Legendäre Musikstudios Irrsinn am laufenden Band
Im Saal der Meister: Von den siebziger Jahren bis in die frühen Neunziger zog West-Berlin Künstler aus aller Welt an. Musiker pilgerten - besonders wegen des legendären Meistersaals und seiner einzigartigen Akustik - zu Aufnahmen ins Hansa Studio. David Bowie begann dort im Sommer 1977 nahe der Berliner Mauer mit den Aufnahmen zu seinem Album "Heroes". Der Entstehungsort hinterließ seine Spuren auf der Platte. "Künstlertypen, Kneipenexistenzen, die freien Radikalen einer Stadt ohne Sperrstunde bevölkern" das Album, schreibt Tobias Rüther in seinem Buch "Helden. David Bowie und Berlin". Während seiner Zeit in der geteilten Stadt lebte Bowie in der Schöneberger Hauptstraße 155. 1991 nahmen auch...
...U2 dort auf: Daher auch der ungewöhnliche Titel des Albums - "Achtung Baby". Er wurde inspiriert von dem Tontechniker Joe O'Herlihy, der sich mit dieser Wendung während der Sessions die Aufmerksamkeit der Musiker gesichert hat. Er wiederum kannte den Ausspruch aus Mel Brooks' Musical "Frühling für Hitler".
Hits aus dem Heimstudio: 1960, als große Plattenfirmen wie EMI oder Decca den Markt dominierten, gründete der Engländer Joe Meek (Mitte, Foto um 1962) sein eigenes Label Triumph Records. In seiner Wohnung im Londoner Stadtteil Islington richtete er sich außerdem ein kleines Studio ein. Hier produzierte Meek einige Hits wie das Instrumentalstück "Telstar" von den Tornados (Foto), das als erste britische Single in den USA an die Spitze der Charts stieg und angeblich auch zu einem von Margaret Thatchers Lieblingsliedern wurde.
In Joe Meeks Heimstudio...
...herrschten mitunter chaotische Zustände: In dem kreativen Chaos entwickelte Meek jedoch visionäre Aufnahmetechniken. So soll er beispielsweise der erste gewesen sein, der die Bassdrum aufschnitt, Teppiche hineinlegte und ein Mikrofon davorstellte.
Berüchtigt war Meek...
...allerdings eher für seinen exzentrischen Charakter: Der Produzent hatte einen Hang zum Okkulten. Auf Friedhöfen versuchte er, Stimmen aus dem Jenseits auf Band festzuhalten und am Grab von Buddy Holly mit der Rocklegende zu kommunizieren. Von den großen Plattenfirmen fühlte er sich verfolgt und fürchtete, sein Studio sei verwanzt. Die Beatles lehnte er ab, weil er deren Musik für Krach hielt.
Am 3. Februar 1967, dem achten Jahrestag von Buddy Hollys Tod, dann weckte Joe Meek seinen Assistenten Patrick Pink auf und sagte, er sei bereit. Wofür verriet er nicht. Doch als er begann all seine persönlichen Besitztümer und Dokumente zu verbrennen, rief Pink die Vermieterin aus der Wohnung unter ihnen. Als diese versuchte, Meek zu beruhigen, erschoss Meek sie - vermutlich versehentlich - mit einer Schrotflinte. Danach brachte er sich selbst um.
Die Halle des Halls: Im 1950 gegründeten Gold Star Recording Studio an der Santa Monica Avenue in Hollywood kreierte der Produzent und Songschreiber Phil Spector (links) aus unzähligen Instrumenten, kombiniert mit Hall- und Echoeffekten, seine berühmte "Wall of Sound". Da der Aufnahmeraum mit Acrylfarbe gestrichen war, prallte der Klang von den Wänden ab und trug so zur Entstehung der fast symphonischen Wucht bei. Auch die Songs der Girl-Band The Ronettes nahm Spector auf diese Weise auf. Die Leadsängerin Veronica Bennett (rechts) wurde später seine Frau.
Hitsville: In diesem unscheinbaren Haus in Detroit wurde Musikgeschichte geschrieben. 1959 richtete Berry Gordy Jr. hier Büroräume und ein Studio für seine Plattenfirma, die Motown Record Corporation, ein. In der Schlangengrube - "the Snakepit" - wie das Studio auch genannt wurde, nahmen Künstler wie The Supremes, The Temptations, Marvin Gaye oder die Jackson Five ihre größten Hits auf. Die Aufnahmeräume waren 365 Tage im Jahr geöffnet, bis die Firma 1972 nach Los Angeles umzog. Heute befindet sich in dem Haus ein Museum. 2007...
...wurde zu Ehren des Motown-Gründers (Mitte) ein Teil des "West Grand Boulevard" umbenannt: Wo sich bis 1972 das Studio befand, heißt die Straße nun nach dem Labelgründer "Berry Gordy Jr. Boulevard". In dem alten Studio...
...finden sich bis heute deutliche Spuren der Aufnahme-Sessions: Dieses Foto aus dem Jahr 1996 zeigt ein Mischpult im "Motown Museum". Der Fußboden darunter ist vom rhythmischen Mitwippen der Produzenten abgenutzt. Für die Aufnahmen waren Berry Gordy Jr. ...
...die besten Musiker gerade gut genug: Robert White (links) und Joe Messina gehörten zu den "Funk Brothers", wie die Session-Musiker des Labels genannt wurden. Sie spielten die Instrumente zu vielen Motown-Hits ein.
Pilgerstätte: Zahlreiche Fans haben sich an dem Eingang der Abbey-Road-Studios verewigt. Die wohl berühmtesten Studios der Welt befinden sich im Londoner Stadtteil Westminster. In dem umgebauten Haus aus dem 19. Jahrhundert, nehmen seit den dreißiger Jahren Künstler aus Klassik, Pop und Rock auf. Queen, The Hollies, der Geiger Yehudi Menuhin, Glenn Miller und viele weitere arbeiteten hier. Berühmt ist das Studio natürlich dennoch vor allem, weil die...
...Beatles hier die meisten ihrer Alben eingespielt haben: Von den ersten Probeaufnahmen 1962 bis zu ihrer letzten Recording-Session zu dem George-Harrison-Song "I, Me, Mine" am 3. Januar 1970. 1969 setzten sie dem Ort mit ihrer Platte "Abbey Road" ein Denkmal. Das Foto zeigt die Beatles als Wachsfiguren, die zur Veröffentlichung eines Buches über die Studios 1988 vor dem Eingang aufgestellt wurden.
Zu einem ebenso traurigen wie kuriosen Wiedersehen kam es, als eine andere legendäre Band in den Studios aufnahm. Es waren...
...Pink Floyd: Während der Arbeit am Album "Wish you were here" 1975 kam es zu einem unverhofften Wiedersehen mit dem ehemaligen Sänger und Gitarristen Syd Barrett, der 1968 aufgrund zunehmender - auch Drogen verursachter - psychischer Probleme die Band hatte verlassen müssen. Als Pink Floyd gerade den Barrett gewidmeten Song "Shine on you crazy diamond" abmischten, tauchte plötzlich ein übergewichtiger Mann mit geschorenem Kopf und rasierten Augenbrauen im Studio auf. Niemand wusste, wer der Gast war, bis Keyboarder Rick Wright in ihm schließlich den verschollenen Barrett erkannte. Bassist Roger Waters sei "zum Heulen zumute" gewesen, als er "diesen großen, fetten, kahlen, verrückten Burschen" erkannte, schreibt Nicolas Schaffner in der Biografie "Pink Floyd. Vom Underground zur Supergroup". Barrett blieb ein wenig, ging später noch mit seinen alten Bandkollegen in die Kantine und verschwand dann genauso wortlos, wie er gekommen war.
Trotz der historischen Bedeutung für die Musikgeschichte...
...erwog die Plattenfirma EMI, der Besitzer der Abbey Road Studios, Anfang 2010 einen Verkauf: Zahlreiche Künstler, darunter auch Paul McCartney, sprachen sich dagegen aus, woraufhin EMI von den Plänen Abstand nahm. Kurze Zeit später wurden die Studios unter Denkmalschutz gestellt.
Recording in der Rockherberge: In Wales wurden 1963 nahe der Ortschaft Monmouth die Rockfield Recording Studios gegründet. Der umgebaute Bauernhof war 1965 das erste Studio mit dazugehörigen Wohnräumen. Bands wie Black Sabbath, Simple Minds oder New Order nahmen hier auf. Motörhead (hier auf einem Foto von 1995, von links: Philthy Animal Taylor, Michael "Würzel" Burston, Bandleader Lemmy Kilmister und Phil Campbell) kamen 1975, um mit Produzent Dave Edmunds zu arbeiten. Der pflegte offenbar auch den eher ungesunden Lebensstil seiner Klienten. "Während wir uns einen Track noch mal anhörten, stand Dave einfach auf, sagte: 'Entschuldigt mich'. Dann ging er zur Tür hinaus, kotzte, kam zurück und machte weiter, als wäre nichts gewesen", erinnert sich Sänger Lemmy in seiner Autobiografie "White Line Fever". "Ständig fanden wir ihn zusammengesunken über dem Mischpult, während nur noch ein Rauschen aus den Boxen dröhnte."
In den Rockfield Studios entstand auch der legendäre Song...
..."Bohemian Rhapsody" von Queen: Das Lied, das 1975 aufgenommen wurde, war damals die teuerste Single der Welt. Produzent Thomas Roy Baker erinnert sich an die irrwitzigen Aufnahmen - besonders an die Opernpassage - dieses Rockepos': "Jedes Mal wenn Freddie noch ein 'Galileo' sang, fügte ich ein weiteres Stück Band zur Spule hinzu. Allein um diesen Teil des Songs aufzunehmen, brauchten wir drei Wochen, was 1975 die durchschnittliche Zeit war für ein ganzes Album."
Home of the Stones: 1966 eröffneten im Südwesten Londons die Olympic Sound Studios. Außer The Who, Led Zeppelin und The Jimi Hendrix Experience wurden vor allem die Rolling Stones zu Dauergästen. Sie nahmen hier von Mitte der sechziger bis Anfang der siebziger Jahre sechs Alben auf. 1968 filmte der französische Regisseur Jean-Luc Godard die Band für seinen Film "Sympathy For The Devil" im Studio. Auf dem Foto spricht Godard (rechts) gerade mit Mick Jagger. Anfang 2010 ereilte die Olympic Sound Studios dann das Schicksal, das Abbey Road gerade noch erspart blieb - EMI verkaufte die Studios, um Schulden abzubauen.
Wiege des Rock'n'Roll: 1950 eröffnete Sam Phillips in der 706 Union Avenue in Memphis, Tennessee ein Tonstudio. Ursprünglich wurde es "Memphis Recording Service" genannt. Zwei Jahre später gründete er das Sun Records Label, für das er anfangs vor allem schwarze Blues- und R'n'B-Musiker wie Howlin' Wolf oder B.B. King aufnahm. Später in den Fünfzigern gaben sich hier Rock'n'Roll-, Country- und Rockabilly-Künstler wie Carl Perkins, Johnny Cash und Jerry Lee Lewis die Klinke in die Hand. 1954 machte auch der junge Elvis Presley in Phillips' Studio seine ersten musikalischen Gehversuche. Für viele gilt das Sun Studio deshalb...
...als Geburtsort des Rock'n'Roll: Heute wird das Sun Studio zum Teil als Museum genutzt. Auch der Aufnahmeraum...
...ist noch erhalten: Hier sang Elvis seine ersten Songs ein. Das alte Equipment ist zum Teil noch heute erhalten. Auch Aufnahmen werden hier noch gemacht. Die junge Frau auf dem Bild posiert jedoch nur für ein Erinnerungsfoto.