Liquidator in Tschernobyl - DER SPIEGEL
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Liquidator in Tschernobyl Sein Einsatz in der Todeszone

Sie betonierten den Reaktor zu, schaufelten radioaktive Trümmer, ebneten ganze Dörfer ein: Nach dem Super-GAU von Tschernobyl 1986 schufteten Tausende Arbeiter im Katastrophengebiet. Anatolij Podlesni war einer von ihnen. Auf einestages erinnert er sich an die Strahlenhölle - und die Qualen danach.
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Anatolij Podlesni: Der 72-Jährige auf seiner Datsche in der Nähe von Kiew (Foto von 2010). 1986, nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl, meldete sich der Ingenieur freiwillig als sogenannter Liquidator für die Aufräumarbeiten. "Ich wollte meinem Land helfen", sagt er. Unter den gesundheitlichen Folgen leidet er bis heute.

Foto: André Eichhofer
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Trügerische Idylle: Blick über die Stadt Tschernobyl. Vor dem Reaktorunglück lebten hier über 14.000 Menschen. Bis heute ist der Ort eine Geisterstadt, mit nur noch rund 500 Einwohnern, die nach der Evakuierung in ihre Heimat zurückgekehrt sind.

Foto: André Eichhofer
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Verlassenes Prypjat: Die Menschen erfuhren erst 36 Stunden nach dem Super-GAU von der Katastrophe. Am 29. April 1986 erschien in einer russischen Zeitung eine zehnzeilige Meldung über den Reaktorunfall. Erst am 2. und 3. Mai wurde die Bevölkerung in einem Umkreis von zehn Kilometern evakuiert. Die Bevölkerung aus einem Umkreis von 10 bis 30 Kilometern vom Reaktor wurde am 5. Mai in Sicherheit gebracht. Das Bild von 2009 zeigt Briefkästen in einem Wohnhaus in der nahe gelegenen Stadt Prypjat.

Foto: André Eichhofer
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Strahlenmessung: Im Mai 1986 messen Liquidatoren mit Hilfe eines Geigerzählers die Radioaktivität auf den Feldern in der Nähe von Tschernobyl. Notdürftig versuchten sich die Arbeiter, mit Overalls und Mundschutz vor der Strahlung zu schützen.

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Tschernobyl-Brand von 1991: Nachdem es in Block 4 des Reaktors 1986 zu einer Kernschmelze gekommen war, blieb das Kraftwerk noch bis zum Jahr 2000 in Betrieb. Doch es geschahen weitere kleinere Unfälle. Nach einem Feuer 1991 wurde Block 2 in der Turbinenhalle abgeschaltet. Das Bild vom 12. Oktober zeigt zwei Arbeiter, die Brandschutt beseitigen.

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Strahlenschutzanzüge selbstgemacht: Da das Militär 1986 nicht über adäquate Schutzkleidung verfügte, mussten sich die Liquidatoren ihre Arbeitsanzüge selbst anfertigen. Aus zwei bis vier Milimeter dicken Bleiplatten bastelten sie sich Schutzschilde, die sie über Baumwolloveralls trugen. Dann arbeiteten sie in den stark radioaktiv belasteten Zonen wie dem Dach des Reaktors.

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Arbeiten am "Sarkophag": Freiwillige Helfer befreien im September 1986, knapp vier Monate nach der Katastrophe, das Dach des Reaktors 4 von Schutt. Der havarierte Block ist heute durch einen provisorischen, durchlässigen "Sarkophag" gedeckelt. Am unteren Rand des Bildes kann man erkennen, wie die hohe Strahlenbelastung vom Boden dem Fotofilm zugesetzt hat.

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Im "Reichtmatorium": Georgij Reichtmann im Epizentrum des Super-GAUs von 1986, 40 Meter tief unter der Erde. Bis zum Unglück war Reichtmann der stellvertretende Leiter des Reaktorblocks 4. Später leitete er die Abschaltung der Anlage und den Bau der Betonkonstruktion zur Abschirmung der Abteilung. Der havarierte Reaktor 4 ist heute auch unter dem Namen "Reichtmatorium" bekannt.

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Anatoli Podlesnis Liquidator-Ausweis: Das Innenministerium der Ukrainischen Sowjetrepublik stellte für die Liquidatoren Ausweise aus, die ihnen den "Zutritt in die geschlossene Zone" gestatteten.

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"Dachkatze" Yourtchenko: General Nikolai Tarakanow, links, zeichnet im Oktober 1986 den Strahlenexperten Alexander Yourtchenko für seine Verdienste aus. Der Ingenieur aus Kaliningrad arbeitete damals auf dem Dach des Reaktors 4. Zwei Minuten Arbeit auf dem "Sarkophag" wurden den sogenannten Dachkatzen mit zwei Dienstjahren angerechnet.

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Zwei Minuten Todeszone: Liquidatoren stehen im September 1986 für ihren Dienst auf dem Dach des explodierten Reaktors 4 bereit. Die Liquidatoren sind in Gruppen von vier Mann auf das Dach des Blocks gestiegen. Drei Mann haben aufgeräumt, der vierte musste die Strahlung messen. Jeder Helfer durfte nur zwei bis drei Minuten auf dem Dach arbeiten.

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Leerstehende Schule in Prypjat: Ein verwüsteter Raum in einer Schule in Prypjat. "Überall lagen Trümmer", erinnert sich Anatolij Podlesni heute an das Bild der Zerstörung, als er 1986 als Liquidator in das Katastrophengebiet kam.

Foto: André Eichhofer
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Gefährlicher Staub: Die Strahlung in Prypjat ist unterschiedlich hoch. An einer Stelle kann sie 3000 Mikroröntgen betragen, an einer anderen nur 100 Mikroröntgen. Als der Reaktor brannte, ist der radioaktive Graphitstaub mit dem Feuer in die Luft gelangt und ist an verschiedenen Stellen runtergekommen. Das Foto zeigt ein Klassenzimmer einer ehemaligen Grundschule in der am 27. April 1986 evakuierten Stadt Prypjat.

Foto: André Eichhofer
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Straße nach Prypjat: Die Geisterstadt ist ungefähr vier Kilometer vom Reaktor entfernt. Der Zutritt nach Prypjat ist nur mit einer Sondergenehmigung möglich. Doch das "Ukrainische Ministerium für die Beseitigung der Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl" organisiert begleitete Touren in das Katastrophengebiet.

Foto: André Eichhofer
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Sperrzone Tschernobyl: Der Unglücksreaktor im Jahr 2009.

Foto: André Eichhofer
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Nach der Katastrophe: Das ukrainische Atomkraftwerk Tschernobyl etwa ein halbes Jahr nach dem Super-GAU. Im Vordergrund ist der zerstörte Reaktorblock 4 zu sehen, in dem sich am 26. April 1986 eine Explosion ereignete, die zum weltweit schwersten Reaktorunfall führte. Nach Schätzungen wurden rund 600.000 Menschen einer starken Strahlenbelastung ausgesetzt. 125.000 Helfer sind nach Informationen der WHO heute schwer erkrankt.

Foto: dpa
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Ein halbes Jahr nach dem Einsatz: Ein Arzt behandelt in einer Moskauer Klinik einen Liquidator, der im Katastrophengebiet von Tschernobyl im Einsatz war. 90 Prozent der Arbeiter sind nach Angaben der Registraturbehörden in Russland, der Ukraine und Weißrussland heute schwer erkrankt.

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Störender Mundschutz: "Man konnte mit ihm nicht arbeiten, konnte keine Kommandos geben", erzählt Liquidator Anatolij Podlesni, der schließlich die Maske nur für eine halbe Stunde am Tag trug. Nach zehn Tagen verlor er dadurch für kurze Zeit seine Stimme.

Das Bild zeigt einen Soldaten bei Aufräumarbeiten in der Sperrzone im Oktober 1989.

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Abrisskommando: Auch Jahre nach dem Super-GAU sind Liquidatoren in den umliegenden Dörfern im Einsatz. Hier ist im September 1992 eine Gruppe von Arbeitern auf dem Weg zu einem verseuchten Dorf im Narodytsky-Distrikt in der Nähe der Stadt Zhytomyr im Norden der Ukraine. Das evakuierte Dorf soll abgerissen werden.

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Liquidatoren-Denkmal: Etwa 600.000 Katastrophenhelfer wurden eingesetzt, um die Folgen des Unglücks zu beseitigen. Rund 14.000 Liquidatoren sind 2009 in der Ukraine an den Folgen der Strahlung gestorben. Diejenigen, die als erstes am Katastrophenort waren, werden "heilige Liquidatoren" genannt.

Foto: André Eichhofer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?