Leben mit der Sucht: Drogenabhängige in Russland - DER SPIEGEL
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Drogenabhängige in Russland "Wie in einer Rauschgiftkammer"

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Sergej, 38, arbeitet in einer Fabrik. Er verdient für russische Verhältnisse ein durchschnittliches Gehalt, umgerechnet rund 600 Euro. Den größten Teil davon gibt er für Drogen aus: Seit 20 Jahren ist er abhängig. Vor seinen Arbeitskollegen versucht er die Sucht geheim zu halten. Der Fotograf Aleksandr Martynov durfte ihn in seine Wohnung begleiten.

Foto: Aleksandr Martynov
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Auch seine Nachbarn sollen nichts von seinem Konsum mitbekommen. Es könnte schwere Konsequenzen für ihn haben, sollten sie die Polizei rufen: Zwei Mal stand Sergej bereits wegen Drogendelikten vor Gericht.

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Ein bis zwei Mal am Tag nimmt Sergej Drogen. Er hat mehrere Entzüge hinter sich. Aufhören will er aber nicht. Durch die lange Zeit seiner Abhängigkeit hat er fast keine Venen mehr, in die er das Rauschgift spritzen kann.

Foto: Aleksandr Martynov
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Im Beisein des Fotografen spritzt sich Sergej eine Dosis Pervitin. Die Hälfte davon lässt er für seine Frau Natascha übrig, wenn sie von der Arbeit kommt.

Foto: Aleksandr Martynov
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Drogenabhängige in Russland treffen sich in der Regel in kleinen Gruppen. So wie in Sergejs Wohnung, wo Sergej (r.) und zwei Bekannte eine Lösung aus dem Heroin vorbereiten und sie in mehrere Portionen aufteilen. Das bräunliche, kristalline Pulver kann auch geraucht oder geschnupft werden. Heroin macht schnell abhängig, treibt viele Junkies in die Verelendung. Die Sucht übersteigt oft die finanziellen Möglichkeiten.

Foto: Aleksandr Martynov
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Ein lokales HIV-Zentrum schickt regelmäßig einen Krankenwagen durch die Stadt. Die Ärzte führen HIV-Schnelltests durch, verteilen Naloxon - ein Mittel, das die Wirkung von Heroin aufhebt -, Verbände, Spritzen, Kondome. Auch Sergej nutzte den mobilen Service, um einen HIV-Test zu machen. Durch Spritzen, die getauscht werden oder verunreinigt sind, kann es zu Infektionen wie HIV und Hepatitis kommen. Die Menschen, die der Fotograf traf, beschrieben die medizinische Betreuung Drogenabhängiger in Russland als unzureichend. Patienten und deren Familien müssten oft zu großen Teilen selbst für Behandlung und Entzug aufkommen - viele könnten sich das nicht leisten.

Foto: Aleksandr Martynov
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Julia ist 35 Jahre alt. Sie nimmt Drogen, seit sie 22 Jahre alt ist. Sieben Jahre war sie in Behandlung. 2006 wurde bei ihr HIV diagnostiziert. Sie hat einen dreijährigen Sohn, Mark.

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Julia arbeitet als Friseurin, sie finanziert damit den Lebensunterhalt für ihre Familie - und die Drogen. Ihre Arbeitskollegen wissen nichts von ihrer Sucht. Julia hofft, dass sie sie vor ihnen verbergen kann, denn Abhängige sind in Russland fast immer stigmatisiert. Ihr Arbeitsplatz wäre in Gefahr.

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Für den kleinen Mark versucht Julia, einen normalen Alltag aufrechtzuerhalten. Die Sucht vor ihrem Sohn zu verbergen. Marks Vater verließ die Familie wegen Julias Abhängigkeit. Nun lebt sie mit Mitja zusammen. Am Wochenende gehen die drei oft gemeinsam in den Park.

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Oder auf den Spielplatz: Ein Vaterersatz für Mark kann und will Mitja aber nicht sein. Auch er ist drogenabhängig.

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Der Drogenhandel verlagert sich mehr und mehr ins Internet. Wer auf entsprechenden Websites Drogen bestellt, zahlt sie vorab mit Bitcoins oder einem Online-Anzahlkonto. Dann erhält der Kunde Adresse und Beschreibung zum versteckten Depot. In der Regel befinden sich diese Verstecke im öffentlichen Raum, auf Sitzbänken oder an Gebäudefassaden. Auch Mitja und Julia sind mit dem Bus auf dem Weg zu einem Drogenversteck. Ein Dealer hat für sie eine Dosis an einem geheimen Ort hinterlegt.

Foto: Aleksandr Martynov
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Dieses Bild zeigt Mitja nur wenige Tage nach einem sechsmonatigen Entzug. Er nimmt bereits wieder Drogen.

Foto: Aleksandr Martynov
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Erinnerung an ein Leben vor den Drogen: Ein Foto aus Mitjas Album, aufgenommen auf einer Kreuzfahrt im Jahr 2006. Es zeigt Dascha, eine junge Frau, die Mitja auf der Reise kennenlernte. Die beiden sahen sich nie wieder, aber sie stehen in Kontakt. Für Mitja ist diese Freundschaft wie die Brücke zu seinem früheren Leben. Auf der Rückseite hat Dascha einen Gruß notiert: "Ich schätze, das bin ich... und ganz allein... ich lächle dich an, Dimotschka. Dascha 2006".

Foto: Aleksandr Martynov
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?