Karl Mays Orientreise "So oberflächlich, schmutzig und lärmvoll"
Karl May in seiner liebsten Rolle: Auf dieser Studioaufnahme von 1896 hat der Abenteuerschriftsteller sich verkleidet als Kara Ben Nemsi, Icherzähler in zahlreichen seiner Geschichten. Leben und Werk, Fakten und Fiktion, May ließ es in seiner Selbstinszenierung verschmelzen. Erst mit 57 Jahren reiste er erstmals wirklich in die Ferne - und
Karl-May-Museum Radebeul bei Dresden
Exotische Schatzkammer: Jahrelang behauptet Karl May, er selbst sei der unbesiegbare Held seiner Geschichten - der Mann, den man im Wilden Westen als Old Shatterhand und im Orient als Kara ben Nemsi kennt. Neben den Schreibtisch stellte er einen ausgestopften Löwen, den er angeblich durch einen Schuss ins Auge selbst erlegt hatte. Möbel bezog er über einen Dresdner Händler mit Orientkontakten.
Reisegruppe mit Romancier: Fernweh hatten die Deutschen schon damals, zur Kolonialzeit. Karl May bediente das Abenteuerbedürfnis seiner Leser perfekt. Er selbst indes blieb lieber zu Hause. All die Länder und Orte, von denen Karl May so packend zu erzählen vermochte - er hatte sie allein in seinem Kopf bereist. Bis er dann doch zu einer anderthalbjährigen Reise aufbrach. Das Foto zeigt ihn (2. von rechts) im April 1900 an den Pyramiden in Ägypten, mit seiner Frau Emma (vorn), seinem besten Freund Richard Plöhn (links), dessen Frau Klara (Mitte) und Diener Sejd Hassan (rechts).
Karl May in Gizeh (1900): Die Orientreise stand unter keinem guten Stern. Kaum war May aufgebrochen, musste er sich heftiger Anwürfe aus der Heimat erwehren. Nun rächte sich, dass er seine Helden mit sich selbst als Autor verschmelzen ließ. Die Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit wuchsen, vor allem in Blättern wie der "Frankfurter Zeitung" und der "Kölnischen Volkszeitung". May schickte von seinen Reisestationen wütende Repliken. Doch die Attacken, begleitet von etlichen Prozessen, wollten nie wieder enden, sie hielten an bis zu seinem Tod.
Knalleffekte: Reihenweise ließ er Bildpostkarten anfertigen, die seine Legende stützten. Zur Kara-Ben-Nemsi-Kluft gehörten nicht nur eine Kette aus Bärenklauen und -zähnen, sondern natürlich auch Waffen. Die Gewehre aus seinen Geschichten - Siberbüchse, Bärentöter und den Henrystutzen - hatte er sich von einem Dresdner Büchsenmacher anfertigen lassen und in seinem Arbeitszimmer aufgehängt.
Karl May als Old Shatterhand: Solche Studioaufnahmen zeigten ihn vor prächtiger Landschaftskulisse. Gauklerei und Prahlerei bestimmten zunehmend sein Leben: May behauptete unter anderem, 40 Sprachen zu sprechen, darunter Malayisch, Kurdisch, Suaheli und sechs Arabisch-Varianten - und zudem "über 1200 Sprachen und Dialekte" zu verstehen. Das Publikum glaubte es, wollte es glauben, war allzu bereit, sich vom weltläufigen Romancier verblüffen und einwickeln lassen.
Stopp in Port Said: In der ägyptischen Hafenstadt machte May während seiner Orientreise 1899 und 1900 mehrfach Station. Auf seiner ersten wirklichen Orientreise bewegt er sich nicht zu Pferd, sondern erster Klasse mit Schiff und Bahn. Auch auf die Kara-ben-Nemsi-Kluft verzichtete er und legte sich stattdessen einen hellen Reiseanzug und Tropenhelm zu. Teils reiste er nur mit einem Diener, teils mit seiner Frau Emma und dem befreundeten Ehepaar Richard und Klara Plöhn. Als Karl May und Emma sich 1903 scheiden ließen, wurde die inzwischen verwitwete Klara seine zweite Frau.
Am See Genezareth: Ein Abenteuer erlebte May dann doch, als er mit seiner Frau und Plöhns im Mai 1900 einen Ausflug auf dem See Genezareth unternahm, "welcher so stürmisch war, daß wir beinahe in Lebensgefahr kamen" - wie er in einem Brief schrieb. Klara Plöhn ergänzte: "Auf dem Rückweg machte sich ein furchtbarer Sturm auf, und wir mußten weit von der Stadt entfernt landen. Das Boot konnte aber auch nicht ans Ufer, und wir mußten auf den Schultern der Bootsleute ans Ufer getragen werden. Es war furchtbar...".
Heiliges Land: Tatsächlich brach für May auf der Reise eine Welt zusammen. Er musste erkennen, dass er so gar nichts mit dem Helden seiner Bücher zu tun hat, und wandte sich noch stärker dem Glauben zu. Umso mehr freute er sich auf die biblischen Stätten in Palästina. Nur waren auch die teils enttäuschend - wie hier Hebron. "Hebron ist in hohem Grade ehrwürdig, leider aber nicht freundlich gegen Fremde", notierte er.
Treuer Helfer: Da es schon mit Mays Sprachkenntnissen nicht weit her war, verpflichtete er in Kairo einen Diener, Sejd Hassan. Laut Dienstvertrag hatte dieser "Herrn Dr. Karl May zu begleiten, wohin es diesem beliebt, ihm vor allen Dingen Gehorsam, Treue und Ehrlichkeit zu erweisen und sich der Ausführung keines Befehls zu weigern. Er erhält dafür eine Gage von 5 Mark, sage fünf Mark, pro Tag, wovon er alle Ausgaben für sein Leben, also für Wohnung, Ernährung, Kleidung, Wäsche u. s. w. zu bestreiten hat."
Der falsche Doktor: Diese Postkarte an "Herrn Stud. Walther Welte" in Leipzig, die am 17. Mai 1899 in Kairo abgestempelt wurde, unterschrieb der Schriftsteller mit "Dr. Karl May". Der Titel, den May angeblich an der Universität Rouen erworben hatte, stellte sich später als ausgedacht heraus. Karten und Briefe schickte May zu Hunderten nach Deutschland, um die Legende retten, dass all die von ihm beschriebenen Abenteuer wahr seien. Denn wenn er jetzt bewiesenermaßen im Orient weilt - dann muss man ihm doch einfach glauben, dass er das auch vorher schon getan hat, oder?
Wer schreibt, der bleibt: Im Mai 1900 schickten Karl und Emma May diese Postkarte aus Jerusalem an den Baurat Max Welte. Trotz der lieben Grüße war die Reise selbst ein Desaster und der Orient in Mays Fiktion weitaus schöner. In der Realität vertrug der Dichter weder das Essen noch den Lärm, Gestank und Schmutz. Berichten seiner späteren Ehefrau Klara zufolge hatte er unterwegs zwei Nervenzusammenbrüche.
"Karl May und die Deutschen", ein SPIEGEL-Titel von Rudolf Augstein 1995: In der Fremde folgte Karl May einem Baedeker-Reiseführer. Der empfahl, sich für den Besuch in Gizeh zwei Beduinen zu nehmen, um mit ihrer Hilfe die Pyramiden zu besteigen: "Mit den beiden Führern, denen man die Hände reicht, zur Seite, nötigenfalls noch mit einem dritten hinten, geht es dann über die meist 1m hohen Stufen aufwärts. Die gewandten und kräftigen Leute ziehen, stützen und schieben den Reisenden am liebsten ohne Aufenthalt bis hinauf. Man nehme ihre Hilfe ganz ordentlich in Anspruch, lasse sich aber durch ihr Geschrei nicht irre machen ('Iskut wallâ mâfîsch bakschîsch' heißt 'schweig oder du erhältst kein Trinkgeld'), sondern setze den Ehrgeiz rasch hinaufzukommen beiseite und ruhe sich nach Belieben aus. Denn das ungewohnte Klettern greift die Muskeln in hohem Grade an und treibt das Blut in den Kopf." May verzichtet auf diese Unternehmung und schreibt nur weiter Postkarten.
Das Bleichgesicht in seinem Arbeitszimmer: Am Schreibtisch, nicht etwa auf Reisen sammelte May die Ideen für seine abenteuerlichen Geschichten. Eine lebhafte Fantasie ist keine Schande, sondern Voraussetzung für erfolgreiche Arbeit als Schriftsteller. Und erfolgreich war May zweifellos, insgesamt gut 200 Millionen Mal wurden seine Bücher verkauft. Indes neigte er mehr und mehr dazu, die Grenzen zwischen Romanfiguren und Autor zu verwischen.
Karl-May-Bände: Seine echte Tour sollte May an Schauplätze führen, die er schon höchst anschaulich und detailreich geschildert, aber noch nie mit eigenen Augen gesehen hatte. Doch als realer Weltenbummler war er deutlich weniger talentiert als in der Rolle des Tausendsassas, Geschichtenerzählers und Architekten seiner eigenen Legende. In der Wirklichkeit setzte ihm das Reisen schwer zu. "May ist müde geworden", schrieb sein Biograf Hans Wollschläger, "er reist nur unsicher besichtigend: ein Tourist wie andere Touristen."
Spuren eines Ehekriegs: Karl May in Jericho im Mai 1900. Das Bild fertigte Klara Plöhn an. Ursprünglich war Mays Frau Emma im Fenster neben ihm zu sehen, Klara jedoch schwärzte die Stelle später, nachdem die beiden Frauen Konkurrentinnen um Karl geworden waren.
Nach Amerika, Schauplatz seiner populärsten Geschichten, schaffte Karl May es dann auch noch - Jahre nach seiner Orientreise. 1908 fuhr er für zwei Monate in die USA und Kanada. Die Witwe May berichtete nach seinem Tod, er sei auf dieser Fahrt noch allein weit in den Westen zu seinen Apachen gereist. Tatsächlich absolvierten die beiden nur ein Touristenprogramm, das sie nicht viel weiter nach Westen brachte als bis zu den Niagarafällen.
Sesshafter Reiseautor: Das Manko, nichts aus seinen Erzählungen selbst erlebt zu haben, wusste Karl May (hier 1896 als Kara Ben Nemsi im Fotostudio) durch intensive Lektüre wettzumachen. Ohne lästige Bedenken plünderte er wissenschaftliche wie literarische Werke anderer Autoren für seine Zwecke.
Alfred Brehm zum Beispiel, 1829 geboren, war tatsächlich dort, wohin Karl May allein in seiner Fantasie reiste - im Sudan. Dort spielt die Mahdi-Trilogie der Kara-Ben-Nemsi-Geschichten. Doch May hat das Land niemals betreten. Unter anderem bei Brehms "Reiseskizzen" bediente er sich reichlich.
Dagegen hatte Brehm (Foto von 1869) bereits als junger Zoologe, erst 18 Jahre alt, den Sudan erreicht. Er interessierte sich nicht allein für die Tier- und Pflanzenwelt, sondern auch für Land und Leute, etwa für arabische Schimpfwortkaskaden à la: "Du Hund, du Hund des Hundes, dessen Ahnen Hunde waren und dessen Urahnen von Hunden gezeugt wurden..." Sehr Ähnliches war später auch bei Karl May zu lesen.
Nach seiner Afrika-Expedition und seinem Promotionsstudium reiste der Zoologe und Schriftsteller Brehm, Spitzname "Pharao", auch nach Spanien, Norwegen, Lappland und ein weiteres Mal nach Afrika. Anders als Karl May, der sich mit einem falschen Doktortitel schmückte, hatte Brehm seinen ehrlich erworben. Über die Parallelen zwischen Naturforscher und Romanheld urteilt Karl-May-Forscher Helmut Lieblang: "Charakteristische Züge Brehms führen schließlich zu Kara Ben Nemsi, Mays Über-Ich, einem Rollen-Konglomerat aus Merkmalen realer Personen, die May seiner jeweiligen Vorlage entnahm."
Eine weitere Vorlage für Mays Sudanromane lieferte der Afrika-Forscher Ernst Marno, der 1883 in Khartum starb und mittlerweile etwas in Vergessenheit geraten ist. Der österreichische Zoologe war ab 1869 jahrelang "im Sudan und den angrenzenden Negerländern" unterwegs. Auch aus Marnos Werk "Reisen im Gebiete des blauen und weissen Nil" kupferte Karl May ab.
"Durch die Wüste": Schon zu Lebzeiten hatte Karl May gigantischen Erfolg mit seinen Büchern; dazu gesellten sich über die Jahrzehnte etliche Verfilmungen. Nach einigen Stummfilmen kam 1936 "Durch die Wüste" in die deutschen Kinos, der erste Tonfilm zu den May-Geschichten. Fred Raupach spielte die Hauptrolle des Kara Ben Nemsi, Heinz Evelt seinen Gefährten Haschi Halef Omar und Katharina Berger die in einem Harem gefangene Senitza. Karl May beschrieb sie im Roman so: "O, sie ist schön wie die Rose und herrlich wie die Morgenröthe; sie duftet wie die Blüthe der Reseda, und ihre Stimme klingt, wie der Gesang der Houris. Ihr Haar ist wie der Schweif des Pferdes Gilja, und ihr Fuß ist wie der Fuß von Delila, welche Samson verrieth. Ihr Mund träufelt von Worten der Güte, und ihre Augen..."
In Farbe - und bunt! "Die Sklavenkarawane" wurde 1958 in Düsseldorf uraufgeführt, der erste Karl-May-Farbfilm. Der Österreicher Viktor Staal verkörperte Kara Ben Nemsi und Georg Thomalla an seiner Seite Hadschi Halef Omar. Beide Figuren kamen allerdings in der Romanvorlage gar nicht vor, der Film entfernte sich davon weit. Karl Mays Buch von 1899/1890 kreiste um zwei Brüder, die Forscher Emil und Josef Schwarz.
"Durchs wilde Kurdistan" war, wie schon "Die Sklavenkarawane", eine weitere deutsch-spanische Koproduktion aus dem Jahr 1965, mit Lex Barker und Ralf Wolter als dolles Duo. Senitza durfte hier nicht mitmachen, dafür aber dieser ebenfalls bildschöne Schäferhund (links). Und die Story? Scheichs und Schurken, fiese Falle und Befreiung in letzter Sekunde, weitere Gefangennahme und erneute Rettung - Karl-May-Orient-Business as usual.
"Der Löwe von Babylon" lief 1959 in den Kinos. Der Film mit Helmuth Schneider als Kara Ben Nemsi in der Hauptrolle basiert auf Karl Mays Erzählung "Bei den Trümmern von Babylon", die 1913 herausgegeben wurde.
"Der Schut" kam im August 1964 in die deutschen Kinos, eine der großen Karl-May-Verfilmungen der Sechzigerjahre - und die erste, die im Orient spielte. Der US-Schauspieler Lex Barker spielte hier Kara Ben Nemsi und sonst auch sieben Mal Old Shatterhand. Und Ralf Wolter gab Hadschi Half Omar, genauer: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah - so viel Zeit muss sein.
Freilichttheater: Am 13. Juli 1963 wurde "Durch die Wüste" bei den Karl-May-Festspielen im Kalkbergstadion in Bad Segeberg uraufgeführt.
Der alte Karl May konnte von der späteren Verwertungskette nichts ahnen. Die immer wieder veröffentlichten Bücher, die Filme und Parodien, die Festspiele und Forscher, die Stiftungen und Museen - er hätte es im Sinne seines Ruhmes, an dem ihm so viel lag, sicher goutiert. Karl May starb am 30. März 1912 in seiner Radebeuler "Villa Shatterhand". Als letzte Worte überlieferte seine Frau Klara: "Sieg, großer Sieg! Ich sehe alles rosenrot!"
"Villa Shatterhand" nannte der Schriftsteller das Haus in Radebeul, in das er Ende 1895 zog; dieses Foto zeigt es 100 Jahre später. Die Tantiemen ermöglichten ihm den Kauf. Karl May war in jungen Jahren als Kleinkrimineller gestartet: Mehrfach wurde er bei Diebstählen geschnappt, hatte sich als Augenarzt, Lehrer und Polizeileutnant ausgegeben, lernte Zuchthäuser von innen kennen - bis er mit dem Schreiben begann. Zunächst verfasste er Trivialliteratur, dann Reiseromane.
SPIEGEL-Ausgabe Nr. 37 im Jahr 1962: "Karl der Deutsche" überschrieb das Magazin die Titelgeschichte und blätterte Mays Leben und Werk auf, in allen Schattierungen - vom frühen Ganoventum bis zu den verblüffenden Erfolgen der Romane, von den Lobpreisungen seiner Freunde und Fans bis zur lawinenartigen Kritik in seinen letzten Lebensjahren.