Jazzfest Berlin Ein kluger Spagat
Der US-amerikanische Drummer und Komponist Tyshawn Sorey ist dieses Jahr Artist in Residence beim Jazzfest Berlin.
Sorey hat fast jeden Tag einen Auftritt, mit wechselnden Musikern.
Am Donnerstag eröffnete er das Hauptprogramm im Haus der Berliner Festspiele mit seinem Trio, das seit zehn Jahren zusammenspielt.
Sein Trio gleitet auf dem aktuellen Album "Verisimilitude" von impressionistischen Kompositionen in freie Improvisation. Die Nähte dazwischen: übergangslos. Das Album ist toll, der Auftritt toller.
Sorey setzt selbst in ruhigen Gewässern kräftige Akzente, ohne dass man denkt, der Bandleader mache eine Arschbombe nach der andern. Cory Smythe am Piano gibt viel Richtung vor, bei größtmöglicher Zurückhaltung, dieser Skipper schreit auch bei Sturm nicht. Und Chris Tordini findet in diesen Extremen dennoch eine Welle für sich.
Es ist Freitag, 20 Uhr, der deutsche Pianist Michael Wollny erhält den besten Platz im Programm.
Als "bekennender Romantiker" wurde er vorgestellt. Das ist nicht falsch. Aber der sanfte Wollny packte den Flammenwerfer aus bei seinem Berliner Soloauftritt und schoss den Weg frei aus dem Stilknast. Romantik? Ja, auch. Und Expressionismus. Und Blues. Und Bach. Und Thelonious Monk. Und vieles mehr (außer Stille).
Die NDR-Bigband unter der Leitung des Norwegers Geir Lysne trat ebenfalls auf.
Erst avanciertester Jazz, dann Schmusesound, der unter dem Titel "Abstracts from Norway" das konkrete Klischee der gehobenen Harmlosigkeit verstärkte. Eine Enttäuschung, auch als Programmation, die diesen Spagat an einem Abend vollführen wollte oder musste.
Die in London beheimatete Brasilianerin Mônica Vaconcelos stellte ihr Album "The Sao Paulo Tapes" vor, das Lieder von Komponisten versammelt, die Opfer der Militärdiktatur in Brasilien wurden.
Schön, sehr gefällig, da konnte auch Ingrid Laubrock am Tenorsax nicht viel mehr als Ornamente des Wilden beisteuern.