Legendäre Plattenhüllen Mission Übercover
Das sexiest Cover: "Honey". Die Ohio Players spielten in den siebziger Jahren eine ebenso heiße wie selbstironische Mischung aus Funk und R'n'B. In diesem Geiste engagierten sie für das Covershooting für das Album von 1975 den Fotografen Joel Brodsky. Und dieser lichtete die Dame mit dem Honigglas ab, als ...
... Pin-up zum Ausklappen: Ester Cordet hieß das Model und sie war - wen wundert es - Miss Oktober 1974 im "Playboy". Der Fotograf Brodsky war übrigens schon damals eine Legende unter den Coverfotografen - er hatte Jim Morrison und The Doors für mehrere Albumhüllen porträtiert.
Das erste Cover: "Smash Song Hits". Wie würden Plattencover heute wohl aussehen, wäre Alex Steinweiss 1939 nicht auf diese großartige Idee gekommen? Der junge Grafiker begriff die Hülle einer Schallplatte als erster als eine Leinwand für Farben und Formen und nicht mehr als bloße Verpackungsmasse. Sein erstes Cover war eine Einspielung der Broadway-Größen Richard Rodgers und Lorenz Hart. Dafür schnappte er sich einen Fotografen, fuhr zum New Yorker Imperial Theater an der 45. Straße - und überredete den Besitzer, seine Leuchttafel eine Stunde lang so einzustellen, dass der Schriftzug "Rodgers & Hart" erschien. Dann fügte er noch die stilisierten Rillen einer Schellackplatte hinzu - fertig war das erste gestaltete Albumcover der Welt.
Die interaktivsten Cover: "The Velvet Underground And Nico". Warhol war Pop-Art, und Pop-Art war Musik. Die Kunstform des New Yorkers spielt mit den Sinnen und verfremdet Alltägliches, indem er es in seinen Siebdruckarbeiten in ungewohnten (Klang-)Farben erstrahlen ließ. Ein Plattencover von Andy Warhol durfte deshalb alles sein, nur nicht gewöhnlich - wohl aber einen sehr gewöhnlichen Gegenstand zeigen. Heraus kam 1967 die bis heute berühmteste Banane der Welt - eine Ikone der Pop-Art- und Musikgeschichte. Auf den ersten Exemplaren der Platte war die quietschgelbe Frucht noch als Abziehbild befestigt ...
... unter der sich eine rosafarbene Banane verbarg: Die Produktionskosten hierfür waren allerdings so hoch, dass die meisten weiteren Auflagen ohne Sticker gedruckt wurden. Trotzdem designte Warhol vier Jahre später ein weiteres interaktives Cover. Es war ...
Das Bild zeigt die entblößte Banane auf einer späteren CD-Pressung des Albums.
... "Sticky Fingers": Dieses Cover war die erste Amtshandlung der Rolling Stones nach Gründung ihres eigenen Plattenlabels - sie machten auf dicke Hose und beauftragten Andy Warhol, es für sie zu gestalten. 15.000 Pfund bekam der Pop-Art-Künstler dafür und lieferte für die Platte von 1971 einen Schnappschuss unter der Gürtellinie ab - inklusive Reißverschluss zum Öffnen der Jeans. Auch wenn sich die Händler später beklagten, das Metall würde während des Transports das Vinyl beschädigen: Das Cover wurde Kult. Wer tatsächlich für die Aufnahme des Fotografen Billy Name posierte, ist bis heute nicht bekannt. Mick Jagger, so viel steht fest, war es jedenfalls nicht.
Das kostbarste Cover?: "Greatest Hits". "Ihr habt ja keine Ahnung, wie viel es gekostet hat, so billig auszusehen", sagte Dolly Parton einmal und entlarvte damit, ohne es zu wissen, die Logik des vermeintlich edelsten Plattencovers aller Zeiten: Anderthalb Millionen Euro waren die Edelsteine wert, die für das Best-Of-Album der Spice Girls von 2007 zusammengetragen wurden. Diamanten und Saphire, Smaragde und Bernstein wurden extra zusammengetragen und abgelichtet, um daraus das Wort "Spice" zurechtzustückeln. Besser wurde die Musik dadurch zwar nicht, die Mädels sahen trotzdem Sahne aus. Man kann nicht alles haben. "Wer den Regenbogen mag, muss auch den Regen ertragen." Sagte? Richtig. Dolly Parton.
Das rock'n'rollste Cover: "London Calling". Kein Bild hat den Rock'n'Roll je so auf den Punkt gebracht wie das The-Clash-Albumcover von 1979. Während eines Konzerts im New Yorker Palladium schmettert Clash-Bassist Paul Simonon seine Gitarre auf den Boden - doch bevor sie dort aufkommt, drückt die Fotografin Pennie Smith auf den Auslöser. Der Moment des totalen Kontrollverlustes, eingefangen in Schwarz und Weiß; so monumental in seinem Ausdruck, dass die Band mit der Typografie dem Altmeister himself huldigte: Der pink-grüne Schriftsatz zitiert das erste Plattencover von...
... Elvis Presley: Der Fotografin war die Aufnahme für das The-Clash-Cover übrigens viel zu unscharf. Sie wollte sie auf keinen Fall als Motiv für das Albumcover verwenden. Joe Strummer war es, der sie vom Gegenteil überzeugte.
Das vielsagendste Cover: "Ship Arriving Too Late To Save A Drowning Witch". Als Künstler die Anfangsbuchstaben seines Namens auf das Plattencover zu bringen, hinter denen sich zusätzlich noch eine Geschichte und der Albumtitel verbergen - das hat bis heute nur Frank Zappa geschafft. "Drudel" nennt sich die Form des minimalistischen Bilderrätsels, in der eine Szene mit wenigen Strichen abgebildet wird, die den Betrachter auffordert, die Geschichte zu der Zeichnung zu erraten. In diesem Fall ist es ein größeres geneigtes Dreieck und ein kleineres, die Geschichte dazu: "Schiff zu spät kommend, um eine ertrinkende Hexe zu retten". Oder alternativ: Mama Pyramide füttert Baby Pyramide. Was Zappa von der zweiten Bedeutung seines Cover-Drudels von 1982 hielt, ist nicht überliefert.
Das blödeste Cover?: "On Through The Night". Es ist ja nicht verkehrt, das Titelbild eines Albums verständlich zu gestalten - oft wird das den Ansprüchen der mitgelieferten Musik ja durchaus gerecht. Aber als die britische Band Def Leppard zum ersten Mal ihre LP "On Through The Night" von 1980 sahen, waren auch sie ziemlich ratlos. Ein Truck, der mit einer Riesengitarre auf dem Anhänger durchs All zuckelt? Hm. Def Leppard zumindest ließ den Vertrag mit den Grafikern kündigen und beauftragte fürs nächste die Grafiker der Agentur Hipgnosis - Schöpfer der legendären Pink-Floyd-Coverdesigns von "Dark Side Of The Moon" und "Atom Heart Mother". Sicher ist sicher.
Die stilprägendsten Jazz-Cover: "The Sermon!". Sie waren ein kongeniales Duo und prägten ein Jahrzehnt lang die Ästhetik der Plattencover in den USA - der Coverdesigner Reid Miles und der Fotograf Francis Wolff. Miles wurde Anfang der fünfziger Jahre vom Jazzlabel Blue Note Records unter Vertrag genommen, wo er Hunderte von Plattenhüllen gestaltete - zum Beispiel 1957 "The Sermon!" von Jimmy Smith oder auch...
..."Workout" (1961) von Hank Mobley: Wolff und Miles etablierten die Porträt- und Konzertfotografie als gängiges Mittel der Albengestaltung. So wurden sie zu Studien eines Lebensgefühls und seiner Persönlichkeiten. Miles beschäftigte Illustratoren, spielte mit Typografien, trieb die Ikonisierung der Künstler weiter voran. Komponierte aus Farbe, Licht, Menschen und Schriften. So schuf er auf den Covern das, was der Jazz für seine Hörer ohnehin immer war - eine eigene kleine Welt.
Das am kontroversten diskutierte Cover: "Virgin Killer". Sie hieß Jacqueline, war zehn Jahre alt - und sollte einer mittelmäßigen deutschen Rockband 1976 zum Durchbruch verhelfen. Die Rechnung ging auf: Über kein anderes Albumcover wird bis heute so kontrovers diskutiert wie über "Virgin Killer" von den Scorpions. In den USA war die Platte nur unter der Ladentheke erhältlich. Die Geschichte der Populärmusik hätte es sicher verkraftet, wäre das Album einfach dort liegen geblieben. Laut Designer Steffan Böhle sollte der kindliche Akt in eindeutiger Pose lediglich "einen Liedtext illustrieren, in dem es um die Jungfräulichkeit der Natur geht". Genau.
Die swingendsten Illustrationen: "Mambo For Cats". Jim Flora eckte an. Weil seine Kunst komisch war und makaber. Doch auch wenn ihn das Gros der Masse nicht verstand - Flora hatte ein wunderbares Auge. Er entdeckte den jungen Andy Warhol und arbeitete in den vierziger Jahren gemeinsam mit Alex Steinweiss, dem Erfinder des gestalteten Albumcovers, bei Columbia Records. Erst in den fünfziger Jahren legte er selbst los und entwarf als Freiberufler durchgeknallte, grellbunte, irre abstrakte Plattenhüllen. Bis heute gelten diese Illustrationen als stilprägend. Weil sie ihrer Zeit lange voraus waren. "Mambo For Cats" von 1955, eine instrumentale Broadway-Einspielung, gilt als sein berühmtestes Werk.
Das blinkendste Cover: "Pulse". Zugegeben, die hatten's nicht leicht. Was soll man als Band auch machen, wenn man musikalisch alles erreicht hat und die Plattencover dazu mit Kunst- und Designpreisen geradezu überschüttet wurden? Was kann da noch gehen? Pink Floyd müssen sich diese Frage gestellt haben, anders ist das spirituell total überfrachtete Design des Live-Albums von 1995, versehen mit einem Touch Technik in Form eines LED-Blinkdiodensystems kaum zu verstehen. Und auch sonst übertrieben sie es etwas mit der Lichtshow. Zur Premiere des Albums fuhren sie eine Lasershow vom Dach des Empire State Buildings ab.
Das erste psychedelische Cover: "Rubber Soul". Die besten Ideen entstehen oft durch den Zufall. So geschah es auch mit der Plattenhülle von "Rubber Soul" (1965), dem sechsten Album der Beatles. Um das Design des neuen Covers abzunicken, setzten sich die vier Liverpooler vor den Diaprojektor, doch bei der Simulation verrutschte die leere Plattenhülle, auf die das Motiv geworfen wurde - die Projektion wirkte irgendwie verzerrt. Die Beatles waren begeistert - genau so und nicht anders sollte das Cover ihrer neuen Platte aussehen. Für die Musikszene Mitte der sechziger Jahre war "Rubber Soul" eine solche Inspiration, dass sie eine eigene Stilrichtung begründete - die der psychedelischen Plattencover. Doch damit hatten die Fab Four erst angefangen, die Welt der Plattencover zu revolutionieren. Als nächstes kamen die Alben "Revolver" (1966) und...
..."Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band": Mit ihnen machten sie die Collage als Coverkunst salonfähig. Das Foto für "Sgt. Pepper" entstand am 30. März 1967 in Zusammenarbeit mit dem Art Director Robert Fraser und dem Pop-Art-Künstler Peter Blake. Und weil die Collage ermöglicht, eigentlich Unvereinbares zusammenzufügen, war es John Lennon, der darauf bestand, Hitler, Jesus und Elvis Presley unter die 70 Persönlichkeiten aus aller Welt zu schmuggeln. Doch keiner der drei schaffte es am Ende aufs Cover. Hitler und Jesus aus Angst davor, eine Kontroverse auszulösen - der King of Rock'n'Roll aus Gründen, die bis heute nicht geklärt werden konnten. Doch dafür versammelte das Bild Größen wie Bob Dylan, Oscar Wilde, William S. Burroughs, Einstein und Lenny Bruce um die Beatles herum - eine Gemeinschaft der "neuen freien Menschen" wie LSD-Papst Timothy Leary sie propagierte. Schon bald darauf folgte ein weiterer radikaler Klassiker des Album-Designs...
..."The Beatles", besser bekannt als "Weißes Album": So etwas wie die wohl leerste Plattenpappe aller Zeiten hatte es zuvor noch nie gegeben - ein komplett weißes Album, das nichts weiter zierte als der in Blindprägung eingestanzte Bandname und eine Seriennummer; ein kleiner ironischer Gruß an all diejenigen, die Kunst nur als etwas streng Limitiertes verstanden. "Eine lustige Vorstellung angesichts von fünf Millionen Exemplaren", kommentierte Richard Hamilton damals sein Werk. Hamilton war Maler und Grafiker und gilt als Mitbegründer der Pop-Art-Bewegung. Doch nicht immer muss ein Album ein ausgeklügeltes künstlerisches Konzept haben, um zum Klassiker zu avancieren. Das bewiesen die Beatles mit...
..."Abbey Road": Das Musikstudio lag an der Abbey Road, so sollte auch die Platte heißen. Was noch fehlte war ein gutes Motiv für die Plattenhülle. Alle blicken zum Fotografen Iain Macmillan. Der sagt: Raus, auf den Zebrastreifen, da hinten, da an der Kreuzung. Zehn Minuten hat er Zeit. So entstand das Albumcover zu "Abbey Road" von 1969 als eine Reihe von Schnappschüssen. Es ist die einzige Hülle der Beatles, auf der weder Bandname noch Albumtitel zu sehen sind. Als die LP schließlich in den Läden steht, staunt einer nicht schlecht: Der Amerikaner Paul Cole, ein Tourist, der zufällig im Bild stand, als Macmillan das berühmteste Coverfoto aller Zeiten schoss. Cole ist vor kurzem gestorben. Der VW Käfer, der auf dem Bürgersteig der Abbey Road parkte, steht heute im Volkswagen Automuseum in Wolfsburg.
Das überschätzteste Cover: "Nevermind". Okay, ein Rockstar liegt auf seinem Bett und schaltet den Fernseher ein. Er sieht einen Beitrag über Wassergeburten und Babyschwimmen und ist totaaaaal fasziniert. Das möchte er auch haben, denkt er, und zwar direkt auf dem Cover des nächsten Studioalbums. Aber da muss irgendwie noch was Gesellschaftskritisches rein. Also lässt man das Baby für das Cover von 1991 auf eine Dollarnote schielen, das Motiv ist im Kasten. Man sieht seinen Penis. Der Rockstar sagt: "Zur Not machen wir einen Aufkleber drüber: Wer das hier anstößig findet, der ist doch pädophil." Der Penis blieb, das Baby hieß Spencer Elden. Heute ist Spencer Teenager und will verzweifelt berühmt werden. Dafür gibt er ständig Interviews darüber, wie das damals alles so war, beim Fotoshooting für Kurt Cobain. So geht sie, die Geschichte zum wohl überschätztesten Plattencover aller Zeiten.