Debatte über Wehrpflicht "Greifen Sie zur Waffe?"
An den Pranger gestellt: Waffengegner Gerhard Grein steht mit einem Schild ("Schlagt mich tot") in Darmstadt. Greinert beteuerte, ein Mitglied des Prüfungsausschuss für Wehrdienstverweigerer habe ihn zu dieser öffentlichen Demütigung gezwungen.
Diese Prüfungsausschüsse waren besonders in den sechziger und siebziger Jahre unter den Wehrunwilligen gefürchtet, weil sie die Gewissensgründe der Pazifisten reihenweise nicht anerkannten. Wer durch den ersten Gewissens-TÜV fiel, konnte vor der Kammer für Kriegsdienstverweigerer in Revision gehen.
DER SPIEGEL
Einer gegen alle: Ein Mann demonstriert im Juni 2003 in Hamburg gegen den Kriegsdienst. Anlass der Proteste war der erste Große Zapfenstreich der Bundeswehr in der Hansestadt seit einem Vierteljahrhundert
Seit 1956 mussten junge Männer zur Musterung der Bundeswehr. Verweigern war zu dieser Zeit allerdings nicht so verbreitet und ungleich schwieriger - trotz des Grundgesetzartikels 4 ("Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden"). Im ersten Jahr der Wehrpflicht verweigerten nur 167 Pazifisten, die tauglich gemustert worden waren. Inzwischen ist es fast jeder Zweite.
Gegen Befehl und Gehorsam: Am 17. November 1990 demonstrierten Wehrdienstgegner in Ost-Berlin. Stillstehen, Buckeln und Nach-unten-treten wurden als entscheidende Fähigkeiten bei einer "öffentlichen Musterung" am Ost-Berliner Mahnmal Unter den Linden karikiert. Anschließend zogen die Protestteilnehmer aus Ost und West zum Wittenbergplatz.
Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-1990-1117-016
Erfolgreiche Arbeit: Der Leiter der "Zentralstelle für die Rechte der Kriegsdienstverweigerer" (KDV), Peter Tobiassen, in seinem Büro in Bockhorn (Kreis Friesland). Seit mehr als 30 Jahren unterstützt und berät der 55-Jährige Sozialarbeiter und Kriegsdienstgegner. Anfangs setzte sich seine Organisation dafür ein, dass Wehrunwillige nicht schlechter gestellt sein dürften als Wehrpflichtige. Mit dem Ende des Kalten Krieges forderte er die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland - offenbar mit Erfolg.
Scharfzüngiger Verweigerer: Der 30-jährige Ingenieur Andreas Speck 1994 zu Beginn einer Berufungsverhandlung vor der zweiten Kammer des Landgerichts Mainz. Speck hatte, mit Bezug auf Kurt Tucholsky, Soldaten als "potentielle Mörder" bezeichnet. Der Kriegsdienstverweigerer wurde daraufhin in mehreren Instanzen wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe von 3000 Mark verurteilt. Das Bundesverfassungsgericht hob diese Entscheidung später auf.
Im Verhör: In der DDR gab es, anders als in der Bundesrepublik, kein Grundrecht zur Kriegsdienstverweigerung. Dennoch versuchten viele, sich dem Armeedienst mit Verweis auf ihr Gewissen zu entziehen. Dieser junge Mann (Foto von 1971) musste mit Offizieren der NVA über seine Einstellung zur Verteidigung des Vaterlands diskutieren.
Beginn einer Erfolgsgeschichte: Ankunft der ersten zum Pflegedienst einberufenen Kriegsdienstverweigerer am 10. April 1961 in Bethel, Bielefeld. Anfangs wurden junge Männer, die Ersatzdienst leisten, als Sonderlinge oder Drückeberger diffamiert. Wer nicht zum Militär ging, hatte schlechtere Karrierechancen. Ab den achtziger Jahren wandelte sich das Bild radikal - die einstigen "Vaterlandsverräter" wurden nun als unverzichtbare Helfer gesehen. Mitunter wurde sogar argumentiert, die Wehrpflicht dürfe allein deshalb nicht fallen, weil ohne die Zivis der Sozialstaat kollabiere.
Kampf um den Wehrdienst: Gegen die Inhaftierung eines Totalverweigeres demonstrieren am 23. Januar 2002 Wehrdienstgegner in Berlin mit einer Blockade vor dem Bundesverteidigungsministerium
Suppenküche: Ein Zivildienstleistender teilt im Dezember 1998 in Hannover eine warme Mahlzeit an einen Obdachlosen aus. Die Pläne des Verteidigungsminister Theodor zu Guttenberg, die Wehrpflicht im Jahr 2011 auszusetzen, bedeuten auch das Ende des Zivildiensts.
Protest an der Alster: Kriegsdienstgegner demonstrierten am 16. Juni 2003 gegen das erste öffentliche Gelöbnis und den Großen Zapfenstreich der Bundeswehr seit mehr als 25 Jahren in Hamburg. Die Polizei setzte mehrere Hundertschaften aus mehreren Bundesländern ein.
Gewusst wie: Vor einem Plakat "Problem Bundeswehr oder Zivildienst?" posiert Deutschlands erster Ausmusterungsberater Peter Zickenrott im Oktober 2000 in seinem Büro in Waldshut-Tiengen (Südbaden). Der 39-jährige gelernte Heizungsmonteur und Einzelhandelskaufmann verspricht auf seiner Homepage eine angeblich "hundertprozentige Erfolgsquote". Seinen Service bietet er nun schon seit 20 Jahren an - mit dem Ende der Wehrpflicht muss sich Zickenrott wohl bald einen neuen Job suchen.
Die Gewissensprobe: Wer solch schwere Tests bei der Musterung überstand, aber dennoch nicht zur Armee wollte, musste eine noch härtere Probe meistern - den Gewissens-TÜV. Bis 1984 musste sich jeder Kriegsdienstverweigerer vor einem vierköpfigen Ausschuss oft absurden Fangfragen stellen: Autofahrer konnten etwa mit der Begründung durch die Prüfung fallen, dass ein Fahrzeug eben ein potentiell mörderisches Instrument sei. Auch Nicht-Vergetarier hatten schlechte Karten. Endgültig abgeschafft wurden die mündliche Gewissensprüfungen erst 2003.
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