Polizei-Dokumentation Chronik der Love-Parade-Katastrophe
Das Love-Parade-Gelände
Rechts eine Satellitenaufnahme des Alten Güterbahnhofs von Duisburg, links ein Luftbild am Tag des Unglücks. Deutlich erkennbar: Das Areal liegt zwischen Autobahn und Bahnflächen. Einziger Zugang: die Tunnelanlage von West nach Ost. In der Mitte dieser Tunnelanlage ist die Hauptrampe, die auf die Partyfläche nach oben führt. Links davon ist eine kleine Seitenrampe, die als Ersatzausgang dient und nicht durchgängig geöffnet war. (Unmittelbar neben der Autobahn befindet sich außerdem eine Böschung von der Tunnelstrecke nach oben, über die sich nach dem Unglück viele Menschen gerettet haben.) Weil Ein- und Ausgang nicht voneinander getrennt waren, konnten Menschenströme aus zwei Richtungen aufeinandertreffen - ein Faktor, der Massenpaniken begünstigt.
Die Argumentation der Polizei
Die Polizei hat diesen Plan für das Love-Parade-Gelände vorgelegt. Zu sehen sind:
Rot: Das Partygelände.
Violett: Diese Wege sollten die Teilnehmer benutzen - eine Route vom Westen her, eine vom Osten her. Beide Routen beginnen zwei Kilometer nördlich des Partygeländes am Hauptbahnhof.
Gelb: Von Norden nach Süden läuft die Autobahn direkt am Partygelände vorbei; als Zugangsweg war sie allerdings nicht vorgesehen.
Die anderen Farben beschreiben weitere Polizei- und Sicherungseinrichtungen.
Was laut Polizei am Tunnel passierte
Mit einem grünen Kreis sind links und rechts der Tunnelanlage die Einlässe markiert; auch sogenannte Personenvereinzelungsanlagen wurden hier aufgestellt (dazu später mehr). Die Polizei war für die Wege bis zum Veranstaltungsgelände verantwortlich - aber nicht mehr auf dem Gelände selbst, darauf legt sie Wert. Im Laufe des Nachmittags habe sich ein Rückstau auf dem Partygelände gebildet. Als die Sicherheitskräfte des Veranstalters offensichtlich überfordert damit gewesen seien, diesen Rückstau aufzulösen, sei die Polizei um 15.30 Uhr zu Hilfe gerufen worden, damit sie eine Kette auf halber Höhe der Zugangsrampe errichten helfe. Daraufhin wurden drei Polizeiketten unmittelbar an der Aufgangsrampe zum Gelände gebildet - sie sind in der Bildmitte zu sehen: zwei im Tunnel, eine direkt auf der Rampe. Im nächsten Bild sehen Sie eine Detailaufnahme davon.
Wann die Polizei die Wege sperrte
Sperrlinie 1 war in der Tunnelanlage auf der westlichen Seite - direkt neben der kleinen Seitenrampe, die als Ausgang diente. Hier sollte der Besucherstrom gestoppt werden, bevor er zur Hauptrampe gelangen konnte, um die Situation dort zu entspannen.
Sperrlinie 2 war in der Tunnelanlage auf der östlichen Seite, mit dem gleichen Ziel wie die erste. Beide Sperrlinien wurden fast zum gleichen Zeitpunkt errichtet und dann genau gleichzeitig geöffnet - denn die Polizisten sind nach Darstellung der Ermittler nicht mehr in der Lage gewesen, die Besucher aufzuhalten. Sie mussten demnach dem Druck nachgeben.
Sperrlinie 3 war auf der Hauptrampe. Sie sollte Besucher laut Polizei davon abhalten, auf das Festivalgelände zu kommen, weil sich dort die Massen nicht schnell genug verteilt hätten. Noch nach dem Brechen der ersten beiden Sperrlinien wurde diese Blockade aufrechterhalten. Polizisten berichten, sie seien von nachdrängenden Ravern angegriffen und bepöbelt worden. 26 Minuten nach den anderen beiden wurde der Darstellung zufolge auch diese Sperrlinie aufgegeben, weil es nicht mehr anders gegangen sei.
Die fatale Treppe: Ein kleiner, schlecht gesicherter Aufgang vom Tunnelende auf das Gelände wurde von einzelnen Ravern benutzt, um entweder der qualvollen Enge zu entkommen - oder einfach schneller auf das Gelände zu gelangen. Sie rissen dafür Absperrgitter ein, die sie an der Benutzung der Treppe eigentlich hindern sollten. Diese zerstörten Gitter wurden nach Darstellung der Polizei vermutlich zur Stolperfalle. 14 Menschen sind demnach am Fuß dieser kleinen Treppe umgekommen - zerquetscht, schwer am Brustkorb verletzt, erstickt.
Die Polizei berichtet, um 17.02 Uhr seien ihr erste Opfer auf der Rampe gemeldet worden, 22 Minuten nach Öffnung von Sperrlinie 3.
Die Polizeiaufnahmen vom Partygelände
16.28 Uhr: Blick von Nord nach Süd auf den Alten Güterbahnhof. Oben in der Mitte der Aufnahme befindet sich in etwa das Ende der Hauptrampe, die allerdings nicht im Bild ist. Dafür sieht man die Ungleichverteilung der Menschen auf dem Gelände: Viele ballen sich im Süden, wo gerade Float-Partytrucks die Menschen unterhalten. Die Polizei beklagt, dass durch diese Attraktion die Menschen zu langsam von der Hauptrampe weggekommen seien. Die sogenannten Pusher (Drücker) seien daran gescheitert, ein zügiges Vorankommen weg vom Eingang zu gewährleisten.
16.30 Uhr: Blick von Norden nach Süden auf die Hauptrampe (l.). Man sieht, wie sich dort an einer Linie die Menschen stauen: Das ist die Sperrlinie 3, die noch bis 16.40 Uhr aufrechterhalten wird. Menschen versuchen trotzdem, über die kleine Treppe, einen Container und Lichtmasten aus dem Tunnelbereich nach oben auf das Gelände zu kommen. Auf der Haupt- und Seitenrampe (darüber) versuchen Menschen nach Angaben der Polizei, das Gelände zu verlassen - was die Situation nicht erleichtert.
16.43 Uhr, Übersicht: Blick von oben auf die Hauptrampe (r.) und Seitenrampe (l.). Vor drei Minuten ist die Sperrlinie 3 geöffnet worden, Menschen strömen auf der Hauptrampe auf das Gelände. Deutlich sichtbar: Am unteren Ende ballen sich viele Teilnehmer zusammen, sie kommen nicht schnell genug nach oben, zumal es rechts an der Hauptrampe durch Fahrzeuge enger wird.
16.43 Uhr, Aufnahme zwischen Tunnelausgang (unten) und kleiner Treppe (oben): Als die Menschen sich auf der Rampe in Richtung Gelände zu bewegen beginnen, wird dieser Bereich zur Todesfalle. Viele Menschen drängen zu der kleinen Treppe, die Situation wird noch schlimmer, die Raver stauen sich, werden eingequetscht, treten sich tot - hier kommt es zur Massenpanik, hier kommen die 14 unmittelbar auf dem Partygelände Getöteten ums Leben.
Wieso wurden überhaupt so viele Menschen zur Rampe vorgelassen?
Mit dieser Grafik einer sogenannten Personenvereinzelungsanlage erklärte die Polizei das Schema, wie die beiden Einlässe westlich und östlich des Tunnels reguliert werden sollten. Das bürokratische Wort steht dafür, dass man mit solchen Sperren große Menschenmengen kanalisieren, Sicherheitschecks unterziehen und verlangsamen kann. Diese Anlagen waren bei der Love Parade in der Verantwortung des Veranstalters. Zugesagt war, dass maximal 30.000 Menschen pro Stunde hier durchkommen. Das Ordnungspersonal sei allerdings überfordert gewesen, sagt die Polizei und wirft den Veranstaltern vor: Als die Sperrlinien im Tunnel und auf der Rampe errichtet wurden, habe man vereinbart, die Einlässe zur Tunnelanlage dichtzumachen. Dem sei der Veranstalter aus ungeklärten Gründen nur teilweise nachgekommen.