Lebensmittelskandal 1919 Schuld und Sülze
Ekel, Elend, Empörung: Der nur zufällig aufgeflogene Lebensmittelskandal im Juni 1919 wuchs sich binnen Tagen zu einem Bürgerkrieg aus. Hier hat sich eine Menschenmenge auf dem Hamburger Rathausmarkt versammelt, um gegen die Fleischindustrie zu demonstrieren. Die Unruhen schaukelten sich auch deshalb bis zum bewaffneten Aufstand hoch, weil der frisch gewählte Hamburger Senat in Panik geriet und schon früh die bewaffneten "Bahrenfelder" gegen die Demonstranten ins Feld führte.
Von Afrika nach Hamburg: Am 1. Juli 1919 marschierte die Reichswehr unter dem Kommando von Paul Emil von Lettow-Vorbeck in Hamburg ein. Als Reichswehrminister Gustav Noske den Belagerungszustand ausrief, lag die politische wie militärische Führung in den Händen Vorbecks, dem ehemaligen Kommandeur der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika.
Signatur im Bundesarchiv: Bild_183-R05765
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Wehr mit Gewehren: Am 25. Juni 1919 stürmte die aufgebrachte Menge das Hamburger Rathaus und gelangte so in Besitz der dort gelagerten Waffen. Die "Sülzeunruhen" verschärfte die Selbstbewaffnung nur noch weiter.
Nach dem Sturm: Nachdem die Aufständischen das Hamburger Rathaus gestürmt hatten, zogen sie weiter und eroberten zwei Gefängnisse in Altona. Das Rathaus wurde unterdessen von Regierungstruppen der Reichswehr mit Stacheldraht und Wachposten gesichert.
Brot statt Schnaps: Auf einem 1920 in Hamburg gedruckten Flugblatt wird unter der Überschrift "Der Hunger droht!" gefordert, Kartoffeln und Gerste nicht weiter zur Bier- und Branntweinherstellung zu nutzen, sondern damit die hungernde Bevölkerung zu ernähren. "Sind wir denn toll geworden?", fragen die Verfasser, entgeistert ob der offensichtlichen Verschwendung von Nahrungsmitteln.
Hungerjahre: Die Versorgungslage mit Lebensmitteln hatte sich in Hamburg auch nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nicht verbessert. Die Wirtschaft war durch die vorangegangene Seeblockade geschwächt, die Bevölkerung musste noch jahrelang hungern. Hier suchen Kinder 1919 im Müll nach etwas Essbarem.
Schwer bewaffnet: Truppen der Reichswehr stehen im Juli 1919 mit ihren Geschützen an der Außenalster bereit, um Hamburg während der Hungerunruhen zu verteidigen. Der Preis für die Wiederherstellung der Ordnung in der Hansestadt war hoch: 80 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt.
Die Macht des Maschinengewehrs: Die vordergründige Aufgabe der nach Hamburg entsandten Reichswehr war die Eindämmung des Hungeraufstands - und doch hatte die Reichsregierung in Berlin auch andere Sorgen. Sie fürchtete, dass sie die Kontrolle über den enorm wichtigen Hafen verlieren könnte. Das Bild zeigt einen mit einem Maschinengewehr bewaffneten Trupp der Reichswehr im Juli 1919.
Pferdestärken: Diese Reichswehrsoldaten stehen mit Pferden und Wagen an der Außenalster. 10.000 Soldaten marschierten insgesamt am 1. Juli 1919 in der Hansestadt ein - obwohl sich die Lage dort dank der Vermittlung von Gewerkschaften, Betriebsräten und Parteien bereits deutlich entspannt hatte.
Der Mann, der die Reichswehr schickte: Der ehemalige Journalist Gustav Noske war im Kabinett von Reichskanzler Philipp Scheidemann Reichswehrminister - und damit der erste Sozialdemokrat mit Befehlsgewalt über das deutsche Militär überhaupt. Während der Unruhen 1919 reagierte er sofort auf den Hilferuf des Hamburger Senats und entsandte Truppen in die Hansestadt, die in der Folge brutal gegen die dortigen Demonstranten vorgingen.