Kinderbücher vor dem Vergessenwerden bewahrt - DER SPIEGEL
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Kinder- und Jugendbuch Vergiss mich nicht!

Über ein paar Kinderbücher, die viel zu schnell wieder aus den Buchhandlungen verschwanden.
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Freundschaft mit Missverständnis

Der zehnjährige Jona ist eine fantasievolle Plaudertasche. Seine Aufsätze sind so lang, dass die Deutschlehrerin ihn häufig ermahnt, sich kürzer zu fassen. Der Leser versteht, warum. Aber ihm geht eben ziemlich viel durch den Kopf. Zum Beispiel glaubt Jona nicht an Außerirdische, nein, er weiß, dass es sie gibt und er eines Tages einen von ihnen kennenlernen wird.
An einem nassen Oktobertag ist es soweit. Denn an dem Tag kommt ein neuer Schüler in die Klasse: Henri. Ziemlich sofort ist Jona klar, dass der Neue der Außerirdische ist, auf den er schon lange gewartet hat. Mehr wird jetzt aber nicht verraten, sonst ist der Witz der Geschichte dahin. Und sie ist wirklich sehr witzig.
Jona erzählt anfangs recht ausschweifend. Das macht den Einstieg für Ungeduldige etwas mühsam. Doch als sich die Jungen kennenlernen, bekommt die Geschichte Tempo und die Dinge nehmen einen überraschenden Lauf. Ich wünschte, mein Sohn wäre noch einmal neun, dann könnten wir es wieder zusammen lesen und lachen.

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Echter Pioniergeist

Die Geschichte eines Mädchens, Ende des 19. Jahrhunderts auf einer Baumwollplantage in den Südstaaten der USA. Aus welcher Mottenkiste ist das denn? Könnte man denken. Doch dies ist kein verträumtes Mädchenbuch, das die gute alte Zeit beschwört. Denn die zwölfjährige Calpurnia interessiert sich nicht für Handarbeiten oder Teekränzchen. Nein, Calpurnia und Scarlett wären wahrscheinlich keine Freundinnen geworden.
Calpurnia ist ein schlaues Mädchen, das viel lieber die Tier- und Pflanzenwelt erforscht. Die Lektüre eines gerade erschienenen Buches von einem gewissen Charles Darwin, wird ihr verboten. Nur bei ihrem schrulligen Großvater findet sie Verständnis und Unterstützung.
Die Geschichte wird vom Verlag zwar als "einfühlsamer Mädchenroman" bezeichnet, dazu passt auch die filigrane Coverillustration. Doch das trifft es nicht ganz. Denn Jaqueline Kelly gelingt es, das Leben und den Zeitgeist des Jahres 1899 facettenreich zu beschreiben: Die unglaublichen technischen und gesellschaftlichen Veränderungen dieser Epoche. Die Spaltung des Landes nach dem Bürgerkrieg. Die Rassentrennung. Calpurnias Neugier verkörpert die Zweifel an der Rechtmäßigkeit alter Denkweisen. Doch man spürt, dass diese Zweifel nur sehr leise widerhallen.

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Dumm gelaufen

Ab in die Schultüte mit diesem Buch! Oder dem Freund fürs Referendariat schenken. Hier erfährt man nämlich, was wirklich in der Schule abgeht. Und nicht nur das. Auch was Eltern so hinter verschlossenen Türen ablassen, findet Eingang in die offenherzigen Entschuldigungsbriefe der Drittklässlerin Greta. (Was wahrscheinlich besonders für die mitlesenden Eltern lustig ist.)
Denn Greta hat es so richtig vermasselt und muss sich bei einigen Leuten entschuldigen. Einige? Es sind ziemlich viele, und mit jedem dieser sehr lustigen Entschuldigungsbriefe erfährt der Leser etwas mehr über das Unglück, das sie und Lukas an der Albert-Schweitzer-Grundschule angezettelt haben. Das klingt kompliziert und manchmal macht Greta auch ein wenig zu viele Worte ¿ wenn man bedenkt, dass die Geschichte für Leseanfänger geschrieben ist. Doch die ungewöhnliche Erzählweise gibt der Geschichte genügend Spannung und auch die treffenden Illustrationen helfen beim Durchhalten.

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Der erste Preis

Liebe Gunnel Linde, Danke, dass du dieses Buch geschrieben hast. Es ist so eine feine Geschichte. Man könnte meinen, Du warst beim Schreiben selber noch ein Kind, so gut scheinst du Kinder zu kennen.
Was für eine Idee: Da verreisen zwei Kinder mit ihrer Tante Tinne per Bahn von Stockholm nach Kopenhagen und gewinnen (heimlich) im Tivoli ein Zwergpony. Ist das zu glauben! Wer gewinnt schon überhaupt einmal etwas? Die Kinder sind außer sich vor Glück ¿ merken aber, dass man die Tante mit dieser Information nicht belasten sollte.
Die kinderlose Tante ist nämlich sowieso schon überfordert und offensichtlich überrascht, wie anstrengend Reisen mit Kindern sein kann. So müssen sich die Kinder einiges einfallen lassen, um das Tier heimlich mit per Zug nach Hause zu bekommen. Und das alles ohne Handy. Denn das Buch erschien schon 1965 in Schweden.
Mir fällt einfach nichts Kritisches zu diesem Buch ein; es ist auch für Erwachsene witzig, die Illustrationen von Susanne Göhlich sind goldrichtig und auch als Hörbuch ist es ein Genuss: Der Schauspieler Dieter Mann hat die Ruhe weg, seine Stimme verleiht den Gedanken der Kinder etwas Selbstverständliches, und irgendwie begleitet er die abenteuerliche Reise der Kinder auf beruhigende Weise.

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Allein

Bei Beltz und Gelberg, seit Jahrzehnten Spezialisten für politische Kinder- und Jugendbücher, erschien 2010 diese wirklich harte Geschichte über das Leben im Slum einer südamerikanischen Metropole. ¿The Good Thieves¿ heißt das Buch im Original, und man fragt sich, warum man das nicht einfach ins Deutsche übersetzt wurde. Denn die zwölfjährige Erzählerin Baz ist so eine gute Diebin, schließlich hatte sie nie eine Chance, nicht zu klauen und auf die gute Seite des Lebens zu kommen. Baz weiß nicht wie sie heißt oder wie alt sie ist. Schon als Fünfjährige wurde sie von einer Bandenchefin aufgelesen und muss für diese seitdem als Taschendiebin arbeiten. Temporeich erzählt Baz vom brutalen Leben im Barrio. Man spürt die Hitze und den Hunger, ja, sogar den Dreck und Gestank.
Die Geschichte ist spannend und schnörkellos, allerdings extrem detailfreudig in den Beschreibungen von so ziemlich allem, was Baz denkt und sieht (400 Seiten!). So kann es passieren, dass manch Leser trotz aller Spannung den Faden oder die Geduld verliert. Darum ist es kein Buch, das man in der Schule lesen sollte.

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Schwarze Lügen oder schwarze Lügen?

In der Tasche der 15-jährigen Melody landet die Beute eines Bankraubs, und ihr Bruder wird fälschlicherweise dieses Verbrechens beschuldigt. Das klingt schon nach einer spannenden Geschichte, so einfach ist das aber nicht. Daneben geht es auch um Familienbande, Geld und, ja, Rassismus. Dieses Thema ist auf überraschende Weise in die Geschichte eingewoben und stellt den Leser auf eine besondere Probe.
Besonders, wenn auch nicht nagelneu, ist die Erzählweise: Die Geschichte wird aus den Perspektiven von mindesten sieben sehr verschiedenen Personen erzählt, die sich beim Erzählen abwechseln. Nur Stück für Stück bekommt der Leser das große, ganze Bild geliefert. So tastet man sich ein fast wie ein Blinder in die Geschichte hinein und ahnt bald, dass hier nicht immer alle Fakten auf den Tisch kommen.
Trotz der klaren Sprache und der spannenden Geschichte liegt in diesem anspruchsvollen Einstieg möglicherweise der Grund, warum das Buch nicht so viel Beachtung fand. Dabei wird es spätestens dann, wenn man alle Protagonisten kennengelernt hat, richtig spannend.

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Schlauheit siegt

Der Tag fing mit einem zerrissenen Kleid an, ging über in den Förderunterricht mit anderen angeblich Zurückgebliebenen und dann ... dann bekommt Tabby in der Kantine vom Koch ein Schirmchen mit einer rätselhaften Botschaft zugesteckt. Dieses Schirmchen ist erst der Anfang einer Reihe von überraschenden Ereignisse und der Beginn einer Freundschaft.
An diesem Buch stimmen Sprache und Tempo, es bleibt zuverlässig spannend und vor allem: Es ist wirklich eine gelungene, originelle Geschichte. Neben dem geheimen Schulwettkampf, für den Tabby mit ihrer neuen Freundin auf rätselhafte Weise ausgewählt wurde, geht es auch um die schwierigen Familienverhältnisse der beiden Mädchen und wie sie sich selbstbewusst und humorvoll gegen die Schüler der privilegierten Privatschulen zur Wehr setzen. Das ist in dieser Form zwar ein britisches Phänomen, stört aber nicht weiter, schließlich ist man ja im coolen London.

Anzeige Barbara Laban: "Londons geheimster Zirkel". Chicken House; 12,99 Euro. Ab 10 Jahren.
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Was ist denn hier los?

Ab aufs Sofa und zusammen angucken! Endlich hat jemand einmal alles, also wirklich alles, aufgemalt und erklärt, was so den ganzen Tag im Körper passiert. "Hatschi-Pups-Aua" ¿ genau darum geht es. Was kommt wo wieder raus, wenn wir oben etwas reingesteckt haben? Warum zittern wir, wenn wir frieren und was ist ein Sonnenbrand? Wie schnell saust der Rotz durch die Luft, wenn wir niesen und warum schrumpelt die Haut beim ausgedehnten Wannenbad?
Lustige Illustrationen und Aufklapper erklären all die überraschenden Dinge, zu denen unsere Körper fähig sind. Nicht zu kurz kommen auch Phänomene, die wir nicht so prima finden, wie zum Beispiel Mitesser, Warzen und Mückenstiche. Wie schön, dass dazu gleich einige Gesundheitstipps mitgeliefert werden.

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Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?