Legendäre Fotografien "Aus dem Bild, du ruinierst die Komposition"
"Aus dem Bild!" 1990 wurde Jeff Widener für sein Foto des "Tank Man" für den Pulitzer Preis nominiert. Widener hatte seine Kamera und seine Ausrüstung an den chinesischen Sicherheitsbeamten vorbei in den fünften Stock des "Beijing Hotels" geschmuggelt und dort Stellung bezogen. Mit seiner 300-Milimeter-Linse nahm er die im Convoy fahrenden Panzer genau ins Visier. Als der Mann sich vor die Panzer stellte war Wideners erster Gedanke: "Raus aus meinem Foto, du ruinierst die Komposition."
Stets zum Schuss bereit: Jim Marshall war der erste Fotograf, den Tim Mantoani am 27. Dezember 2006 in einem Studio in San Francisco für sein "Behind Photographs"-Projekt ablichtete. Eine Liste der bekanntesten Fotografen käme ohne Jim Marshall nicht aus. Er war in Woodstock dabei, fotografierte beim letzten Konzert der Beatles und als Hendrix seine Gitarre in Brand setzte. Immer an seiner Seite: seine Leica - wie auch auf diesem Bild.
In Händen hält er seine Aufnahme von Johnny Cash während eines Soundchecks zum Konzert im Gefängnis San Quentin, 1969. Doch Marshall war nicht nur berüchtigt, nie ohne Kamera das Haus zu verlassen, sondern auch nie ohne Waffe - zumindest in seinen frühen Jahren. Er starb 2010.
Sportsfreund: Neil Leifer gilt als einer der großartigsten Sportfotografen der Geschichte. Er fotografierte sieben Mal die Olympischen Spiele für das "Time Magazine", dokumentierte Muhammad Alis Karriere von Anfang bis Ende und über 170 seiner Bilder landeten auf dem Titel der "Sports Illustrated".
Auf dem Foto vom Boxkampf Muhammad Ali gegen Sonny Liston am 25. Mai 1965 in Lewiston, Maine, ist zwischen Alis Beinen ein weiterer berühmter Fotograf zu sehen - Herb Scharfman. "Herbie war einer der Größten, aber an diesem Abend saß er auf der falschen Seite. Ein Bild wie dieses passiert dir nie wieder."
"Wer sind die Beatles?" Eigentlich wollte Harry Benson gerade für eine Reportage nach Afrika reisen. Da rief sein Redakteur an, er müsse dringend nach Paris, um dort eine Band namens The Beatles zu fotografieren. "Wer sind die Beatles?", fragte Benson - und reiste genervt nach Frankreich.
Das legendäre Kissenschlacht-Foto entstand im Hotelzimmer. Kurz zuvor war der Bandmanager Brian Epstein, hereingekommen und hatte verkündete, die Beatles seien Nummer eins in den USA.
Nach dem Napalm: Die Aufnahme des nackten neunjährigen Mädchens Phan Thi Kim Phuc, das nach einem Napalmbombenabwurf mit Verbrennungen am Körper schreiend eine Straße entlangläuft, machte Nick Ut am 8. Juni 1972 im vietnamesischen Dorf Trang Bang.
Ut war erst sechzehn, als er für Associated Press zu fotografieren begann. In Vietnam dokumentierte er den Krieg und wurde selbst dreimal verwundet. Das Bild von Kim Phuc wurde in einer beschnittenen Version zur weltberühmten Ikone - was fehlte war der rechte Rand. Auf Mantoanis Foto zeigt Ut das Original. Ganz rechts ist der Fotograf David Burnett zu sehen, der gerade seinen Film wechselt. Ut lud die verletzten Kinder in seinen Wagen, fuhr sie zum nächsten Krankenhaus und rettete ihnen so das Leben.
Unter den Türmen: Tausende Bilder wurden am 11. September 2001 vom World Trade Center geschossen, dieses hier kam auf das Cover des "Time Magazine".
Der Fotograf Lyle Owerko war in seiner Wohnung in New York, als er einen gewaltigen Donner hörte. Er schnappte sich eine Kamera, die direkt am Eingang seiner Wohnung lag und rannte in die Richtung, aus der alle anderen wegliefen. Dann sah er, dass ein Flugzeug auf den Turm zuflog, der noch nicht brannte. Seine Kamera hatte keinen elektrischen Motor. Ihm war klar, dass er nur ein Bild wird machen können. Er wartete auf den richtigen Moment - und drückte ab, als das Flugzeug in den Turm krachte.
Nachruf-Porträt: Mark Seliger war zwischen 1992 und 2002 Cheffotograf des "Rolling Stone". Die Aufnahme des Nirvana-Sängers Kurt Cobain machte er 1994. Eigentlich sollte das Foto das Aufmacherbild für eine Geschichte zur Veröffentlichung des Nirvana-Albums "In Utero" werden.
Als Kurt Cobain am 5. April Selbstmord beging, wurde die nur zwei Monate vor dem Tod des Nirvana-Sängers entstandene Aufnahme zum Covermotiv für das Heft mit dem Nachruf.
Wiedersehen nach fast 20 Jahren: Das Bild, das Steve McCurry in Händen hält, machte er 1984 in Peshawar, Pakistan. Ein Jahr später erschien es auf dem Titel des "National Geographic". Heute gilt es als eines der gelungensten Porträts der Welt.
Im Jahr 2002 reiste ein Team der Zeitschrift nach Afghanistan, um die inzwischen Erwachsene zu finden. Mehrere Frauen behaupteten, das Mädchen auf dem Bild zu sein. Schließlich fand man sie in einer abgelegenen Region des Landes und konnte ihre Identität durch eine biometrische Bestimmung ihrer Iris beweisen. Ihr Name ist Sharbat Gula und sie erinnerte sich lebhaft daran, in ihrer Kindheit fotografiert worden zu sein - war es doch das einzige Kinderfoto, das von ihr existiert. 2003 sah sie es zum ersten Mal - fast 20 Jahre nachdem McCurry es geschossen hatte.
Bob behüte! Bob Dylan mit der Gitarre in der linken Hand und der rechten an der Krempe eines etwas merkwürdigen Huts. Es ist eines der bekanntesten Porträts des Musikers - und es wäre fast nicht entstanden.
Als der Fotograf Elliott Landy mit Dylan sein Haus verließ, um draußen nach einem geeigneten Ort für ein Foto zu suchen, nahm der Musiker den Hut im Vorbeigehen mit und fragte: "Glaubst du, wir können den brauchen?" Dann gingen sie raus und Dylan sagte, ob Landy nicht ein Foto von schräg unten machen wollte. Dass der Boden total schlammig war, merkte Landy erst als er schon kniete - und drückte ab, während Dylan noch fragte: "Meinst du, ich soll den tatsächlich aufsetzen?"
"Wenn ich mich nicht vollkommen auf die Situation eingelassen hätte", resümiert Landy 2007 beim Shooting mit Tim Mantoani, "hätte ich das Bild verpasst."
Fünf auf einen Streich: Die Aufnahme der fünf US-Präsidenten gelang David Hume Kennerly am 4. November 1991 in Simi Valley, Kalifornien. Sie zeigt, von links: George Bush, Ronald Reagan, Jimmy Carter, Gerald Ford und Richard Nixon. Es war das erste Mal, dass fünf Präsidenten der USA zusammen fotografiert wurden.
Kennerly erhielt für seine Arbeit während des Vietnam-Kriegs 1972 den Pulitzer-Preis und wurde zwei Jahre später zu Gerald Fords persönlichem Fotografen. Der US-Präsident sagte über Kennerly, er sei der beste Fotograf der Welt und habe die Gabe, das Beste im Menschen zu wecken. In Fachkreisen zählt Kennerly immerhin zu den 100 wichtigsten Fotografen.
Kennedy-Attentat: Der Fotograf Bill Eppridge war von 1966 bis 1968 mit Robert F. Kennedy auf Wahlkampf-Tour. Am 5. Juni 1968 wurde nach einer Veranstaltung in der Küche des Hotel "Ambassador" in Los Angeles auf Bobby Kennedy geschossen. Einen Tag später erlag er seinen Verletzungen. Eppridge stand nur ein paar Meter von dem Politiker entfernt, als die Schüsse fielen. Er drückte drei Mal auf den Auslöser. Dieses Bild wurde zur Ikone.
Auf das Polaroid von Mantoani schrieb Eppridge nur "June 5, 1968" und sagte: "Ich finde, das sagt alles. Die Welt wäre eine andere, wenn das nicht passiert wäre."
King auf der Polizei: Martin Luther King wurde 1958 nach einer Diskussion mit zwei Polizeibeamten in Montgomery, Alabama, verhaftet und ins Gefängnis gebracht. Charles Moore war damals der Fotograf der örtlichen Tageszeitung. Er verfolgte die Gruppe auf das Polizeirevier und schoss dieses Bild des gefangenen Bürgerrechtlers. Das Bild wurde von Associated Press verbreitet - der Beginn von Moores Karriere als Fotograf.
Auf einer Welle mit den Surfern: LeRoy Grannis gilt als Urvater der Surf-Fotografie. Die Aufnahme des Surfers Dewey Weber gelang ihm am 17. September 1966 am Hermosa Beach, Los Angeles.
Für seine spektakulären Aufnahmen ersann er eine spezielle Methode. "Granny" arbeitete mit einer wasserfesten Holzbox, die er mit einem Saugnapf an der Spitze eines Surfboards befestigte. So konnte er aufs Meer paddeln und seine Kamera aus der Box holen, wann immer er sie brauchte. Kam eine Welle, legte er den Apparat einfach zurück in das trockene Behältnis. So hatte er seine Kamera immer parat und konnte sogar auf dem Meer den Film wechseln, während seine Konkurrenten dafür zurück an den Strand mussten.
Mantoani fotografierte die Legende am 10. Januar 2008 in seinem Zimmer in einem Altersheim in Carlsbad, Kalifornien. Mantoani erinnert sich: "Ich werde niemals das Lächeln in seinem Gesicht vergessen, als er in den Raum kam und die Kamera sah." LeRoy Grannis starb 2011.
Castros persönlicher Fotograf: Roberto Salas ist erst 18, als die Aufnahme von Che Guevara und Fidel Castro im Januar 1959 entsteht. Bereits mit fünfzehn hat Salas die Schule verlassen, um wie sein Vater Osvaldo Fotograf zu werden.
Nachdem Osvaldo Salas während eines Besuchs Castros in New York den Auftrag erhalten hatte, den kubanischen Staatspräsidenten abzulichten, warb dieser Vater und Sohn als offizielle Regierungsfotografen ab. Sie wurden zu Kubas erfolgreichsten und bedeutendsten Fotografen. Auf diesem Foto sah Salas Che Guevara und Fidel Castro das erste Mal auf einem Bild. Beleuchtet werden ihre Gesichter nur von dem Streichholz.
Legenden vor der Kamera: Tim Mantoani lichtet Marty Lederhandler ab. Der Fotografieveteran arbeitete 66 Jahre für die Presseagentur Associated Press und war ihr dienstältester Mitarbeiter. Als offizieller Fotograf der US-Armee hielt er bereits den D-Day, die Landung der Alliierten an der Küste der Normandie am 6. Juni 1944, in Bildern fest. Am 30. Juli 2008 traf Mantoani ihn im Tribeca Studio in New York. Lederhandler starb 2010.
Kooperation am Sofortbild: Die Kamera, mit der Tim Mantoani arbeitete, macht Sofortbilder, die in nur 90 Sekunden entwickelt sind. So wurden die Porträts der "Behind Photographs"-Serie zur Kooperation zwischen Fotograf und Modell. Hier diskutieren Tim Mantoani und der Fotograf Bill Pierce gerade gemeinsam die Polaroids ihres Shootings.
Der Fotograf und sein Motiv: Tim Mantoani und William Claxton am 16. September 2007 in einem Studio in Hollywood. Vor ihnen auf dem Tisch liegt das Ergebnis des Shootings, der Polaroid-Abzug von Claxton und dem Foto seiner Frau, dem Model Peggy Moffitt, in dem berüchtigten Topless-Badeanzug des Modeschöpfers Rudi Gernreich von 1964. Kleidungsstück und Bild lösten einen Skandal aus.
Im Hintergrund ist die riesige Polaroid-Kamera zu sehen, mit der Mantoani seine 20x24 Zoll großen Bilder der Fotografenlegenden und ihrer Ikonen machte.
Mit Widmung: Jeder der von Tim Mantoani fotografierten Kollegen unterzeichnete später das fertige Polaroid und schrieb ein paar Worte zu der Geschichte hinter dem Bild. Die Idee dazu kam Mantoani spontan und war nicht von vornherein Teil des Konzepts.
Das Bild zeigt Julius Shulman, der am 28. November 2007 das Bild signiert, das Mantoani soeben in Shulmans Studio in Los Angeles von ihm aufgenommen hat. Shulman (1910-2009) arbeitete fast 70 Jahre als Architekturfotograf. Unter anderem hat er die Werke von Richard Neutra, Frank Lloyd Wright und Charles Eames in Bildern festgehalten.
Sechs Schnappschüsse - ein Kunstwerk: Das Porträt von Orson Welles war nach eigenen Angaben des Fotografen Timothy Greenfield-Sanders das erste bedeutende Bild, das er gemacht hat.
Der damals 26-Jährige hatte von einem Freund gehört, dass Welles und der legendäre Schauspieler und Regisseur John Huston ("Die Spur des Falken", "Der Schatz von Sierra Madre") an Filmprojekten arbeiteten, deren Drehorte nahe beieinander lagen. Also log Greenfield-Sanders dem "Life Magazine" vor, er habe zu beiden großartige Kontakte. Als nächstes musste der unbekannte 26-jährige Fotograf die Filmgrößen überzeugen. Die Session dauerte dann nur zehn Minuten und kurz bevor sie endete, machte Greenfield-Sanders schnell sechs Aufnahmen von Welles im Hochformat.