Legendäre Clubs Drogenwahn auf der Dauerbaustelle
Studenten beim Baueinsatz: Die Arbeit auf der Moritzbastei-Baustelle war für die Studenten nicht nur körperliche Anstrengung. Für 50 Stunden Einsatz wurde eine "Erbauerkarte" ausgestellt, die zum bevorzugten Eintritt in die Bastei-Veranstaltungen berechtigte. Nicht zuletzt entstanden hier Freundschaften, die zum Teil bis heute halten. Am 9. April 2009 treffen sich die "Ehemaligen" zu einem großen Wiedersehensfest in der Moritzbastei.
Blick vom Cityhochhaus auf die Moritzbastei: Die fünfeckige Form der Bastion ist gut zu erkennen, der ehemalige Stadtgraben davor ist zu einer Parkanlage umgestaltet. Nicht nur in der Leipziger Studentenschaft gilt die "MB", wie sie liebevoll genannt wird, als erste Adresse für Konzerte, Partys und Theaterabende.
Leipzig von Osten: Die Ansicht zeigt die massiven Befestigungsanlagen, die die Stadt Leipzig seit dem Mittelalter sicherten und die an dieser Seite noch vorhanden waren. Kurze Zeit nach der Entstehung des Gemäldes von Christian Friedrich Heinrich Schildbach wurden sie abgerissen und durch Grünanlagen ersetzt. Im Zentrum ist die Moritzbastei zu erkennen.
Blick in den Hof: Nachdem die Moritzbastei ihren militärischen Sinn verloren hatte, bezogen Leipziger Handwerker die Gewölbe und nutzten sie als Lager und Werkstätten.
Dauerbaustelle: Der Architekt Johann Carl Friedrich Dauthe plante die 1. Leipziger Bürgerschule auf der Moritzbastei. Das Bild zeigt die Schule und den Stadtgraben bis zur Pleißenburg, dem heutigen Neuen Rathaus in Leipzig. Dauthe, herausragender Architekt seiner Zeit, unterschätzte die Arbeiten gewaltig: Erst nach 34 Jahren wurde die Schule fertiggestellt.
Zeichen der Zeit: Blick von der Moritzbastei zum Neuen Rathaus, der alten Pleißenburg. Die Mauern der Bastei, die einst fast zwölf Meter aus dem Stadtgraben ragten, sind in die Erde gesunken. Nur die oberen Aufbauten sind noch zu erkennen. Das kurfürstlich-sächsische Wappen ist von der Zeit und Graffitti-Sprayern gezeichnet.
Zerstörte Bürgerschule auf der Moritzbastei: Bei den Bombenangriffen auf die Leipziger Innenstadt 1943/44 wurde auch die Bürgerschule schwer getroffen. Die Trümmer der Schule und der umliegenden Gebäude wurden ins Innere der Keller der Moritzbastei verfüllt. Der Trümmerhügel bedeckte die alte Stadtbastion bis 1974.
Das Trümmerfeld nach den ersten Rodungen: Bei den ersten Arbeitseinsätzen der Studenten wurde der Trümmerhügel gerodet und wurden die Fundamente der alten Bürgerschule freigelegt. Die heutigen Innenhöfe waren noch verfüllt und mit Gestrüpp bewachsen (Bildmitte).
Freigelegt: Bei den ersten Arbeitseinsätzen der Studenten wurde der Trümmerhügel auf der Moritzbastei gerodet. Im Hintergrund ist der Blick frei zum Augustusplatz. Das heute direkt neben der Bastei liegende Neue Leipziger Gewandhaus wurde erst ab 1975 gebaut.
Einstieg in die Keller der alten Moritzbastei: In den Jahren nach dem Krieg galten die alten Gewölbe als idealer Abenteuerspielplatz für Kinder. Die Einstiege lagen versteckt unter Gestrüpp und Trümmern. Ältere Leipziger berichten auch von Champignonzüchtern, die die verschütteten Gewölbekeller nutzten. Auch die Feuerwehr übte in der Anlage.
Sonderseite zum Richtfest der Moritzbastei: Die Universitätszeitung begleitete die Baueinsätze der Studenten mit einer eigenen Rubrik, dem "bastei-report". Hier wurden nicht nur Baufortschritte und Veranstaltungen dokumentiert. Immer wieder finden sich auch Aufrufe an die Studenten, sich zu Baueinsätzen zu melden. Als "Bezahlung" lockte zum Beispiel eine Fahrt nach Dranske an die Ostsee in ein Ferienobjekt der Universität.
Arbeit unter Tage: Bei den ersten Arbeitseinsätzen der Studenten wurden die alten Gewölbe von Schutt und Trümmern befreit. Geschätzte 40.000 Kubikmeter mussten bewegt werden - das meiste mit Schippen und Eimern. Hier begutachten Spezialisten Senkungsrisse in den Gewölben. Das alte Holzfundament der Bastei war verfault, das absackende Gemäuer musste mit einem Betonfundament "unterspült" werden.
Bauleiter Klaus Röder im verfüllten Oberkeller: Wie tief die Moritzbastei in Trümmern "versunken" war, zeigt dieses Bild. Klaus Röder, Leiter der studentischen Baueinsätze, sitzt unter dem "Zwickel" im Oberkeller. Dessen Spitze ist heute circa drei Meter über der Tanzfläche.
Die Universitätsleitung besichtigt die Baustelle: Für den Fotografen wurde gelächelt, insgesamt stand die Universitätsleitung dem Bauprojekt lange skeptisch gegenüber. Die Kosten und die Verwaltung eines solchen Projektes waren unvorhersehbar, zumal es in der offiziellen Wirtschaftsplanung der DDR nicht auftauchte und somit streng genommen eine "Schwarzbaustelle" war. In der vorderen Reihe der damalige Rektor Winkler (Mitte), rechts daneben Werner Teichmann.
Freigelegte Gewölbekeller der Moritzbastei: Je mehr Schutt und Geröll beseitigt wurde, desto deutlicher wurden die wahren Ausmaße des Projektes. War am Anfang nur die Instandsetzung der oberen Gewölbekeller geplant, ging es im Laufe der Zeit um den Erhalt der gesamten Moritzbastei. Dabei wurde aber auch klar, dass die Fertigstellung Jahre dauern würde. Am Ende sollten es ganze acht werden.
Die erste Bühne: Kaum waren die ersten Trümmer beseitigt, wurden eine provisorische Bühne errichtet und Klappstühle für das Publikum in die Gewölbe getragen. Das erste Baukonzert gaben die "Leipziger Jazz-Enthusiasten" schon wenige Wochen nach dem ersten Spatenstich 1974.
Diskussion unter Baustrahlern: Die Veranstaltungstechnik der ersten Moritzbastei-Abende war der Atmosphäre angepasst, statt Scheinwerfern halfen Baulampen. Das kulinarische Angebot bestand aus Flaschenbier und Fettbroten.
Die Universitätszeitung berichtet: Das Baukonzert Nr. 5 gab die Leipziger Band "Renft". Die Gruppe galt damals als der rebellische Gegenentwurf zu den Puhdys, die von vielen als zu staatstragend empfunden wurden. Die Vorhersage des Reporters, dass Renft öfter in der Moritzbastei spielen werde, efüllte sich allerdings nicht: wegen ihrer kritischen Texte wurde Renft 1975 mit einem Auftrittsverbot belegt.
Anreise zum Konzert: Bis zur Fertigstellung der Moritzbastei im Jahr 1982 wurde den Künstlern schon bei der Anreise klar, dass sie auf einer Baustelle auftreten würden - wie hier den Mitgliedern der Bluesband um den Gitarristen Jürgen Kerth, der in der DDR Kultstatus genoss.
Hilfe aus Vietnam: Der Fertigstellungstermin für die Moritzbastei wurde immer weiter nach hinten verschoben. Zum 30. Jahrestag der DDR 1979 wurde schließlich der erste Bauabschnitt eröffnet, bis zur Übergabe des gesamten Areals vergingen noch einmal fast drei Jahre. Das Bild zeigt vietnamesische Studenten bei einem "Subbotnik", einem samstäglichen Arbeitseinsatz auf der Moritzbastei (subbota - russ.: Samstag).
Feier der 100.000. freiwilligen Arbeitsstunde: Über die Arbeitseinsätze der Studenten wurde akribisch Buch geführt. Im Laufe der acht Baujahre kamen 150.000 Arbeitsstunden zusammen. Hier erhalten besonders einsatzbereite Studenten ihre "Erbauerkarte" zur Feier der "100.000. Aufbaustunde" überreicht. Die Karte berechtigte bei Bastei-Veranstaltungen zu bevorzugtem Einlass. Im Hintergrund mit Vollbart der damalige Moritzbastei-Klubratschef Peter Kunz.
Einzigartiger Einsatz: Einige Studenten arbeiteten weit mehr als die offiziell "erwünschten" fünf Stunden pro Semester auf der Moritzbastei-Baustelle. Dafür wurde ihnen eine Ehrenkarte verliehen, die zu lebenslangem freien Eintritt in die Moritzbastei berechtigte. Noch heute kommen mittlerweile ergraute Erbauer zu Konzerten, Lesungen und Theatervorstellungen. Bericht der Universitätszeitung vom 11. Juli 1975.
Seltene Farbaufnahme: Das Baustellenfoto zeigt den freigelegten Hof vor der heutigen "Veranstaltungstonne". Die kleine "Esse" in der Bildmitte war ein früherer Treppenaufgang auf die Zinnen der alten Bastei.
Diskussion mit Jurek Becker: Der Film "Jacob der Lügner" nach dem Roman von Jurek Becker war der einzige Defa-Film, der für einen Oscar nominiert wurde. Auf der Baustelle der Moritzbastei stellte sich der Autor mit dem Filmteam der Diskussion mit den Studenten. Becker siedelte 1977 nach Querelen mit der Staatsmacht in die Bundesrepublik über, wo er als Drehbuchautor ("Liebling Kreuzberg") Erfolg hatte.
Einladung zur Übergabe des ersten Bauabschnittes: Nach fünf langen Baujahren war die Fertigstellung der Bastei längst nicht in Sicht. Um die Studenten wenigstens in den Genuss der ersten Früchte ihrer Arbeit kommen zu lassen, wurde am 1. Dezember 1979 der "erste Bauabschnitt" offiziell übergeben. Von nun an gab es ein geregeltes Veranstaltungsprogramm, auch wenn die Bauarbeiten weitergingen.
Oberkeller der Moritzbastei: Wie sehr sich die Ausdauer der Studenten gelohnt hat, ist bis heute zu sehen. Das Bild zeigt den sogenannten "Oberkeller" im Jahr 1989. Der langgestreckte Saal mit seinen Seitengewölben fasziniert Einheimische wie Besucher Leipzigs immer wieder. Während der Buchmesse 2009 lasen in den verwinkelten Nischen über 50 Autoren zur "Langen Leipziger Lesenacht".
Phillip Boa in Leipzig: Die Moritzbastei ist heute ein beliebter Live-Club. Über 150 Konzerte finden hier jährlich statt. Die Nähe zwischen Fans und Künstlern begeistert manchen Künstler so sehr, dass er jedes Jahr wiederkommt. Phillip Boa spielt seit 2001 seine Weihnachtskonzerte in der Moritzbastei, hier im Jahr 2006.
Blick vom Cityhochhaus auf die Moritzbastei: Die Nähe zu den Studenten ist bis heute geblieben. Nicht nur, dass sie den größten Teil des Publikums ausmachen und über 120 studentische Mitarbeiter sich in der Bastei ihr BaFöG aufbessern. Auch die "Ehemaligen" treffen sich regelmäßig wieder, das nächste Mal am 9. April, um den 35. Jahrestages des 1. Spatenstiches zum Wiederaufbau der Moritzbastei zu feiern.