Gregor Gog, König der Vagabunden "Ihr seid Könner in Lumpen"
"König der Vagabunden" - so nannte die bürgerliche Presse damals Gregor Gog (1891-1945). Mit dem spießigen und autoritären Bürgertum ging Gog hart ins Gericht: "Lieber ein ganzes Leben zu gottverfluchtem Dasein in der Gosse verurteilt, als einen einzigen Tag lang Bürger sein!", so der
ullstein bild
Biografie als Comic: In ihrer neuen Graphic Novel "Der König der Vagabunden" portraitieren die Zeichnerin Bea Davies und der Szenarist Patrick Spät das Leben Gogs und die Geschichte seiner Bruderschaft. Der Comic beruht auf Recherchen in Gregor Gogs Nachlass, der sich in den Archiven der Akademie der Künste in Berlin und des Fritz-Hüser-Instituts in Dortmund befindet.
Protest und Zusammenhalt: Einerseits wollte Gog die Tippelbrüder und -schwestern der Landstraße zum Protest gegen Ausbeutung und Repressalien ermutigen. Andererseits wollte er ihnen ein Gefühl von "Heimat" geben und ihnen zeigen, dass sie in ihrem Schicksal nicht allein sind. In dem Comic sind viele recherchierte Originalzitate der Protagonisten eingeflossen - auch bei den Sprechblasen des gezeigten Bilds handelt es sich um überlieferte O-Töne.
Erste Straßenzeitung Europas: Die meisten Texte und Zeichnungen kamen von den Vagabunden der Landstraße, wie Gog in seinem Tagebuch notierte: "Von unserm Journal konnte die Hälfte der Auflage an feste Abonnenten abgesetzt werden. Das gestattete uns, die andre Auflagenhälfte den Kumpels auf der Straße umsonst zu schicken. Sie wiederum quittierten den Empfang mit Briefen, Zeichnungen und Berichten von der Straße. Die große Boulevardpresse, die Sensation witterte, besorgte unaufgefordert die Propaganda für uns. Hauptsache war ja doch, dass die breite Öffentlichkeit aufgerüttelt wurde und sich mit dem Problem der Landstraße beschäftigte. Wir sorgten dafür, dass keine Ruhepausen eintraten."
"Kommunistenjäger": So nannten Kollegen den Stuttgarter Polizeikommissar Friedrich Mußgay (hier mit Brille und Zigarre). Die Gesetzgebung spielte der Polizei oft in die Hände: Wer in einem der Obdachlosenasyle Zuflucht fand - allein in Berlin gab es 1927 mehr als 60 dieser Unterkünfte -, durfte sich dort nur für fünf Tage aufhalten. Im Anschluss wurden die Betroffenen oft in Arbeitshäuser eingesperrt, wo sie Zwangsarbeit verrichten mussten.
Die Behörden ließen damals nichts unversucht, um die nichtsesshaften "Kunden" zu drangsalieren und zu observieren. Die Polizei errichtete vor dem Vagabundenkongress Straßensperren und schickte auch Spitzel, die später in ihrem Bericht zum Kongress schrieben: "Die Teilnehmer werden wohl fast ausnahmslos politisch linksradikal eingestellt sein, soweit sie überhaupt politisches Interesse haben. Ein großer Teil dürfte anarchistischen Gedankengängen huldigen. Der Ton der Redner war vielfach von einer gesuchten Derbheit."
Kein reiner Männerclub: In der Bruderschaft der Vagabunden organisierten sich auch Frauen wie etwa die Tänzerin und Dichterin Jo Mihaly (1902-1989), die hier mit dem Vagabundenmaler Hans Tombrock (1895-1966) zum Kongress tippelt. Jo Mihaly engagierte sich zeitlebens für die Interessen der Roma und Sinti, mit denen sich die Bruderschaft solidarisierte, und tingelte in den Zwanzigerjahren mit Varietés und Zirkussen quer durchs Land. Sie trug dabei stets Männerhosen und einen Kurzhaar-Bob.
Hans Tombrock wiederum lebte damals von Zeichnungen, die er für ein Butterbrot oder ein paar Pfennige verkaufte. Zur Zeit des NS-Faschismus lernte Tombrock im schwedischen Exil Bertolt Brecht kennen und fertigte über die Jahre viele Illustrationen für ihn an. 1931 notierte Tombrock: "Ich traf viele unterwegs, die den Bleistift ansetzten und Figuren und Begebnisse auf ein Stück Papier stammelten, die, selbst noch in den technischen Unbeholfenheiten, so wahrhaftig und lebensnah die Dinge und Menschen zeigten, dass sie erschütterten."
Nie wieder Krieg: Gog verurteilte jegliche Form von Ausbeutung und Militarismus und wünschte sich einen Aufstand der Unterdrückten: "Man inszeniert Kriege; von weichen Klubsesseln aus, bei brennender Zigarre, hetzt man die Völker aufeinander und lässt sie sich gegenseitig abschlachten, abmetzeln. Keiner kennt den andern, keiner weiß, was der andre ihm getan hat. Warum? Wozu? Sinnlos! Zwecklos! Deine einzige Groß- und Guttat in tausend und tausend Jahren, o Menschenvolk, wird sein, dass du dich der Bestien einmal für allemal rücksichtslos entledigst. Heilige Zeit, da solches geschieht!!"
Polizist und Kriegsverbrecher: Der Stuttgarter Polizeikommissar Friedrich Mußgay (1892-1946) jagte nicht nur während der Weimarer Republik Menschen, sondern auch im NS-Faschismus. Als SS-Obersturmbannführer und Leiter der Staatspolizeileitstelle befahl er die Hinrichtung etlicher Widerstandskämpfer und ließ Hunderte Juden in KZ deportieren - die meisten von ihnen wurden ermordet. Im Mai 1945 wurde Mußgay von den Alliierten verhaftet. Im September 1946 nahm er sich in seiner Gefängniszelle das Leben.
Stuttgart, Pfingsten 1929: Um 17 Uhr ergriff Gog das Wort und eröffnete den "Ersten Internationalen Vagabundenkongress" im Freidenker-Jugendgarten auf dem Stuttgarter Killesberg. In dieser berühmt gewordenen Rede rief Gog den "lebenslänglichen Generalstreik" aus. Trotz der Polizeisperren fanden sich rund 600 Teilnehmer ein. Drei Tage lang hörten sie Reden, sangen Vagabundenlieder, knüpften Freundschaften, erfreuten sich an der bereitgestellten Suppe und am Bier.
Abenteuerlust und Überlebenskampf: Zum Kongress 1929 kamen Vagabunden unterschiedlichster Couleur - Kunden der Landstraße, aber auch sogenannte "akademische Tippelfreiwillige", darunter Juristen und Pfarrer, die dem Bürgertum entfliehen und neue Abenteuer erleben wollten. Schätzungsweise ein Fünftel aller Kunden tippelte freiwillig, die weit überwiegende Mehrheit jedoch aus schierer Not, weil sie weder Arbeit noch Obdach fanden.
Die Vagabunden finden Gehör: Beim Kongress kamen viele Kunden zu Wort. Unter den Rednern befand sich der Vagabundenmaler Hans Tombrock, der über die Kunst der Landstraße referierte.
Ebenso sprach Gusto Gräser (1879-1958), "Vater der Alternativbewegung" und "Gandhi des Westens". Der Wanderprediger war 1900 einer der Mitbegründer der Reformkommune "Monte Verità" bei Ascona. Die Bewohner der Kommune zelebrierten die freie Liebe, veranstalteten Nackttänze und ernährten sich strikt vegetarisch.
Der erste Hippie: Gusto Gräser (hier rechts im Bild auf dem Vagabundenkongress 1929) nahm viele Ideen der Hippiebewegung vorweg und tippelte zeitlebens durch ganz Deutschland. Er war eng mit Hermann Hesse befreundet, dessen Erzählungen "Siddhartha" (1922) und "Der Steppenwolf" (1927) er stark beeinflusste.
Vom Leben gezeichnet: Seit 1928 organisierte die Bruderschaft etliche Kunstausstellungen. Gog ermunterte die Kunden stets, ihre Werke zu zeigen: "Ihr seid Könner in Lumpen. Und ihr zeigt die Welt nackt und wahr, ohne die Schminke einer verlogenen Konvention!" Die Presse war oft zugegen, 1931 schrieb die "Berliner Morgenpost": "Mitunter überkommt es den Bruder der uralten Ordensschaft der Landstraße mit jäher Gewalt, dass er Wunsch und Traum, Trauer und Sehnsucht mit dem Kohlenstift wiedergeben muss, und dann entstehen unter seinen Händen kühn hingezeichnete Gestalten, stark bewegt, groß!"
Vagabunden auf der großen Leinwand: 1930 spielte Gog eine Rolle im Stummfilm "Der Vagabund" (links auf dem Szenenfoto). Der 49-minütige Streifen, der unter der Regie des Österreichers Fritz Weiß entstand, stellte das alltägliche Leben auf der Straße dar. Der Film wurde am 16. Juni 1930 im Marmorhaus Berlin uraufgeführt und machte den "König der Vagabunden" noch bekannter.