Judenretter Rezsö Kasztner Der Mann, der mit dem Teufel paktierte
Kindheit unter Judenhassern: Der fünfjährige Ladislaus Löb mit seinen Eltern Izsó und Jolán Löb. Ladislaus kam am 8. Mai 1933 in der Hauptstadt Siebenbürgens, Klausenburg (ungarisch Kolozsvár, rumänisch Cluj) zur Welt. Das jüdische Kind wuchs in einem Klima der Angst auf - der Antisemitismus war allgegenwärtig.
Antisemitismus im Alltag: Mit neun Jahren verlor Ladislaus Löb seine Mutter, sie starb an Tuberkulose. Während ihrer Krankheit musste sich sein Vater Iszó vor Gericht verantworten - ein antisemitischer Nachbar hatte die Mutter angezeigt, weil sie mit ihrem Sputum angeblich "die ungarische Nation vergiften" wolle.
Vom Kind zur Ware: Ladislaus Löb feierte seinen elften Geburtstag, kurz nachdem die deutsche Wehrmacht in Ungarn einmarschiert war. Sein Vater schaffte es, für beide einen Platz im begehrten "Palästina-Transport" zu erkämpfen: jener Gruppe von 1670 Juden, denen Rezsö Kasztner durch einen Deal mit dem Holocaust-Organisatoren Adolf Eichmann das Leben rettete. Am 7. Dezember 1944 kam die Gruppe in der neutralen Schweiz an - sie war den Gaskammern entronnen.
Bergen-Belsen statt Palästina: Am 9. Juli 1944 kam der Palästina-Transport mit den 1670 Juden im Konzentrationslager Bergen-Belsen (Foto) an - ein großer Schock für die Menschen, hatte man ihnen doch versprochen, dass sie nach Palästina in die Freiheit fahren würden. Fünf Monate mussten Ladislaus Löb und die anderen dort ausharren, bevor die Gestapo sie schließlich in die sichere Schweiz ziehen ließ.
Eichmann in Uniform: Holocaust-Organisator Adolf Eichmann (undatierte Aufnahme) unterbreitete den ungarischen Juden einen makaberen Deal, der unter dem Titel "Blood for Trucks" berühmt werden sollte. Er versprach die Freilassung von einer Million Juden, forderte aber im Gegenzug 10.000 Lastwagen, 200 Tonnen Kaffee, zwei Millionen Kisten Seife, Wolfram und anderes kriegswichtiges Material. Die ungarischen Juden sollten die laut Nazis ausschließlich für die Ostfront bestimmten Lkw von den westlichen Alliierten besorgen. Hintergrund waren Bestrebungen des SS-Chefs Heinrich Himmler, einen Separatfrieden mit den West-Alliierten zu erreichen.
Beispiellose Brutalität: Die Nationalsozialisten gingen in Ungarn mit beispielloser Brutalität und Effizienz vor. Nachdem die Wehrmacht das Land am 19. März 1944 besetzt hatte, begannen am 15. Mai die Deportationen. Binnen weniger als zwei Monate schickte die Gestapo rund 437.000 ungarische Juden nach Auschwitz. Antisemitische Ungarn vor Ort halfen maßgeblich dabei, dass innerhalb so kurzer Zeit eine so große Anzahl von Menschen deportiert werden konnte.
Ungarische Juden in Auschwitz: Etwa 330.000 ungarische Juden wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft in Auschwitz in die Gaskammern geschickt. Das Foto von 1944 zeigt ungarische Juden nach ihrem Eintreffen im Vernichtungslager.
"Eine gewisse Freundschaft": Nach dem Krieg sagte der ungarische Jude Rezsö Kasztner vor dem Tribunal in Nürnberg (Foto vom 6. Januar 1948) zugunsten des SS-Standartenführers Kurt Becher aus und bewahrte den Nationalsozialisten so vor dessen Strafe. Mit Becher verband Kasztner, so Löb, eine "gewisse Freundschaft". Zudem ermöglichte Becher in den Augen Kasztners nicht nur den "Palästina-Transport", sondern erwirkte bei SS-Chef Heinrich Himmler auch die Verschonung etlicher Juden, etwa der Insassen des Konzentrationslagers Bergen-Belsen.
Angeblicher Mitläufer: Während des Krieges war Kurt Becher (undatierte Aufnahme) unter anderem an den sogenannten Säuberungen in Polen und Weißrussland beteiligt, die zur Ermordung Tausender Juden führten. Zudem plünderte der SS-Standartenführer ungarisch-jüdisches Vermögen. Dennoch wurde er nach dem Krieg als Mitläufer eingestuft, weil er in Verhandlungen mit dem ungarischen Juden Rezsö Kasztner den Freikauf von 1670 Juden erwirkt hatte. 1995 starb Becher als wohlhabender Geschäftsmann - ohne jemals für seine Verbrechen belangt worden zu sein.
Zwischen Held und Verräter: Rezsö Kasztner, 1906 wie Ladislaus Löb in Klausenburg geboren, war studierter Jurist und überzeugter Zionist. Als faktischer Leiter des jüdischen Rettungskomitees Wa'adah verhandelte er in Budapest mit der Gestapo über die Freilassung ungarischer Juden im Tausch gegen Gold und Devisen.
"Seine Seele dem Teufel verkauft": Nach dem Krieg wanderte Rezsö Kasztner (Foto von 1947) nach Israel aus und arbeitete für die sozialdemokratische Mapai-Partei, unter anderem als Sprecher des Versorgungsministeriums. Nachdem ein Rechtsextremist ihn der Kollaboration mit den Nazis bezichtigt hatte, strengte Kasztner einen Verleumdungsprozess an, der sich jedoch gegen ihn wendete: Er habe "seine Seele dem Teufel verkauft", urteilte damals der Richter. Am 3. März 1957 wurde Kasztner von einem jüdischen Fanatiker vor seiner Wohnung erschossen - seine Teilrehabilitierung erlebte er nicht mehr.
Umstrittener Retter: Bis heute ist die Figur Rezsö Kasztners stark umstritten. Während er für die einen ein Held war, der 1670 Juden vor den Gaskammern rettete, gilt er den anderen als Verräter, der die Ungarn nicht vor den Vernichtungsplänen der Nazis gewarnt hatte - obwohl er genau wusste, was in Auschwitz vorgeht. 2007 wurden seine Akten dem "Yad Vashem Holocaust Memorial" in Jerusalem übergeben - das Foto zeigt den Holocaust-Überlebenden Issak Kadan beim Studium des Kasztner-Archivs.