Jugend in Pariser Vorstadt Kameras und Kalksteinvillen
Bilel, 29, arbeitet in Aulnay-sous-bois als Lastwagenfahrer. Mitte September wurde sein Bruder Yacine tot in einem Keller der Pariser Vorstadt aufgefunden. Offiziell starb er an einer Überdosis Kokain. Doch Bilel glaubt der Polizei kein Wort.
Die Brüder sind im Norden der Stadt aufgewachsen, in einer Cité. So heißen die Hochhaussiedlungen am Rande französischer Großstädte, die vor allem in den Sechzigerjahren für Industriearbeiter errichtet wurden.
Sie gelten inzwischen oft als triste Gettos, in denen die Arbeits- und Perspektivlosigkeit groß ist. Denn viele Fabriken haben zugemacht, wie das Werk des Autoherstellers Citroën in Aulnay-sous-bois vor vier Jahren.
Hadama Traoré ist hier geboren, er kennt den Alltag in den Cités. Woher die Narben auf seiner rechten Wange stammen, will er nicht sagen. Nur so viel: "Ich war ein krimineller Junge, aber das ist lange her."
Der 32-Jährige hat Anfang des Jahres eine Bewegung gegründet, er nennt sie "La révolution est en marche" - "die Revolution ist im Gange". In drei Jahren will er bei den Kommunalwahlen antreten. Bis dahin versucht er, möglichst viele Menschen so wie hier auf dem Marktplatz oder auf Facebook für seine Anliegen zu begeistern.
Traoré kommt bei vielen Bewohnern seines Viertels Rose-des-Vents an, weil er einer von ihnen ist. Er kämpft gegen intelligente Stromzähler, für ein Schwimmbad in der Stadt und dafür, dass sich Polizisten und Bewohner wieder näherkommen.
Das Verhältnis zwischen Ordnungskräften und Einwohnern mit Migrationshintergrund ist in Aulnay-sous-bois zerrüttet. Bürgermeister Bruno Beschizza hat die Bezirkspolizei in den vergangenen Jahren massiv aufgerüstet. Gerade lässt er ein neues Überwachungszentrum bauen und zusätzliche Sicherheitskameras installieren.
Die Polizei hat jedoch nicht nur hier einen sehr schlechten Ruf. Sie führt landesweit und häufig Personenkontrollen durch, die mehrere Studien als diskriminierend bewertet haben, weil sie Menschen mit dunkler Haut öfter treffen. Blogger Hervé Suaudeau sagt: "Ich wurde erst einmal von der Polizei angehalten. Manchen meiner Freunde passiert das dauernd. Es fühlt sich an, als lebten wir in verschiedenen Welten."
In Aulnay-sous-bois randalierten 2005 wochenlang frustrierte Jugendliche und auch seither kommt es immer wieder zu kleineren Krawallen. Suaudeau findet es schade, dass seine Stadt den Ruf einer No-go-Zone hat - und dass woanders kaum jemand von den historischen Kirchen...
...und den Kalksteinvillen weiß. Sie stammen aus der Zeit, als Aulnay-sous-bois noch ein Luftkurort für gestresste Pariser war.
Allerdings liegen sie meistens im Süden und im Zentrum, wie das imposante Rathaus. Die Bahngleise nach Paris teilen die Stadt in zwei Hälften. Auch Bürgermeister Beschizza ist sich der "greifbaren Spannungen" bewusst, die das mit sich bringt.
Im März hat die Stadtverwaltung die Organisation Raid Aventure gebeten, einen Aktionstag in Aulnay-sous-bois auszurichten. Er sollte - wie hier im Nachbarort Aubervilliers - das Image der Polizei verbessern.
Rund 50 solcher Tage der "Annäherung" hat Raid Aventure landesweit schon veranstaltet. Jedes Mal kamen mehrere Hundert Kinder und Jugendliche, die Polizeihelme aufziehen, Schlagstöcke schwingen und Polizeigriffe üben durften.
Die Veranstaltung richtet sich vor allem an junge Menschen in sozial schwierigen Vierteln. In Aubervilliers ist zum Beispiel der 18-jährige Leonard dabei, der selbst Polizist werden möchte. "Vielleicht schauen meine Freunde mich deswegen schief an", sagt er. "Aber das ist mir egal."
Außer Leonard ist kaum ein Jugendlicher in den Park in Aubervilliers gekommen, wo Raid Aventure ein Fußballfeld, Infostände und einen Parcours aufgebaut hat. Die meisten Besucher sind wesentlich jünger als er.
Doch die Aktion ist ein gut gemeinter Versuch, um Polizisten und Jugend wieder ins Gespräch zu bringen. Denn in vielen Vierteln sind die Fronten zwischen beiden extrem verhärtet.
Das zeigt sich auch im Gespräch mit Quentin Gourdin, der Öffentlichkeitsarbeit für Raid Aventure betreibt. "Heute ist Rassismus in der Polizei kein Thema mehr", sagt er kategorisch. Viele seiner Kollegen stammten schließlich selbst aus zugewanderten Familien.
Polizistin Anissa Bosse, 32, schiebt in einem Pariser Bezirk Nachtschichten. Den Vorwurf, dass die Justiz Vergehen von Polizisten oft weniger streng beurteile, hält sie für unbegründet. "Es stehen doch überall Kameras", sagt sie, "und wir haben eine Vorbildrolle."
Bilel und sein Freund Moufassa, 29, sehen das anders. "Die Polizisten, vor denen Bouna und Zyad in ein Trafohäuschen flohen, sind immer noch frei", sagt Moufassa. Die Jugendlichen starben dort an einem Stromschlag, der Vorfall führte 2005 zu den schweren Krawallen. Nach zehn Jahren des Rechtsstreits erklärte ein Gericht die beiden Beamten für unschuldig.