Kreuzverleih in Jerusalem Ein bisschen Leid muss sein
Mehr als 50 selbstgeschreinerte Kreuze aus Olivenholz führt Mazin Kanaan in seinem Verleih - fünf bis 50 Kilo schwer. Italiener wählten stets die leichten, Indonesier verlangten meist die schwersten Kreuze, sagt er. Kanaan präsentiert seinen Klassiker, ein mittelgroßes Kreuz von 18 Kilogramm, das besonders Deutsche gerne tragen.
Ein bisschen Leid muss sein: 18 Kilogramm wiegt das Holzkreuz, das katholische Pilger aus Bayern die Via Dolorosa hochtragen. Der Weg, den Jesus am Karfreitag vor rund 2000 Jahren gegangen sein soll, führt von der Verurteilungskapelle bis zur Grabeskirche - dem Ort, an dem er gekreuzigt worden sein soll.
In der Altstadt von Jerusalem gerät der Leidensweg zum Hindernisparcours: Händler, Touristen und Pilger drängen sich durch die schmale Gasse. Das zwei Meter lange Kreuz blockiert den Verkehr.
Viele Pilger wollen den letzten Gang Jesu nicht nur nachgehen, sondern nachempfinden. Möglichst authentisch soll es sein - dabei hat Jesus nach Meinung einiger Archäologen wohl nur einen Querbalken getragen, der auf Golgatha an einen Pfahl oder Baumstumpf genagelt wurde.
Ein Pilger aus München will den Leidensweg Jesu für seine Mutter gehen. Sie ist vor kurzem gestorben.
Seine Nachbarn haben sich längst an den Anblick des Muslims mit dem Kreuz gewöhnt: Seit drei Generationen führt die Familie von Mazin Kanaan den Kreuzverleih an der Via Dolorosa. Der 41-Jährige ist arabischer Israeli. Seine Vorfahren, behauptet er, hätten schon zu Jesu Zeiten in Jerusalem gelebt.
Ein bisschen satanisch sieht es aus, wenn Mazin Kanaan sein Kreuz falsch herum geschultert von der Grabeskirche zum Beginn der Via Dolorosa zurückträgt. Seit 25 Jahren läuft der Muslim den Leidensweg Jesu mehrmals am Tag.