Karl Valentin "Er war ein völlig einmaliges Gewächs"
Es lebe der Blödsinn: Karl Valentin in den Dreißigerjahren mit Zigarre, Zylinder sowie mit "Nasenkitt" verlängerter Nasenspitze, die früh zu seinem Markenzeichen wurde und ihn zum "bayerischen Pinocchio" machte. Der große Humorist, Volkssänger und Filmpionier wurde vor rund 100 Jahren zum Star, geriet dann allerdings allmählich in Vergessenheit und wurde erst spät wiederentdeckt.
Münchner Vorstadt-Bub: Karl Valentin, der am 4. Juni 1882 als Valentin Ludwig Fey geboren wurde, war als Kind vor der Kamera mitunter noch etwas scheu und verschlossen - das sollte sich später gründlich ändern.
Valentin als Heranwachsender: Zu seiner Mutter Maria Johanna, die 1923 starb, hatte er ein sehr liebevolles Verhältnis. Sein Vater Johann Valentin Fey (1833-1902) war Tapezierer und Speditionsunternehmer; seine Geschwister starben kurz nach Valentins Geburt, so dass er als Einzelkind aufwuchs.
Familie Fey im Garten ihres Hauses in der Münchner Au: Der Vater akzeptierte, dass sein Sohn die Handwerkerlaufbahn nach fünf Jahren Lehre und Gesellenzeit wieder aufgab. Er förderte das Talent seines Sohnes und ermöglichte ihm den Besuch einer Münchner Varietéschule. Doch nach dem Tod des Vaters wurde Karl Valentins Bühnenkarriere vorerst gestoppt. Gemeinsam mit der Mutter versuchte er, die Speditionsfirma am Leben zu halten, die jedoch bankrott ging.
Große Pläne: Schon als Jugendlicher träumte Karl Valentin von einer Karriere als "Volkssänger". Über 400 dieser musizierenden und witzelnden Entertainer gab es damals allein in München. Valentins großes Idol war Karl Maxstadt. Dessen Lieder kannte er auswendig und schrieb dann erste eigene.
Eine frühe Beziehung begann Valentin mit Gisela Royes, dem Dienstmädchen seiner Eltern. 1905 wurde die erste gemeinsame Tochter geboren. Als fünf Jahre später die zweite Tochter Berta zur Welt kam, heiratete das Paar.
Karl Valentin mit seiner über alles geliebten Tochter Berta (Bertl): Bertas Enkelin Rosemarie Scheitler-Vielhuber lebt heute in Valentins Landhaus in Planegg, das ihr Urgroßvater 1924 gekauft hat.
Aus Kindern werden Leute: Karl Valentin und Berta, einige Jahre später
Komischer Kauz am Klavier: In den späten Dreißigerjahren bewegte Valentin sich in seinen Stücken und Monologen weg von Alltagsszenen, hin zu Sprachspielen, wie in dem berühmten Dialog über Semmelknödel ("Solang die Semmelnknödeln aus mehreren Semmeln gemacht werden, sagt man unerbitterlich: Semmelnknödeln"). Valentin war auch Sprachphilosoph, der mit komischen Mitteln aufzeigte, dass Kommunikation zwischen den Menschen im Grunde unmöglich ist.
Gelernt ist gelernt: Nach fünf Jahren hatte Valentin (hier beim Dreh zum Film "Die verkaufte Braut") den Schreinerberuf an den Nagel gehängt, konnte das Handwerk jedoch zeitlebens für seine Bühnenbilder einsetzen. Auch für "Das lebende Orchestrion", einen selbst gebastelten Musikapparat mit einem Dutzend Musikinstrumenten, die er mit Händen, Füßen, Mund und Hintern bediente - damit tourte er als "Musikclown" durchs deutsche Kaiserreich. Das Ding "wog acht Zentner und hatte nur einen großen Nachteil: Das Publikum war entsetzt darüber, sonst war er gut", notierte Valentin. So endete der erste Karriereversuch ruhmlos.
"Da liegt doch was auf dem hohen C!" Szene aus dem Film "Die Orchesterprobe" 1934, der auf seinem gleichnamigen Bühnenstück fußt. So dilettantisch Valentin oft tat - in Wirklichkeit beherrschte er zahlreiche Musikinstrumente, von Trompete bis Klavier.
Die Frau an seiner Seite, auf der Bühne wie im Leben, war zur Zeit von "Die verkaufte Braut" längst Liesl Karlstadt. Unter diesem Künstlernamen trat Elisabeth Wellano auf, die Karl Valentin im "Frankfurter Hof" kennenlernte. Das Foto zeigt beide bei den Dreharbeiten zum erfolgreichen Film "Die verkaufte Braut" unter der Regie von Max Ophüls (1932); Valentin spielte darin den Zirkusdirektor Brummer.
Die "Orchesterprobe" zählte zu den frühen Bühnenstücken des Duos und wurde 1933 auch zum Film. Valentin und Karlstadt parodierten das Musizieren, bliesen schief in die Trompete, bekamen Schluckauf und duellierten sich mit Taktstöcken. "Ich muß lange zurückdenken, wann in einem Theater so gelacht worden ist", so sein Bewunderer Kurt Tucholsky 1924 in der "Weltbühne".
Karl Valentin war deutlich über 1,80 Meter groß und spindeldürr, manchmal nannte er sich selbst "Skelettgigerl". Sein Bewunderer Kurt Tucholsky beschrieb ihn als "zaundürren, langen Gesellen, mit langen, spitzen Don-Quichotte-Beinen, mit winkeligen, spitzigen Knien, einem Löchlein in der Hose, mit blankem, abgeschabtem Anzug". Oft verstärkte enganliegende Kleidung die komische Wirkung.
Kongenial: Die beiden Komödianten ergänzten sich großartig. Er groß und klapprig, sie klein und kräftig. Er ein Stegreif-Wortschrauber mit schlechter Textkenntnis, sie enorm wandelbar und oft auch in Männerrollen - zusammen entwickelten sie sich zum Meisterduo der Improvisation.
Film "Straßenmusik" von 1936: So wie er selbst dem kleinbürgerlichen Milieu entstammte, spielte Valentin auch auf der Bühne und im Film am liebsten "einfache Leute" wie Feuerwehrmänner oder Straßenmusikanten.
"Der Firmling", eines von Karl Valentins erfolgreichsten Bühnenstücken und Filmen. Wie in vielen ihrer gemeinsamen Auftritte spielt Liesl Karlstadt hier eine "Hosenrolle" als junger Firmling. Valentin spielt den Vater, der den Sohn zur Feier des Tages in ein feines Lokal ausführt. Die Kurzkomödie wurde 1922 uraufgeführt im "Germaniabrettl".
"Ich wälzte mich fast vor Lachen", schrieb Bertolt Brecht 1915 in einem Brief. Der junge Dramatiker zählte zu Valentins glühendsten Fans. Für seine eigene Bühnenarbeit schaute sich Brecht einiges vom Münchner Komiker ab. Hier spielt Brecht (2. von links) gemeinsam mit Valentin in einer lustigen Kapelle.
Fünf Jahre Erfahrung als Schreiner zahlten sich später aus: Zeitlebens baute Karl Valentin seine eigenwilligen Kulissen und Requisiten selber, hier 1934 in seiner geliebten Werkstatt.
"Musik zu zweien", ein Film von 1936: Valentins enorme Popularität wurzelte auch in seiner Begeisterung für Schallplattenaufnahmen, Rundfunk und Film. Mit einem eigenen Studio in München zählte er zu den bayerischen Filmpionieren.
Als Filmkomiker noch in der Stummfilm-Ära wurde Valentin (hier mit Karlstadt im Film "Straßenmusik") oft in einem Atemzug mit Buster Keaton, Harald Lloyd oder Charlie Chaplin genannt, mit dem ihn auch Bert Brecht verglich. Eine große Chance bedeutete für Valentin der gegen 1930 aufkommende Tonfilm, in dem er außer Slapstick auch seine meisterhaften Dialoge präsentieren konnte. Später, in der NS-Zeit, konnte er eigene Filmprojekte kaum noch realisieren. So wurde der Film "Die Erbschaft" mit Valentin und Karlstadt in den Hauptrollen wegen "Elendstenzenden" verboten.
Karl Valentin und Liesl Karlstadt 1934 in der Verfilmung ihres legendären Stücks "Der Theaterbesuch", in dem ein Paar aus einfachen Verhältnissen unverhofft an Theaterkarten gelangt
Dolles Duo: Bereits in den Zwanzigerjahren wuchs Karl Valentins Ruhm weit über den seiner Bühnenpartnerin Liesl Karlstadt hinaus. Wie wesentlich sie als Mitverfasserin vieler Sketche und Stücke war, wurde und wird noch heute vielfach übersehen. Das Szenenbild zeigt die beiden gemeinsam im Film "Der verhexte Scheinwerfer" von 1934.
Sag's mit Blumen: Karl Valentin - hier im Film "Kirschen in Nachbars Garten" (1935) - war nicht nur auf der Bühne, auch im Leben verhaltensauffällig. Er war, obschon verheirateter Familienvater, in einer engen Beziehung zu Liesl Karlstadt und beschrieb sich selbst einmal so: "Ich bin kein direkter Rüpel, aber die Brennnessel unter den Liebesblumen."
"Donner, Blitz und Sonnenschein", so der Titel dieses Films von 1936, könnte auch ihre Partnerschaft charakterisieren, die Liesl Karlstadt zunehmend zusetzte. Sie wirkte auf der Bühne heiter, robust und repräsentierte den gesunden Menschenverstand neben dem irrlichternden Exzentriker. Aber Mitte der Dreißigerjahre stürzte Karlstadt in eine Lebenskrise mit einem Suizidversuch und langem Klinikaufenthalt.
Dreharbeiten zum Film "Beim Nervenarzt": Mit seinen Unternehmungen, vor allem mit dem "Panoptikum", schlitterte Valentin mehrfach ins finanzielle Desaster. In einem Hotelkeller schuf er ein "Reich des Blödsinns" voller Schreckenskammern und heiterem Nonsens, etwa mit einer vollelektrischen Nasenbohrmaschine oder einem Zahnstocher mit Pelzbesatz, deklariert als "Winterzahnstocher".
Film "Im Fotoatelier": Das große Publikum für das Panoptikum blieb aus - und das Projekt fraß die Ersparnisse auf, die von Valentin wie auch die von Karlstadt. Dann trat Valentin auch noch mit einer neuen Partnerin auf. Anfang der Vierzigerjahre zog sich Karlstadt auf eine Alm zurück und kümmerte sich um die Mulis von Gebirgsjägern.
Erst deutlich nach Kriegsende trat Liesl Karlstadt wieder mit Valentin auf, war bei Radioserien dabei, übernahm Filmrollen. Und eine historische TV-Rolle - im ersten Werbespot, der am 3. November 1956 im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde (Szenenfoto). Liesl Karlstadt und Beppo Brem wurden darin von vorbeifahrenden Autos nassgespritzt, es war Waschmittelwerbung.
Rückzugsort: 1941 zog sich die Familie Valentin in ihr Haus im Vorort Planegg zurück, nachdem die Münchner Wohnung bei einem Bombenangriff zerstört worden war. Karl Valentin hatte in den letzten Kriegsjahren kaum noch Auftrittsmöglichkeiten; Geldsorgen und Verbitterung trieben ihn um.
Spätes Valentin-Porträt: Von Krieg und nachlassendem Erfolg gebeutelt, war in der Nachkriegszeit das sorglose "saudumm Daherreden" Valentins Sache nicht mehr. In seinen späten Texten thematisierte er beispielsweise den Schrecken der Atombombe.
Clowns gehörten zeitlebens zu Karl Valentins und Liesl Karlstadts Paraderollen. Nachdem sich Karlstadt aus der engen Bühnensymbiose mit Valentin gelöst hatte, stand das Komikerduo erst Ende 1947 wieder gemeinsam auf der Bühne. Wenige Wochen später starb Karl Valentin am 5. Februar 1948. "Er war ein völlig einmaliges Gewächs", schrieb Thomas Mann.