Kinderheimskandal in Rumänien Rückkehr nach Cighid
Abfütterung im Kinder-Gulag: Mit einer majestätischen Geste lehnt Cighid-Kind Tiberius Varga den Brei ab. Der unterernährte Siebenjährige mit der Körpergröße eines Dreijährigen verwehrte schon seit langem die unbekömmliche Nahrung aus Bohnen, Mais und ranzigem Fett. 2009 starb Tiberius an den Spätfolgen der Verwahrlosung in seiner Kindheit.
Ausschnitt aus dem SPIEGEL-TV-Beitrag von 1990.
Wiedersehen nach 21 Jahren: SPIEGEL-Redakteur Thilo Thielke besuchte Anfang September 2011 das Kinderheim erneut. Rechts neben ihm steht Kinderarzt Pavel Oarcea, der 1990 vom rumänischen Gesundheitsministerium nach Cighid geschickt worden war, um dort die katastrophalen Zustände zu verbessern.
Der renommierte Mediziner konnte viele Kinder vor dem Tod bewahren. Vor Oarcea steht die Cighid-Bewohnerin Angela Fechete (in rosafarbener Bluse). Sie war in dem Kinderheim aufgewachsen.
Weggesperrt: Angela Fechete galt als aggressiv - und musste ihre Tage und Nächte in diesen nur vier Quadratmeter großen Zwinger verbringen - ohne Heizung und Licht. Die einzige Abwechslung, und auch die einzige Zuwendung, des Tages war es, wenn eine Pflegerin mit dem Essensbrei kam, der ihr in einem Blecheimer hingestellt wurde.
"Wir waren völlig überfordert", erklärte die Pflegerin Gyöngyi Brasa den Reportern von SPIEGEL TV. Mit fünf anderen Mitarbeitern war sie in "Klein-Auschwitz", wie die Leute aus der Gegend das Heim nannten, für mehr als hundert Kinder zuständig. 1990 sagte sie offen in die Kamera: "Man hätte die Kinder töten sollen, als sie auf die Welt kamen."
Das Wunder von Cighid: Heimleiterin Daniela Nistor, Mitte, und Bewohner des Behindertenheims Cighid, posieren vor ihrem Zuhause. Das ehemalige Jagdschloss des Grafen Tisza nahe der ungarischen Grenze wurde mit internationalen Spendengeldern aufwendig renoviert, vier neue Pavillions sind entstanden. 1998 wurde die Modelleinrichtung - als "Wunder von Cighid" gefeiert - eingeweiht.
Ruhestätte für die Cighid-Toten: Die Leichen der mehr als 120 Kinder verscharrte das Heimpersonal auf einem Feld hinter dem Schloss. Ein Friedhof wurde erst später angelegt - kleine, weiße Holzkreuze in zehn Reihen, umzäunt von den Gitterstäben der früheren Kinderbetten.
Das Foto entstand im September 2011, als der Frankfurter Pastor Karl-Heinz Pelikan die Ruhestätte besuchte. Pelikan koordiniert die Spendenhilfe der Evangelischen Dankeskirchengemeinde, "Kinder von Cighid".
Hilfe für Rümänien: Der Bericht von SPIEGEL TV trat in Deutschland eine Lawine der Hilfsbereitschaft los. In kürzester Zeit kamen drei Millionen Mark an Spendengeldern zusammen.
1996 zeigte die Psychiatrische Klinik Häcklingen bei Lüneburg, Niedersachsen, die schockierenden Bilder aus dem Kinderheim Cighid, um Spenden für ihr Projekt "Rumänienhilfe" zu sammeln. Hier im Bild: Pfleger Manfred Gross, Dr. Alexandru Dicker und Dr. Octavian Lazar (von links).
Überlebender: Der 26 Jahre alte Iosif Balog arbeitet heute in einer Schuhfabrik in der rumänischen Kreisstadt Oradea. 1990 hatte das SPIEGEL-TV-Team den damals Dreijährigen hilflos kauernd in einem Gitterbett vorgefunden. Cighid-Kind Iosif war dem Tod geweiht. Wären die Helfer nicht gekommen, wäre er gestorben.