Kannibalismus in der Altsteinzeit Schädelbecher und Gehirnentnahmen
Kannibalen am Werk in Gran Dolina? Über 900.000 Jahre alte Funde aus Höhlen nahe Atapuerca unweit von Burgos im heutigen Spanien wurden von einigen Forschern als kannibalistischer Akt interpretiert.
In der Höhle Gran Dolina fanden Forscher die Reste von zwei Erwachsenen, drei Jugendlichen und sechs Kindern. Die Knochen wiesen Schnittspuren auf.
Gran Dolina gehört zu den wichtigsten Fundorten in Europa. Dort fand man den Homo antecessor, er wurde als neue menschliche Spezies beschrieben. Die Eigenständigkeit der Art ist aber umstritten.
Schädel aus Gran Dolina: Einige Forscher gehen davon aus, dass Knochenzertrümmerungen, Hack- und Schnittspuren, Längsspaltung der Röhrenknochen zur Markentnahme und Öffnung des Schädels zur Gehirnentnahme sowie Feuereinwirkung Hinweise auf Kannibalen im Paläolithikum liefern. Besonders, wenn die Knochen gleich oder sehr ähnlich behandelt und niedergelegt wurden, wie Tierknochen.
In der TD6 genannten Fundstelle in La Gran Dolina entdeckten die Ausgräber auch Spuren von Tierknochen. Die Aufnahme zeigt die Archäologen bei der Arbeit an Schicht TD10.
Die Arbeit der Forscher in den Höhlen ist oft schwierig. Deshalb sind sie manchmal sogar mit Seilen gesichert.
Auch die Gough's Cave im britischen Somerset ist ein bekannter Fundort. Hier lebte vor knapp 15.000 Jahren eine Gruppe Homo sapiens. Gefunden wurden unter anderem die Reste von zwei Erwachsenen, zwei Jugendlichen und einem Kind. Alle Knochen wiesen Schnittspuren auf. Zudem vermuten Archäologen, dass bei den Schädeln die Hirne entnommen wurden, um sie als Trinkgefäße zu nutzen - sogenannte Schädelbecher.
Auch in der El Sidron-Höhle in Astuiren wurden Funde gemacht, die als kannibalistisch interpretiert wurden. Doch seit Jahren spaltet die Diskussion um diese Einschätzungen die Fachwelt.
Dieser Schädel stammt aus der Krapina-Höhle in Kroatien. Hier wurden Reste einer Gruppe von Neandertalern gefunden. Lange glaubten Forscher, dass an der Stelle ritueller Kannibalismus betrieben wurde. Doch vermutlich sind Spuren an den Ende des 18. Jahrunderts geborgenen Schädeln erst nach der Konservierung entstanden.
Hätte es sich gelohnt, einen Neandertaler oder anderer Urmenschen zu verspeisen? Diese Frage hat sich ein britischer Forscher gestellt - und eine Kalorienbilanz aufgestellt. Sein Fazit: eher nicht. Dafür sei am Urmensch einfach zu wenig dran gewesen. So habe eine 25-köpfige Neandertaler-Gruppe von einem erlegten Mammut etwa 35 Tage leben können - ein einzelner Mensch habe die Gruppe nicht mal einen Tag lang gesättigt.
Karte mit Fundorten und vermutetem Kannibalismus. Viele Archäologen zweifeln heute am Ernährungskannibalismus und gehen eher von einer rituellen Behandlung von Knochen Verstorbener aus.
Immerhin gibt es Fälle, wo es gelang, den Verzehr von Menschenfleisch nachzuweisen. Bei Grabungen zur Kultur der Anasazi (hier der Fundort Mesa Verde) in den USA wurden Kotreste gefunden und analysiert. Die Person, von der die Exkremente stammen, muss Menschenfleisch gegessen haben, ergab eine chemische Analyse.
In Papua-Neuguinea pflegte man Hirne von Verstorben bei deren Beerdigung zu verspeisen - als Ausdruck des Respekts und der Trauer. Aus verschiedenen Kulturen ist auch überliefert, dass Teile von besiegten Feinden verzehrt wurden, um sich so ihre Stärke einzuverleiben.