Venezolanische Flüchtlinge in Kolumbien "Die Leute verhungern, sie sterben"
Seit der Sozialist Nicolás Maduro Venezuela regiert, sind Hunderttausende vor Misswirtschaft und Hunger nach Kolumbien geflohen. Der Grenzübergang nahe Cúcuta im Nordosten des Landes ist ein Migrations-Hotspot.
Jeden Tag überqueren bis zu 70.000 Menschen die Simón-Bolívar-Brücke. Insgesamt haben sich geschätzt 1,4 Millionen Venezolaner in Kolumbien angesiedelt.
Die Venezolaner kommen aus Orten, die Hunderte Kilometer von der Grenze entfernt sind. Sie schleppen zentnerschwere Säcke und Rollkoffer über die 300 Meter lange Brücke.
Am Kontrollpunkt zeigen die Migranten den Grenzbeamten ihre Ausweise und Passierscheine.
Doch die Authentizität der Dokumente kann nur sporadisch überprüft werden. Mehr ist nicht drin angesichts der vielen Menschen.
Mehr als drei Millionen Venezolaner haben eine Migrationskarte erhalten, die sie berechtigt, sich sieben Tage frei im Land zu bewegen. Viele pendeln, suchen sich einen Kurzzeitjob und kehren dann mit Lebensmitteln und Medikamenten in die Heimat zurück.
Es gibt viele Wege nach Kolumbien: Der offizielle führt über die Brücke, der inoffizielle, "la trocha" genannt, über die grüne Grenze. Der Weg ist gefährlich: Im Grenzgebiet sind die marxistische "Nationale Befreiungsarmee", Farc-Dissidenten, aber auch kriminelle Gruppierungen aktiv.
Auch Maria A., 65, ist auf der "trocha" unterwegs. Sie stammt aus Barinas in Venezuela, rund 350 Kilometer von Cúcuta entfernt. Sie nimmt den langen Weg in Kauf, weil sie dringend Medikamente und Lebensmittel braucht. "Es gibt nichts bei uns", sagt sie und weint. "Die Leute verhungern, sie sterben."
Unweit der Brücke gibt es eine Mauer, über die Schmuggler ihre Ware nach Venezuela bringen.
Geschmuggelt wird alles Mögliche: Geld, Menschen, Medikamente, Benzin zur Herstellung von Kokain.
Die Grenze ist von jeher durchlässig. "Wir können 2200 Kilometer Grenze nicht kontrollieren", sagt der kolumbianische Beauftragte für die Grenzregion zu Venezuela, Felipe Muñoz.
Im November protestierten Zehntausende Kolumbianer gegen Gewalt und Menschenrechtsverletzungen. Seit Teile der Farc-Guerilla das Friedensabkommen mit dem Staat einseitig aufgekündigt haben, herrscht Nervosität.
Kolumbiens rechtskonservativer Präsident Iván Duque hat die Forderungen aus dem Abkommen nur zögerlich umgesetzt und in der Bevölkerung immens an Rückhalt verloren.
Für ihr Krisenmanagement in der Migrationskrise hat die Regierung gleichwohl Lob bekommen. Man stehe in ethischer und historischer Verantwortung, sagt Muñoz. Geschätzt zwei Millionen Kolumbianer seien in den Siebziger- und Achtzigerjahren nach Venezuela ausgewandert und dort gut aufgenommen worden. Beide Länder seien mehr als Nachbarn, eher eine Familie.
"Wir sind ein Brudervolk", sagt auch der Bischof von Cúcuta, Víctor Manuel Ochoa Cadavid. "Wir teilen dieselbe Kultur, wir singen dieselben Lieder, wir essen dasselbe, und wir trinken das gleiche Bier." Deshalb glaubt er - trotz periodischer Konflikte - dass die Mehrheit der Kolumbianer Migranten aufnehmen und ihnen helfen will.
Die Kirche ist ein wichtiger Akteur bei der Bewältigung der Krise. In der "Casa de Paso La Divina Providencia" werden täglich mehr als 6500 Mittagessen an Bedürftige ausgegeben.
Etwa 4,5 Millionen Venezolaner haben ihr Land bereits verlassen, 1,4 Millionen von ihnen haben sich in Kolumbien angesiedelt, eine weitere Million wird dort erwartet.
Der fragile soziale Frieden in Kolumbien scheint bedroht: In einer Umfrage gaben 40 Prozent der befragten Venezolaner an, diskriminiert zu werden. Die Zahl der Kolumbianer, die in der Migration eine Chance sehen, ist demnach gesunken.