Start-up Einhorn Wo Mitarbeiter frei und Chefs überflüssig sind
Beim Berliner Start-up Einhorn ist nicht nur das Großraumbüro interessant dekoriert. Auch die Unternehmenskultur ist ungewöhnlich.
Denn hier kann jeder selbst entscheiden, wie viel Urlaub er nimmt und wann - und ob - er ins Büro kommt.
Markus Wörner, der sich ums Marketing kümmert, fand erst nach einiger Zeit seinen eigenen Rhythmus. Er arbeitet vormittags von zu Hause aus und kommt erst später rein.
Jördis Brankatschk hingegen kommt früh rein, damit sie ihre Tochter von der Schule abholen kann. Beide wollen mit niemandem tauschen, auch wenn die Arbeit trotz aller Freiheiten manchmal nervt. Oder besser: wegen aller Freiheiten.
Denn Philip Siefer und sein Partner Waldemar Zeiler haben vor zwei Jahren beschlossen, dass sie als Geschäftsführer keine Weisungsbefugnis mehr ausüben wollen.
Wenn ihre Mitarbeiter Fragen oder Probleme haben, können sie also nicht mehr automatisch zu den Chefs gehen. "Teams müssen lernen, über die Ideen ihrer Führungskräfte hinauszuwachsen", sagt Siefer.
Das Konzept dahinter heißt New Work, der Kondomhersteller Einhorn setzt es in einem Berliner Hinterhofbüro radikal um.
Und die rund 20 Mitarbeiter sind erfolgreich. Gerade haben sie eine zweite Produktlinie neben nachhaltigen und veganen Kondomen auf den Markt gebracht: Tampons und Binden aus Biobaumwolle, sowie Menstruationstassen.
Cordelia Röders-Arnold hat die neue Linie mitaufgebaut. Dass man bei Einhorn nichts erzwingen kann, weil jeder so arbeitet, wie es ihm oder ihr gerade entspricht, hat sie manchmal verzweifeln lassen.
Dennoch haben es die Menstruationstassen, aus denen sich die 31-Jährige zur Feier des Abends Ohrringe gebastelt hat, pünktlich zum Starttermin in die bundesweiten Drogeriemärkte geschafft, die sie fortan vertreiben.
Ende Februar organisierten die Einhörner in ihrem Büro deswegen eine Party. Es war keine große Launchparty, sondern eine Feier mit Freunden und Unterstützern, bei denen sich das Team bedanken wollte.
An den Wänden hingen, wie in einem Museum, die Entwürfe von Produktverpackungen, die das Team verworfen hatte - allerdings mit scherzhaften Untertiteln.
Das Start-up generiert, weil alle so frei arbeiten, oft spontane und kreative Ideen. Doch es kommt auch zu Konflikten. Deswegen gibt es regelmäßig moderierte Meetings, in denen alle ansprechen können, was sie nervt. Linda Preil störte zum Beispiel, dass sie sich nicht wertgeschätzt fühlte, als sie im vergangenen Herbst für zwei Monate in Thailand Möglichkeiten erkundete, von dort nachhaltiges Kautschuk zu beziehen.