Hungern als Show Ich will so leiden, wie ich bin
Stehender Fastenkönig: Der Südamerikaner Papus hatte sich eine besonders grausame Variante des Hungerns ausgedacht - er fastete im Stehen. Zehn Tage und Nächte verbrachte Papus um 1910 in diesem Glaskasten in Berlin, ohne einen Bissen zu sich zu nehmen, ein Wärter kontrollierte den Selbstüberwindungsversuch. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Papus sich in einem hermetisch verschlossenen Glassarg unter Wasser versenken lassen, um tagelang reglos und ohne Nahrung dahin zu vegetieren - Luft bekam er über einen wasserdichten Schlauch zugeführt.
Von der Schließgesellschaft bewacht: Hohlwangig, aber glücklich nahm Fastenkönig "Jolly" im März 1926 in Berlin die Blumen entgegen, die ihm am Ende seiner freiwilligen Hungerkur überreicht wurden. "Jolly" hungerte 44 Tage lang, stellte einen neuen Weltrekord auf - und löste einen wahren Boom aus. "Die Bewachung dieses Glashauses wird ausgeführt durch in Gegenwart des unterfertigten Notars verpflichtete Wachbeamte der Berliner Wach- und Schliessgesellschaft", verhieß ein an die Glasscheibe befestigtes Plakat.
Heiratsantrag für den Hungerkünstler: 40 Tage lang nahm der amerikanische Arzt Henry Tanner keinerlei Nahrung zu sich. Mit seinem medizinischen Selbstversuch begründete er im Sommer 1880 das moderne Schauhungern und wurde zum Publikumsliebling. Tausende kamen, um dem Hungerdoktor beim Kostverzicht zuzusehen. Während eine Verehrerin dem Darbenden einen Heiratsantrag machte, erbot sich ein anderer Besucher, Tanner auszustopfen, falls er seine Hungerkur nicht überstehen würde.
Über dem Abgrund: Am 5. September 2003 ließ sich der US-Amerikaner David Blaine in eine durchsichtige Plexiglaskiste einsperren und neun Meter über dem Londoner Potters Fields Park aufhängen. 44 Tage lang nahm der Stunt-Artist, Zauberer und Illusionist nur Wasser zu sich, seine Performance taufte er "Above the Below" ("Über dem Abgrund"). Eine Viertelmillion Schaulustige...
kamen, um dem abgemagerten Blaine beim Fasten zuzuschauen. Andere konnten sein selbst auferlegtes Martyrium per Webcam verfolgen. Die Hunger-Performance provozierte überwiegend negative Reaktionen. So entblößten Frauen ihre Brüste und Männer ihre Hintern, Gegner warfen Eier, Zitronen, Würste, Bierflaschen und Speck gegen die Box. Ein Disc Jockey quälte den Hungerkünstler 24 Stunden lang mit lauter Musik. Am 19. Oktober 2003...
...ließ sich Blaine, um 24,5 Kilo erleichtert, wieder abseilen. Er murmelte noch leise "Ich liebe Euch alle" und ließ sich dann ins Krankenhaus abtransportieren. Vor dieser Performance hatte Blaine sich 1999 für die Dauer von sieben Tagen lebendig begraben lassen. Ein Jahr später ließ er sich knapp drei Tage lang in einem Block aus Eis einschließen, und 2002 posierte Blaine in New York 35 Stunden lang auf einer rund 27 Meter hohen Säule.
Abgehalfterte Kostverächter: Mit Vorhängeschloss und Siegel war dieser Glaskasten abgesichert, in dem sich "Ventego" 1926 in Berlin fast zu Tode gehungert hätte. Nachdem die Unterhaltungsform des Schauhungerns nach dem Ersten Weltkrieg fast zum Erliegen kam, trieben Inflation und Arbeitslosigkeit die Menschen in den zwanziger Jahren erneut in die durchsichtigen Hungerzellen. Allerdings brachten die Fastenshows nun deutlich weniger Geld ein als vor dem Krieg, was teils an den hohen Vergnügungssteuern lag. Zudem brachten sich die Hungerkünstler durch immer neue, brutale Fastenrekorde häufig in Lebensgefahr oder brachen vorzeitig aus ihren Käfigen aus. So wie etwa...
...der holländische Hungerkünstler "Wolly" (hier 1926 in Paris). Da die Glaskästen der Hungerkünstler nach dem Ersten Weltkrieg erstmals auch Türen enthielten, die laut Polizeivorschrift nicht verriegelt werden durften, konnten die Fastenden jederzeit aus ihrem selbsterwählten Gefängnis türmen. Angeblich brachte ein lachender Besucher den psychisch schon stark entnervten "Wolly" so sehr auf die Palme, dass er vorzeitig aus seinem Glasverlies flüchtete.
Wasser statt Chop Suey: Um Hungerkünstler David Blaine zu toppen, ließ sich der 50-jährige Heilpraktiker Chen Jianmin am 20. März 2004 in eine Glaskiste sperren und über einem Berg im Südwesten Chinas aufhängen. Er hielt fünf Tage länger durch als der US-Amerikaner. Am 7. Mai ließ sich Chen Jianmin, müde lächelnd, mit eingefallenen Wangen und schlotternden Knien, aus seinem Glasverlies befreien.
"Größtes Phänomen des XX. Jahrhunderts": 1905 trat mit Auguste Victoria Schenk die erste weibliche Hungerkünstlerin auf den Plan. Am 22. Juli bestieg die Schauspielerin ihren Glaskasten im I. Kaffeehaus an der Prater Hauptallee in Wien. Mit ihrer Hungershow übertrumpfte sie ihren Konkurrenten "Riccardo Sacco" um zwei Tage - und geriet zum Star der k.u.k.-Metropole. Nachdem das "Illustrierte Wiener Extrablatt" Schenk zunächst als "größtes Phänomen des XX. Jahrhunderts" gefeiert hatte, warf das Blatt Schenk später schnöde "Emancipations-Gelüste" vor und mutmaßte, dass Schenk demonstrieren wolle, dass auch "das schwache Geschlecht einen starken Magen" habe. Nach und nach...
...entdeckten auch andere Frauen den lukrativen Reiz des Kostverzichts. So ließ sich etwa Hungerkünstlerin "Daisy" im März 1926 unter schwerer Bewachung in eine mehrfach plombierte Glaszelle im "Dresdner Felsenkeller" in der Berliner Friedrichstraße 122 einbuchten. Mit 34 Tagen stellte "Daisy" einen neuen Weltrekord unter den weiblichen Fastenstars auf.
Abgemagerter Leichnam weicht dem Panther: Schriftsteller Franz Kafka war von dem kuriosen Fastensport seiner Zeit so fasziniert, dass er im Frühjahr 1922 eine Erzählung mit dem Titel "Ein Hungerkünstler" verfasste. Allerdings wertete er das kommerzielle Wetthungern als eine antiquierte, dem Untergang geweihte Unterhaltungsform. "In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegangen. Während es sich früher gut lohnte, derartige Vorführungen ( ) zu veranstalten, ist dies heute völlig unmöglich", so Kafka. Der Hungerkünstler in Kafkas Erzählung erleidet ein grausames Schicksal: Völlig unbeachtet von der Öffentlichkeit magert sich der Mann zugrunde, bis sein dürrer Leichnam achtlos beiseite geräumt wird und ein junger Panther seinen Käfig bezieht.
Bayerische Fastenhasser: Nach 32 Tagen ohne Nahrung genoss der deutsche Hungerkünstler Wilhelm Bode alias "Riccardo Sacco" im Hotel "Regent" in Salford seine erste Mahlzeit, wie dieses Foto illustriert. Als Sacco sich 1904 auf der Münchner Wiesn in einem Hungerturm einmauern ließ, gerieten die Menschen über die Frage, ob das nun Kunst oder Betrug sei, dermaßen in Streit, dass die berittene Polizei eingreifen musste. Weil sich die Münchner immer wieder Prügeleien vor dem Hungerturm lieferten, verbot die Stadt Sacco dessen Schaufasten. Daraufhin setzte der Hungervirtuose seine Tournee in einem Glaskasten im Varieté Wittelsbach fort. Während sich Sacco hier angeblich einzig dem Genuss von "Teinacher Hirschquelle" hingab,...
nährte sich der italienische Hungerkünstler Giovanni Succi von "Becker's Sauerstoffwasser 'Ozonin'", wie diese Postkarte von 1915 verkündete. Der abgebildete Jahrmarktstand fungierte nicht nur als Hungerzelle für Succi, sondern gleichzeitig als Werbefläche, etwa für "Lindener Pilsener", "Kaiserbier" und "Kunstholzfußboden". Im Gegensatz zu anderen Vertretern seiner Zunft nahm Hungerartist Giovanni Succi auf seinen Tourneen nicht nur Wasser, sondern täglich auch ein Gläschen "eines von ihm selbst erfundenen Liqueurs" zu sich, wie ein Schausteller-Handbuch von 1895 vermerkte.
Fastenstar und Steakfreund: Der norditalienische Hungerkünstler Giovanni Succi versteckte ein unübersehbares Bäuchlein unter der Weste, wie dieses Foto dokumentiert. Anders als etwa der Arzt Henry Tanner, der am Ende seiner Fastenkur fast täglich erbrechen musste, durchlebte Succi seine Hungerschau in Wien bei bester Laune: "Von Ermattung lässt übrigens Succi noch immer nicht viel merken, er turnt und tanzt und unterhält sich mit seinen Besuchern", wie das "Illustrierte Wiener Extrablatt" im April 1896 über dessen 25. Hungertag berichtete. Am gleichen Abend erwischte ein Arzt den angeblich Darbenden bei Beefsteak und Sekt.