Job-Markt: Wer alles einen Mindestlohn fordert - DER SPIEGEL
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Job-Markt Wer alles einen Mindestlohn fordert

Ab Mai 2011 wird auf dem deutschen Arbeitsmarkt alles neu - dann gilt in der Europäischen Union völlige Freizügigkeit. Gewerkschafter fürchten einen Ansturm von Billigkräften aus dem Osten. Aber auch Unternehmer sind alarmiert: Ohne Mindestlöhne droht ihnen ein mörderischer Dumpingwettlauf.
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Niedriglohn-Job (in München): Ab Mai 2011 können alle Bürger der Europäischen Union ihren Arbeitsort frei wählen - auch in Deutschland. Arbeitnehmer wie Arbeitgeber fürchten nun Dumpinglöhne.

Foto: DIETHER ENDLICHER/ AP
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Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt: Unternehmer sind normalerweise gegen Mindestlöhne, doch nun sagt der Funktionär: "In einzelnen Branchen akzeptiere ich durchaus, dass Vereinbarungen über Mindestlöhne getroffen werden, wenn soziale Verwerfungen vorliegen." Er könne sich "durchaus vorstellen, dass insbesondere im Frühjahr des Jahres 2011, wenn die Arbeitnehmerfreizügigkeit entsteht, weitere Branchen dazukommen müssen".

Foto: A3946 Alina Novopashina/ dpa
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Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegießer: "Wenn 2011 die bisher geltende Beschränkung des Arbeitsmarktzugangs für osteuropäische Arbeitnehmer ausläuft, kann die Aufnahme der Zeitarbeit in das Entsendegesetz vertretbar sein", sagte er dem manager magazin. Mit anderen Worten: Auch für Leiharbeiter sollte ein Mindestlohn gelten. "Sonst wird der Lohndruck für die Branche zu groß."

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Gunther Thielen, Chef der Bertelsmann-Stiftung: In einem Interview mit der "Welt" forderte er im Mai eine Lohnuntergrenze - per Gesetz und allgemeinverbindlich statt nur für einzelne Branchen. Sonst werde sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnen. Jetzt sei es "durchaus an der Zeit, dass der Kuchen wieder gerechter verteilt wird".

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Ökonom Bert Rürup: "Seit dem Jahr 2007 habe ich gleichermaßen für einen moderaten gesetzlichen Mindestlohn und ein entpolitisiertes Verfahren zu dessen Bestimmung geworben", sagte er dem manager magazin im Februar. "Entpolitisiert" heißt: Die Höhe bestimmt eine Expertenrunde von Arbeitgebern, Gewerkschaftern und Wissenschaftlern - und nicht Parteisoldaten kurz vor dem Wahltermin.

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FDP-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger auf dem Deutschen Juristentag: Die Rechtsexperten haben einen allgemein verbindlichen Mindestlohn gefordert - so sollen die sozialen Folgeschäden der zahlreichen Minijobs verringert werden.

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Karl-Josef Laumann, Chef der Arbeitnehmervereinigung CDA innerhalb der CDU: Auch er fordert Mindestlöhne, die sicherstellen, dass Arbeitende mehr im Geldbeutel haben als Hartz-IV-Empfänger. Allerdings plädiert er nur für branchenspezifische Regelungen.

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Abfallwirtschaft: In der Branche gilt seit Anfang 2010 ein Mindestlohn, derzeit liegt er bei 8,02 bis 8,24 Euro pro Stunde.

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Die Arbeitsagenturen klagen immer wieder gegen sittenwidrige Löhne - ein Extrembeispiel wurde in einer Pizzeria in Stralsund bekannt. Dort hatte der Chef Stundenlöhne von 1,43 bis 2,86 Euro gezahlt.

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Textildiscounter Kik: Das Unternehmen stand immer wieder in der Kritik wegen seiner niedrigen Löhne. Seit Oktober 2010 sollen alle Kik-Mitarbeiter in Deutschland mindestens 7,50 Euro pro Stunde bekommen. Die Regelung darf allerdings nicht Mindestlohn heißen, das Unternehmen spricht von einem "Basislohn".

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Lidl: Im Februar machte sich das Unternehmen überraschend für Mindestlöhne stark - vermutlich aus PR-Gründen. Die Gewerkschaft Ver.di gibt zu bedenken, dass Lidl nach wie vor jedes Gespräch mit Arbeitnehmervertretern verweigere. Dies wäre aber nötig, um einen Mindestlohn zu vereinbaren.

Foto: Carsten Koall/ Getty Images
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US-Ökonom Joseph Stiglitz: In der Wirtschaftswissenschaft findet schon seit längerem ein Umdenken statt. Galt früher als ausgemacht, dass ein Mindestlohn stets Jobverluste nach sich zieht, mehren sich seit den neunziger Jahren Studien, die zu anderen Schlüssen kommen. Das ist das Ergebnis einer Überblicksstudie des Economic Policy Institute von 2006, die die Daten anderer Forscher zusammenführt. Negative Beschäftigungseffekte sind demnach minimal und oft nicht von Dauer, dafür stellen die Unternehmen eine höhere Produktivität, weniger Fehlzeiten und eine bessere Arbeitsmoral fest. Ebenfalls 2006 unterschrieben 650 US-Ökonomen einen Aufruf, den Mindestlohn in den USA zu erhöhen, darunter die Nobelpreisträger Stiglitz, Robert Solow und Kenneth Arrow.

Foto: MIKE SEGAR/ REUTERS
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