In sieben Schritten Wie Hexen G.I. Joe zum Fashion Victim machten
Schritt 1: Hogwas?
Lange bevor die Magier-Lehrlinge Harry Potter, Hermine Granger und Ron Weasley Millionen zu Zauber-Fans machten (und eine britische Lehrerin zur Multimillionärin), war eine Karriere als Hexe noch weit weniger attraktiv: In der Frühen Neuzeit wurden in Europa bei Hexenverfolgungen 40.000 bis 60.000 der Hexerei Bezichtigte brutal getötet. Unter Berufung auf das Bibelzitat "Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen" (2. Buch Mose 22.17) machte man sie verantwortlich für Krankheiten, Missernten oder beliebiges anderes Ungemach. Und köpfte, folterte, verbrannte oder ertränkte die Angeklagten. Es dauerte ein paar Jahrhunderte, bis auffiel, dass dieser Lösungsansatz die Zahl von Krankheitsfällen oder Missernten gar nicht signifikant reduzierte.
Tatsächlich hatten viele der angeblichen "Hexen" sich keines anderen Vergehens schuldig gemacht als besonderer Kenntnisse um Heilpflanzen. Schon seit der Antike hatten Kräuterhexen nämlich ihr Wissen über pflanzliche Wirkstoffe genutzt, um damit gegen Krankheiten vorzugehen - ganz ohne teuflische Hilfe. Damit waren sie die historischen Vorläufer...
Schritt 2: Süße Medizin
...der späteren Arzneibereiter und Apotheker, die zunächst eher handwerklich, später stärker wissenschaftlich orientiert die Heilkräfte von Substanzen untersuchten. "Confectionarii" wurden diese frühen Pharmazeuten lateinisch genannt. Zu ihren Vorrechten zählte es, mit seltenen, importierten Kräutern und Gewürzen zu handeln, da sie um deren Wirkung wussten.
Nicht rein zufällig erinnert "confectionarii" an das Wort "Konfekt". Denn als durch den Seehandel aus dem fernen Orient der hier zuvor unbekannte Zucker importiert und aus Venedig Marzipan nach Mitteleuropa verschifft wurde, gehörten diese - zunächst nur für Reiche erschwinglichen - Leckereien erst einmal in die Obhut der Apotheker. Die verwendeten die begehrten Rohstoffe nicht allein dazu, ihrer Kundschaft manch bittere Medizin zu versüßen. Sie begannen auch, Zuckerwaren und süße Leckereien ohne medizinische Wirksamkeit zu verkaufen. Damit legten sie den Grundstein für das erst später als Zunft organisierte...
Schritt 3: Noch'n Schnittchen, Schneewittchen?
...Handwerk des Zuckerbäckers oder Konditors. Das Konditorhandwerk blühte zunächst in Venedig auf und breitete sich über Frankreich, Österreich und die Schweiz in Europa aus. Auch in Nürnberg organisierten sich erstmals 1643 Lebkuchenbäcker - "Lebküchler" genannt - zu einer eigenen Zunft.
Natürlich beschränkte sich das Können der Konditoren nicht auf Lebkuchen. Der hochkalorischen Handwerkskunst verdanken wir solche Lebensverbesserungen wie Franz Sachers berühmte Marillen-Schokoladentorte, die Bündner Nusstorte, die Donauwelle oder auch das niederländische Tompouce, in Deutschland besser bekannt als Vanilleschnitte.
Dazu rollt man auf einem Blech Blätterteig aus, gießt darüber eine Schicht Vanillepudding, deckt sie wiederum mit einer Schicht Blätterteig ab und überzieht das Ganze schließlich mit einer Zuckergussglasur - die zu wichtigen Spielen der niederländischen Nationalmannschaft auch mal orange eingefärbt werden darf.
Die Traditionsleckerei sollte allerdings nicht nur den Body-Mass-Index mancher Niederländer nachhaltig beeinflussen, sondern auch...
Schritt 4: Fast Food fürs Gehirn
...die deutsche Presselandschaft. Denn der Hamburger Verleger Axel Springer machte aus seiner Inspirationsquelle keinen Hehl, als er 1952 eine Zeitung vorstellte, wie sie Deutschland noch nicht gesehen hatte: Den "Geschmack einer Vanilleschnitte am Morgen" solle sie haben, so Springer. Er wollte mit einer plakativ gestalteten, nicht zu ernsten, an der britischen Boulevardpresse orientierten Tageszeitung voller großer Bilder und mit wenig Text ein Massenpublikum erobern. Besonders gehaltvoll musste das nicht unbedingt sein - aber eben möglichst vielen Leuten schmecken.
Der Plan ging auf: Mit 450.000 Heften Startauflage kam die "Bild"-Zeitung am 24. Juni 1952 auf den Markt und wurde wegen ihre Preises von 10 Pfennigen auch "Groschenblatt" genannt. Schon bald gehörte sie fest zum westdeutschen Alltag. Beliebt war die "Bild" nicht nur wegen ihrer knalligen Schlagzeilen, der Klatschgeschichten und leicht konsumierbaren Texten, sondern auch...
Schritt 5: Deutschlands liebster Blondinenwitz
...wegen einer Figur, die Karikaturist Reinhard Beuthien für die "Bild"-Zeitung entwickelt hatte. Im Springer-Auftrag sollte er einen Comic-Strip erfinden und setzte zunächst auf die Abenteuer eines aufsässigen Kleinkindes - ohne Erfolg. Mehr Anklang beim Verlag fand Beuthiens zweiter, herrenstammtischkompatibler Entwurf: eine übersexualisierte Blondine mit Wespentaille, Kussmund, langen Beinen, üppiger Oberweite und weniger üppigem Verstand. Lillis Eskapaden beliefen sich unter anderem darauf, versehentlich im Bikini bei der Arbeit aufzutauchen oder sich von bierbäuchigen Gaffern aufs Abendkleid treten und so entblößen zu lassen. Kurzum: Sie war ein wahrgewordener Herrentraum der Fünfzigerjahre.
Bald war "Lilli" so beliebt, dass man im Sommer 1955 mit Hilfe der Spielzeugfirma O&M Hausser eine Lilli-Puppe herausbrachte: 29 Zentimeter groß, nicht minder wohlgeformt als ihr zweidimensionales Vorbild und mit vielen modischen Kleidungsstücken an- oder vielmehr ausziehbar. Sie verkaufte sich blendend - und zwar in Kneipen oder Kiosks statt in Spielzeuggeschäften; als Zielgruppe waren also nicht Kinder anvisiert. Bei Junggesellenabschieden war das laszive Püppchen der Renner, 130.000 Stück wurden insgesamt hergestellt.
Dass auch jüngere Käufer Interesse an einer solchen Puppe haben könnten, ging...
Schritt 6: Life in plastic - it's fantastic!
...schließlich der US-Amerikanerin Ruth Handler auf, als sie gemeinsam mit ihrem Mann Elliott bei einer Schweiz-Reise in Luzern eine Lilli-Puppe erstand. Handler brachte sie mit in die USA - als Geschenk für ihre Tochter Barbara. Deren Begeisterung überzeugte sie offenbar, dass kleine Mädchen nicht nur gern mit Baby-Puppen spielten, sondern auch mit einer zur erwachsenen Frau modellierten Puppe.
Nun waren die Handlers nicht nur Eltern, sondern gemeinsam mit Harold Matson auch Gründer der US-Spielzeugfirma Mattel Creations. Also brachte Mattel am 9. März 1959 in New York eine eigene, Lilli fast exakt gleichende, 29,5 Zentimeter hohe Puppe auf den Markt, benannt nach der Tochter von Familie Handler: "Barbie".
Die amerikanische Plastikblondine wurde ein gigantischer Erfolg. Um sich nicht mit Konkurrenz aus Deutschland herumschlagen zu müssen, kaufte Mattel im März 1959 auch noch die Rechte an der "Lilli"-Puppe - und beendete deren Produktion umgehend. Seither gingen Milliarden Barbie-Puppen rund um die Welt über die Ladentische: "Superstar Barbie" mit extragroßen Augen und Grübchen, "Totally Hair Barbie" mit frisierbarem Blondschopf bis zum Boden, "Holland Barbie" mit Frau-Antje-Tracht und Holzschühchen, und dank moderner Technik auch...
Schritt 7: Shopping mit der Killermaschine
...die "Teen Talk Barbie", die dank eingebauter Sprachchips reden konnte - wenn auch mit einem Wortschatz, der sich auf die Themenfelder "Shoppen", "Mode" und "Mathe ist schwer!" beschränkte. Schon lange waren die Barbie-Macher für ihre Verwendung von Geschlechterstereotypen angegriffen worden - aber mit diesem Modell war das Maß für einige Kritiker endgültig voll.
Daher formierte sich die "Barbie Liberation Organization" (BLO). Sie trat 1993 in den Widerstandskampf gegen Geschlechterklischees, indem sie Hunderte der "Teen Talk Barbie" und der ebenfalls sprechenden "Talking Duke G.I. Joe"-Soldatenpuppen für Jungs kaufte. Die BLO tauschte die Sprachchips beider Modelle aus, versiegelte die Packungen wieder und stellte sie zurück in die Ladenregale.
Während Barbie jetzt zu Maschinengewehrgeräuschen "Die Rache ist mein!" brüllte, "Friss Blei, Cobra!" oder auch einfach nur "Attackeee!", quietschte derweil G.I. Joe: "Lass uns shoppen gehen!" - "Kann man je genug Kleider haben?" - Oder: "Lass uns unsere Traumhochzeit planen!"