Mafia-Fotografin Battaglia "Verschwinde, sonst bist du tot"
Der stille Tod: Nur wenige Minuten, nachdem Mafiosi diesen Mann erschossen hatten, traf Letizia Battaglia am Tatort ein. Am meisten habe sie das Unwirkliche an der Szenerie bedrückt: »Das Ganze glich einem Theaterstück, es herrschte absolute Stille«, so Battaglia. Aufgenommen hat sie den Toten 1980 in Palermo.
»Rote Primel« der Mafia: Mafiaboss Luciano Liggio, 1958 bis zu seiner Verhaftung 1974 Anführer der Cosa Nostra, auf dem Weg zum Justizgebäude in Palermo. »Er legte ein unglaublich arrogantes Verhalten an den Tag. Es schien mir fast, als würde er die Polizisten führen, die ihn an der Kette hielten und nicht andersrum«, so Battaglia. Nach Schätzungen der Polizei war der aus armen bäuerlichen Verhältnissen stammende Sizilianer für etwa 30 Morde direkt oder indirekt verantwortlich. 1993 verstarb der auch als »rote Primel« bezeichnete Verbrecher in einem Gefängnis auf Sardinien an einem Herzinfarkt.
»Nicht an die Spielregeln gehalten«: Das Foto zeigt die Prostituierte Nerina und zwei ihrer Freunde. Nerina dealte auch mit Drogen – sie wurde 1982 in Palermo von der Mafia erschossen, »weil sie sich nicht an die Spielregeln gehalten hatte«, so Battaglia. Ihre Freunde hatten sich nichts zuschulden kommen lassen – außer dem Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.
Der Schmerz der Überlebenden: Drei Killer ermordeten 1980 in Capaci den Besitzer des Hotels Costa Smeralda – weil er der Polizei verraten habe, wo sich eine Drogenfabrik befand, so Battaglia. Verzweifelt schrie diese Frau ihre Trauer heraus, »sie glaubte, dass der Getötete ihr Sohn sei. Doch er war es nicht.«
Tod im Wagen: Der Tote, ein reicher Juwelier namens Ignazio Romeo, der außerdem als Politiker im Parlament saß, wurde vor den Augen seiner Frau von zwei sehr jungen Killern erschossen. »Man hat nie herausbekommen, warum die Mafiosi ihn ermordet haben«, so Battaglia, die das Mafiaopfer 1984 in der Stadt Bagheria fotografierte.
Rosaria Schifani: Die Witwe des Leibwächters Vito Schifani, der beim Attentat auf Anti-Mafia-Richter Giovanni Falcone 1992 in Capaci von Killern getötet wurde. Battaglia fotografierte die Witwe ein Jahr nach dem Attentat in Palermo.
Spaß am Kriegsspiel: Lächelnd zielt der sizilianische Junge mit der Strumpfmaske auf sein Gegenüber. »Der Junge hat die Spielzeugwaffe zu Allerseelen (Festa dei Morti, Feiertag am 2. November) bekommen und spielt das nach, was er im Fernsehen und bei den Großen sieht«, so Battaglia. Sie fotografierte den Jungen 1982 in Palermo.
Todesurteil Armut: Dieser Mann ist nur indirekt ein Opfer der Mafia. Um seine Familie ernähren zu können, stahl der Mittellose Kupfer aus einem Gully des Stromversorgers ENEL – und wurde von einem elektrischen Schlag getroffen. Aufgenommen 1976 in Palermo.
Junger Drogendealer: Das Foto zeigt einen jungen Drogendealer bei seiner Festnahme in Palermo 1976. »Er ist nur einer von vielen Jugendlichen, die Drogen verkaufen, weil sie ein schönes Moped oder Markenkleidung besitzen wollen«, so Letizia Battaglia.
Ungläubige Wut: Bewohner aus Borgo Vecchio, einem Viertel Palermos, trauern mit der Witwe und ihrer kleinen Tochter um einen von der Polizei erschossenen Räuber. »Der junge Mann war flüchtig, weil er sich nicht ergab, eröffneten die Beamten das Feuer«, erinnert sich Battaglia (aufgenommen 1986 in Palermo).
Unheilige Geschäfte: Nach einer Osterprozession in Trapani 1992 zählen Männer das von den Gläubigen als Kollekte gespendete Geld. »Als ich abdrückte, teilten sie das Geld gerade unter sich auf«, so die Fotografin Letizia Battaglia.
Staatsanwalt in Lebensgefahr: Seit 1989 steht der Staatsanwalt Roberto Scarpinato unter ständigem Personenschutz. »Tag und Nacht ist er von Bodyguards umgeben«, so Battaglia. Zehn Jahre lang kämpfte der Mafiajäger als Chefankläger im Prozess gegen den langjährigen italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti. Doch selbst ein wichtiges Beweisfoto von Letizia Battaglia, das den Politiker in trautem Gespräch mit einem Verbindungsmann der Mafia zeigt, konnte den Politikern nicht ins Gefängnis bringen: Der Prozess endete 2003 mit einem Freispruch wegen Verjährung.
Stumme Trauer: Verweifelt blickt diese alte Sizilianerin in die Kamera, in der Hand hält sie ein Bild ihres Sohnes. Er verschwand eines Tages und tauchte nie wieder auf (aufgenommen 1984 in Mazzarino).
Recht auf Kindheit: Ein junges Mädchen mit einem Fußball, aufgenommen 1980 in La Cala, dem Hafenviertel Palermos. Zornig blickt es in die Kamera Battaglias, so als wolle es sich ein Recht auf Kindheit einfordern, aller Armut, Gewalt und allem Leid zum Trotz.
»Wächterin der Wahrheit«: 1935 in Palermo geboren, kämpfte Letizia Battaglia jahrelang mit der Kamera gegen die grausamen Verbrechen der Mafia. »Es war kein Mut, der mich so handeln ließ, sondern ein natürlicher Drang«, sagte die Fotografin. Später war Battaglia davon überzeugt, ihren Kampf verloren zu haben. »All mein Kämpfen hat nichts genutzt«, lautete ihr bitteres Fazit. Als »Wächterin der Wahrheit« habe sie mal eine Facebook-Userin bezeichnet, erzählte Battaglia.