Mammutprojekt Erdgastrasse Das Rohr zur Freiheit
Bittere Kälte: Trassniks isolieren ein Rohr an einem Bauabschnitt im Ural. Die Arbeiter hatten mit extremen Wetterbedingungen zu kämpfen: Wurde es im Winter bitterkalt, stiegen die Temperaturen im Sommer auf über 40 Grad - und in den Tauperioden verwandelte sich die Erde in eine Matschlandschaft.
Kraftmeier: Zwei Trassenbauer posieren im Frühsommer 1988 nahe des Kaspischen Meers in Kasachstan für den Fotografen
Rohr-Spaziergang: Zwei Trassniks nutzen das im Boden versenkte Rohr als Fußweg - was in jedem Fall bequemer war als ein Marsch durch die lehmige Erde längs der Trasse
Material vom Klassenfeind: Per Zug gelangten die in der Bundesrepublik von Mannesmann gefertigten Rohre an die Trasse. In Dubna, südlich von Moskau, wurden sie entladen und von hier aus...
...per Laster weiter zur Baustelle transportiert (aufgenommen in Mittelrussland im Winter 1983).
Auch das übrige zum Trassenbau nötige Material und Werkzeug - von der Bohrmaschine über die Handkreissäge bis hin zur Raupe - stammte häufig aus dem Westen.
Auf Trassentournee: Um die Motivation der Trassniks zu fördern, floss jede Menge Exportbier und Schnaps - zudem gingen regelmäßig Künstler aus der DDR auf Trassentournee in den Osten.
Das Foto zeigt Dirk Michaelis, Frontmann der DDR-Rockband Karussell, zu Gast bei Trassenbauern in der Ukraine (aufgenommen im Sommer 1985).
Spitzname "Mädchen": Frank Michael Wagner bei seinem ersten Einsatz an der Drushba-Trasse im Winter 1977. Der Thüringer arbeitete dort auf einer Außenbaustelle mitten im ukrainischen Wald als Zimmermann. Seiner langen Haare wegen verpassten ihm die Trassenkollegen den Spitznamen "Devushka" (Mädchen). Die ukrainischen Frauen hingegen tauften ihn "Rasputin" - und bestaunten ihn, so Wagner, "wie einen Alien".
Das große Fressen: Weihnachten 1983 mussten diese Trassenbauer im russischen Bezirk Lipezk, Tausende Kilometer fern ihrer Familien verbringen. Ein kleiner Trost: das fürstliche Buffet mit zahlreichen Delikatessen aus dem Westen - in der Heimat als begehrte Bückware gehandelt.
Mit exzellenter Verpflegung, oftmals von Köchen aus den Interhotels der DDR zubereitet, sollten die Trassniks bei Laune gehalten werden. Zur Unterhaltung...
...rollte das sogenannte Diskomobil, also ein mit Musik und DJ bestückter Lastwagen, von Baustelle zu Baustelle und sorgte an Feiertagen für ausgelassene Stimmung.
Für den Weltfrieden: Betriebsversammlung in der Traglufthalle von Perwomajski, gelegen im Bauabschnitt Mittelrussland. Ein Funktionär aus Berlin war angereist, um die Trassniks zu motivieren. Die Arbeit an der Trasse trage entscheidend zum Weltfrieden bei, lautete ein beliebter Propagandaslogan.
Vermessung: Bevor es an den Bau des nächsten Trassenabschnitts ging, kamen die Vermesser - jede Biegung, jede Erhebung, jedes Hindernis musste genau kartiert werden.
Schlammschlacht: Dieser Raupenlader quälte sich im März 1983 durch den Matsch in Mittelrussland. Bei Regen oder Tauwetter verwandelte sich die Erde längs der zu errichtenden Erdgastrasse oftmals in eine Sumpflandschaft. Immer wieder blieben Fahrzeuge und Arbeiter im Schlamm stecken.
Festgefahren: Trassenbauer beim Versuch, einen liegengebliebenen Bus wieder flott zu kriegen - an jenem Tag im Winter 1986 im Ural zeigte das Thermometer laut Fotograf 52 Grad unter null an.
Eingelegte Bananen und Edelsalami: Gemeinsam mit Einheimischen kommen diese Trassenbauer im Ural in den Genuss eines wahren Festschmauses. Zu den Delikatessen, die in der DDR oftmals gar nicht oder nur schwer zu bekommen waren, zählten eingelegte Bananen, Edelsalami, Ananas und Halberstädter Würstchen.
Knochenjob: Per Dieselramme wurden Fundamentpfähle aus Beton in den Boden getrieben. Die Arbeitszeiten an der Trasse waren hart. An sechs Tagen in der Woche wurde zwälf bis 14 Stunden gearbeitet - und das rund drei Monate lang. Danach wurden die Trassniks in den Heimaturlaub geschickt.
Kraftakt: Um die Rohre zu schützen, umwickelten die Arbeiter sie mit selbstklebendem Isolierband. Rund 25.000 DDR-Bürger wirkten seit 1975 am Bau der Erdgastrassen mit - zwischen Ural und Karpaten legten sie rund 1750 Kilometer Rohrleitung. Die Kosten für die beiden Pipelines beliefen sich späteren Berechnungen des Bonner Wirtschaftsministeriums zufolge auf rund sieben Milliarden Mark.
Deutsch-sowjetische Freundschaft: Trassenhochzeit in der westukrainischen Stadt Stryi. Zahlreiche DDR-Arbeiter fanden in den Dörfern längs der Trasse die Liebe ihres Lebens - was von den sowjetischen Behörden nicht gern gesehen wurde.
Die Frischvermählten ließen sich das Feiern dennoch nicht nehmen: Auf die Trauzeremonie im Standesamt sowie die Kranzniederlegung vor dem Denkmal Lenins folgte ein in der Regel drei Tage lang währendes, rauschendes Fest.
Funkenregen im Eis: Schweißer bei der Arbeit im Ural, 1987. Um die Fachkräfte für die Arbeit an der Trasse zu begeistern, lockte die DDR-Führung mit zahlreichen wirtschaftlichen Anreizen: Außer dem normalen Lohn gab es einen "Trassenzuschlag" von 20 bis 25 Mark pro Tag.
Zudem erhielten Arbeiter, die drei Jahre lang durchgehalten hatten, die "Autokarte": einen Sonderbezugsschein für einen Pkw, der die Wartezeit deutlich verkürzte.
"Kampfgewinn für den Frieden": Feier zum Abschluss eines Trassenabschnitts im Ural, Januar 1988. Über das Rohr hinweg reichen sich der russische (links) und ostdeutsche (rechts) Trassnik die Hände. Auf dem Banner im Hintergrund prangt die Losung "Effektivitätsgewinn - Kampfgewinn für den Frieden".
FDJ-Trassenparty: Feier anlässlich des 40. Geburtstags der FDJ, aufgenommen im März 1986 im Ural. Auf diesem Foto sind ungewöhnlich viele Frauen zu sehen: Normalerweise betrug das Verhältnis von Männern zu Frauen im Trassenalltag etwa 1:15 - weshalb die wenigen Frauen vor Ort "auf Händen getragen wurden", so Frank Michael Wagner im einestages-Interview.
Bierselig: Zwei Arbeiter im "Malachit-Express", wie die russische Zugverbindung zwischen Moskau und dem Ural im Trassen-Jargon genannt wurde.
Schlamm-Reporter: War Frank Michael Wagner an der Drushba-Trasse als Zimmermann beschäftigt, reiste er ab 1983 als Reporter und Schriftsteller regelmäßig in die Sowjetunion, um über das Leben der Trassniks zu berichten. Heute ist er Pressesprecher der thüringischen Stadt Rudolstadt.