Leitfigur der Friedensbewegung Der Pazifist, der töten musste
Ehrungen am laufenden Band: Der Psychoanalytiker Prof. Horst-Eberhard Richter erhielt 2002 die Goethe-Plakette. Nur das Bundesverdienstkreuz, lehnte er, obwohl es ihm drei Mal angetragen wurde, ab. "Diese Ehrung hätten auch zu viele Altnazis erhalten", so Richter. Zeitgleich mit der Auszeichnung endete nach zehn Jahren Richters Tätigkeit als Direktor des Frankfurter Siegmund-Freud-Institutes. "Richter halte in seinen Arbeiten den Menschen einen Spiegel vor, aus dem sie lernen und sich selbst erkennen können", sagte Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) im Frankfurter Rathaus Römer. Der 85-Jährige gilt als Pionier der Familienforschung und Familientherapie, hat über 25 Bücher verfasst und sorgte vor allem in den siebziger und achziger Jahren als Leitfigur der Friedensbewegung für Aufsehen.
Langjährige persönliche Freundschaft: Für beide ging es darum aus dem erlebten Leid des Krieges etwas Tragfähiges schaffen zu wollen. Horst-Eberhard Richter stand aus Sympatie zu Willy Brandt kurz davor selber in die SPD einzutreten. Der habe ihn jedoch davon abgehalten. "Er meinte, jemand wie ich könnte als sympathisierender Analytiker von draußen besser kritisch helfen als unter Loyalitätszwang. Das habe ich beherzigt", so Richter.
Horst-Eberhard Richter als Bestsellerautor: Mit seiner Satire "Alle redeten vom Frieden" avancierte Richter 1981 zur Leitfigur der Friedensbewegung. Das Buch ging millionenfach über den Ladentisch und erschien in Auszügen als erfolgreiche Serie im SPIEGEL.
Familie Richter: Sein Vater war ein Ingenieur bei Siemens, der sich beharrlich weigerte, in die NSDAP einzutreten. Richter selber hatte seine Eltern im Krieg gedrängt aufs Land zu gehen. Im Sommer 1945 waren sie im Brandenburg und wurden dort von betrunkenen Russen erstochen.
Treffen mit dem Präsidenten der Tschechischen Republik: Václav Havel gilt als einer der führenden tschechischen Intellektuellen. Der Schriftsteller war zur Zeit der kommunistischen Herrschaft Regimegegner. Nach der Samtenen Revolution, an der er wesentlich beteiligt war, war er von 1989 bis 1992 Präsident der Tschechoslowakei. Von 1993 bis 2003 war er Präsident der Tschechischen Republik. Für das Gespräch ließ er Horst-Eberhard Richter von seiner Limousine aus Gießen abholen.
Doyen der Friedensbewegung: Horst-Eberhard Richter redet in der Friedenswerkstatt der unabhängigen DDR Friedensgruppen vor der Erlöserkirche 1984 in Ostberlin. Um zur Redefreiheit anzuregen wurde der Platz dem "Speakers Corner" im Londoner Hyde Park nachempfunden.
Einladung zu Friedensforum mit Gorbatschow: Horst-Eberhard Richter wurde im Anschluss an ein von Gorbatschow initiiertes Friedensforum zum Mitbegründer einer Initiative, die versuchte, bis zum Jahr 2000 sämtliche Atomwaffen aus der Welt zu verbannen. Mittels einer breiten Betätigung der Bürgergesellkschaft aus den Bereichen der Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und Kultur sollte der Humanismus gestärkt werden. Eine hochkarätige Gruppe: Neben Richter, waren der Friedensnobelpreisträger Andrey Sacharow, der Ex-US-Verteidigungsminister Robert McNamara, der deutsche Atompysiker Hans Peter Dürr, Susan Eisenhauer, die Nichte des ehemaligen US-Präsidenten und Gorbatschow selber Teilnehmer der Treffen.
Alte Weggefährten: Der frühere SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine (l.) stellte im Jahr 2000 ein Buch des 1923 geborenen Psychoanalytiker und ehemaligen Direktor des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main vor. Richter beschreibt in "Wanderer zwischen den Fronten" sein schrittweises Bewusstwerden in der Bestialität der Krieges.
Der Analytiker der Mächtigen: Horst-Eberhard Richter (r.) im Gespräch mit dem damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (CDU). "Weizsäcker sagte mir einmal, das der Müggelsee-Kreis einer der Orte gewesen sei, wo er am meisten gelernt hätte", erinnert sich Richter.
Wegbegleiterin des Humanismus: Hildegard Hamm-Brücher (FDP) mit Horst-Eberhard Richter.
Leider war in der ursprünglichen Bildunterschrift ein Fehler. Hier abgebildet ist Hildegard Hamm-Brücher, nicht Marion Gräfin Dönhoff. Wir bitten unsere Leser um Entschuldigung.
Müggelsee-Gesprächskreis: Seltenes Gruppenfoto des Müggelsee-Zirkels, den Horst-Eberhard Richter ins Leben rief. Die geheim und vertrauensvoll tagende Runde hatte sich zum Ziel gesetzt den Humanismus zu fördern und Intellektuelle aus Ost- und Westdeutschland zusammenbringen. (Von Links: Christa Müller, die Ehefrau des heutigen Linkspartei-Chefs Oskar Lafontaine, Gunter Hofmann, Oskar Lafontiane, Antje Vollmer (Grüne), Richard von Weizsäcker (Alt-Bundespräsident), Axel Schmidt-Gödelitz (Friedrich-Ebert Stiftung), Horst-Eberhard Richter, Egon Bahr (ehemaliger SPD-Minister unter Willy Brandt und Helmut Schmidt), Andreas Flitzner (Pädagogikprofessor Tübingen), Norbert Blüm (damals CDU-Arbeitsminister), Hans Otto Bräutigam (Landesminister Brandenburgs, parteilos)
Gruppentherapie mit hohen politischen Tieren: Im Müggelsee Gesprächskreis trafen sich an Anfang der neunziger Jahre. Ziel war es Männer und Frauen aus Ost und West und aus allen politischen Lagern zusammenzubringen um Missstimmung zwischen Ost und West nach der Wiedervereinigung auszuräumen und abseits der Öffentlichkeit frei diskutieren zu können. Dazu wurden die meistens zwei Mal pro Jahr stattfindenden Treffen wie in der Gruppendynamik organisiert. "Wir saßen ohne Tische auf Stühlen im Kreis", erinnert sich der Initiator und renommierte Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter. "Das Ziel war es die Menschen zum Zuhören zu bewegen. Keiner sollte sich hinter einem Notizblock oder Tisch verbarrikadieren können. Es gab keine Vorträge. Nur jeweils eine kurze Einführung zu aktuellen Themen." Teilnehmer von Links: Christoph Hein (Schriftsteller), Harald Schumann, Richard von Weizsäcker (damals Bundespräsident), Axel Schmidt-Gödelitz (Friedrich-Ebert-Stiftung), Dieter Klein (SED-Chefideologe), Gunter Hofmann, Elmar Brähler (Professor der medizinischen Psychologie und Soziologie), Andreas Flitner (Pädagogikprofessor Tübingen), Heino Falcke (evangelischer Theologe), Hans-Otto Bräutigam (damals Diplomat, parteilos), Klaus-Peter Schmidt.
Friedensnobelpreis für die Ärzte gegen den Atomkrieg: Mitglieder der Friedensorganisation Ärzte gegen den Atomkrieg ("International Physicians for the Prevention of Nuclear War") feiern in den USA die Verleihung des Nobelpreises an die Organisation. Der internationale Zusammenschluss von Ärzten setzt sich noch heute vor allem für die Abrüstung atomarer Waffen ein. 1985 erhielt die Organisation den Friedensnobelpreis für ihre "sachkundige und wichtige Informationsarbeit", die das Bewusstsein über die "katastrophalen Folgen eines Nuklearkrieges" in der Bevölkerung erhöhte. Die deutsche Sektion der IPPNW ist mit rund 8000 Mitgliedern die größte berufsbezogene Friedensorganisation in der Bundesrepublik. Gründungsmitglied der deutschen Sektion ist der Gießener Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter. Weltweit gibt es fast 150.000 Mitglieder aus über 50 Nationen.
Sitzungen mit der RAF-Terroristin Birgit Hogefeld: Die RAF-Terroristin Birgit Hogefeld vor Prozessbeginn im Gerichtssaal des Frankfurter Oberlandesgerichts am Dienstag, 5. November 1996. Birgit Hogefeld sprach jahrelang in Sitzungen mit dem Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter über ihre Vergangenheit. Sie erzählte Richter, wie prägend für sie das Foto des toten Holger Meins gewesen sei. Vielleicht, mutmaßt Richter, sei das ja ein besonders weibliches Phänomen: Die Identifikation mit einer Märtyrerfigur. Laut Richter erfuhr Birgit Hogefeld im Untergrund zudem, dass ihr Vater sich stolz vor den Steckbriefen brüstet: "Das ist meine Tochter." Hogefeld habe in ihrer Fantasie somit stellvertretend für Vater, die von ihm vermiedene Rebellion gegen die Nazizeit, ausgelebt.
Schulterschluss mit den Reformkräften des Sozialismus: Horst-Eberhard Richter bei einer Friedenswekstatt mit regierungskritischen Kräften 1984 vor der Erlöserkirche in Ostberlin. "Der ehemalige Justizminister Gerhard Baum hatte mir mal gebeichtet das der Verfassungsschutz mich abgehört hätte", so Richter. "Baum versicherte mir doch, dass der Verfassungsschutz wusste, das unsere Organisation, 'Ärzte gegen den Atomkrieg', sich vor einer Vereinnahmung des Ostens wehrten." Auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs wurde Richter von der Stasi abgehört.
Wenn Pazifismus jung hält: Noch mit 75 Jahren kraxelte der renommierte Psychoanalytiker und Doyen der Friedensbewegung in eisige Höhen. Hier ein Foto auf dem 5895 Meter hohen Kilimanscharo-Bergmassiv.
Treffen mit Kindern aus der Siedlung Eulenkopf: Sehr stark engagierte sich Horst-Eberhard Richter für Reformprojekte, die im Nachhall der 68er-Bewegung, das Ziel einer gesellschaftlichen Humanisierung hatten. Sein erfolgreichstes Projekt war die Hilfe für 120 Familien in der Giessener Obdachlosensiedlung Eulenkopf. Für Horst-Eberhard Richter erschöpft sich Psychoanalyse nicht nur im Reden sondern muss sich im Handeln beweisen. "Zuerst einmal wolle sich niemand helfen lassen. Die Menschen waren grob, wollten keine Hilfe, nutzten aus", erinnert sich Richter. "Doch das waren nur die typischen Abwehrmechanismen. Wir mussten lernen unsere Maßstäbe aus der Mittelschicht über Bord zu werfen. Doch nach 10 Jahren hatten wir einiges erreicht."