2005 ernannte Horst Köhler seine Parteifreundin Angela Merkel offiziell zur Bundeskanzlerin - sie ist die erste Frau an der Spitze einer deutschen Regierung.
Er mag Fußball, das ist unübersehbar: Köhler bei der Eröffnungsfeier der in Deutschland ausgetragenen Weltmeisterschaft 2006 mit Organisator Franz Beckenbauer (r.) und Fifa-Boss Sepp Blatter. Köhler treibt auch selbst gern Sport, er fährt Ski, joggt regelmäßig und spielt Golf.
Der Bundespräsident zeigte sich mit seiner Frau Eva-Luise schon mal beim 50-Meter-Sprint im Berliner Olympiastadion.
Köhler ist seit 1969 mit seiner Frau Eva-Luise, einer ehemaligen Grundschullehrerin, verheiratet. Die beiden haben zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Horst Köhler trat 1981 in die CDU ein, strebte aber nicht nach Parteiämtern. Seine Frau engagierte sich zeitweise auf kommunaler Ebene - als SPD-Mitglied.
Am 23. Mai 2009 wurde Köhler von der Bundesversammlung als Bundespräsident wiedergewählt. Das Bild zeigt ihn an diesem Tag mit seiner Familie - Ehefrau Eva-Luise, Tochter Ulrike und Sohn Jochen - auf der Tribüne des Reichstagsgebäudes in Berlin.
Köhler achtete stets darauf, Distanz zu den Würdenträgern der Republik zu halten - im Volk machte ihn das umso beliebter. Manche feierten ihn gar als "Bürgerkönig". In seiner Direktheit unterschied sich Horst Köhler von seinen Vorgängern. Mal äußerte er rechtliche Bedenken gegen politische Entscheidungen, mal mahnte er die Deutschen.
Der Bundespräsident rügte die Politik immer wieder: Die Reaktion der internationalen Gemeinschaft auf die Weltfinanzkrise sei unzureichend. Auch im Bundestag warnte Köhler im Oktober 2009, die Welt brauche eine neue Ordnung für die Finanzmärkte, "die Geld und Kapital wieder in eine dienende Rolle bringt", zum Nutzen aller Menschen. Die Finanzmärkte nannte er "Monster".
Köhler wirkte nie huldvoll oder von oben herab. So wurde er vom unbekannten Technokraten zu einem der populärsten Politiker Deutschlands. Auf dem Foto posiert er mit Schülern und Lehrern, die sich über den Deutschen Schulpreis 2008 freuen.
Zu den Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 2009 versammelten sich Europas Spitzenpolitiker in Berlin - in ihrer Mitte Horst Köhler. Vor dem Brandenburger Tor standen (von l.) Großbritanniens Premier Gordon Brown, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Russlands Präsident Dmitrij Medwedew. Rechts von Köhler winkte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit.
An Afrika hängt sein Herz: Horst Köhler setzte sich bei zahlreichen Besuchen (wie hier im Februar 2008 in Ruanda) für eine bessere Zusammenarbeit mit dem schwarzen Kontinent ein. "Für mich entscheidet sich die Menschlichkeit unserer Welt am Schicksal Afrikas", sagte Köhler.
Horst Köhler besuchte im Mai 2010 die deutschen Truppen in Masar-i-Scharif. Dort begründete er Bundeswehreinsätze auch mit wirtschaftlichen Interessen Deutschlands - und löste damit Empörung und Irritationen aus. SPD, Grüne und Linke zeigten sich empört. Aber auch in Union und FDP herrschte Verärgerung über die Worte des Staatsoberhaupts. Rückendeckung gab es nur in homöopathischen Dosen.
Nun zog er die Konsequenzen. "Ich erkläre meinen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten", sagte Köhler. Die Unterstellung, er habe einen grundgesetzwidrigen Einsatz der Bundeswehr zur Sicherung von Wirtschaftsinteressen befürwortet, entbehre jeder Rechtfertigung, so Köhler. Das lasse den notwendigen Respekt vor dem höchsten Staatsamt vermissen. Seine letzten Amtsworte: "Es war mir eine Ehre, Deutschland als Bundespräsident zu dienen."