Matrosenaufstand Wilhelmshaven 1918 - DER SPIEGEL
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Meuterei in Wilhelmshaven Die Wut der Matrosen

Als in Kiel Matrosen rebellierten, begann die Novemberrevolution und endete das Kaiserreich. Der erste Funke aber zündete in Wilhelmshaven. Dort waren Admiräle sogar bereit, die eigenen Schlachtschiffe zu versenken.
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Schießbefehl erteilt: Ende Oktober 1918 rebellierten in Wilhelmshaven die Soldaten gegen die sinnlose Verlängerung des Ersten Weltkrieges. Flottenchef Franz Ritter von Hipper (3.v.l.) verfolgte gegenüber den meuternden Matrosen eine harte Linie und war sogar bereit, die eigenen Schiffe zu versenken.

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Größte aller Seeschlachten: Die deutsche Hochseeflotte griff während des ersten Weltkrieges nur selten ins Kampfgeschehen ein. Lediglich 1916 kam es gegen die britische Flotte zur sogenannten Skagerrakschlacht. Fast 9000 Männer starben; die deutsche Marine und die Royal Navy feierten sich danach beide als Sieger.

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Gewaltiges Gefecht in der Nordsee: Auch das Großlinienschiff "Thüringen" beteiligte sich 1916 an der Skagerrakschlacht, wie der Marinemaler Claus Friedrich Bergen künstlerisch festhielt. Zwei Jahre später sollte die "Thüringen" erneut im Zentrum des Geschehens stehen.

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Todesurteile: Die schlechte Versorgungslage an Bord führte bereits 1917 zu Befehlsverweigerungen auf einigen Kampfschiffen. Die Marineleitung griff eisern durch. Hunderte Matrosen wurden verhaftet, der Matrose Max Reichpietsch (r.) und der Heizer Albin Koebis (l.) wurden zum Tode verurteilt und erschossen. Sie zählten zu den Organisatoren des großen Aufmarsches der Matrosen von Wilhelmshaven über den Deich nach Rüstersiel. Der Heizer Heinz Beckers (Mitte) wurde ebenfalls zum Tode verurteilt, aber begnadigt.

Foto: Ingo wagner/ picture-alliance/ dpa
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Schussbereit: Gegen die meuternden Matrosen auf der "Thüringen" ließ Flottenchef Franz Ritter von Hipper Torpedoboote auffahren. Der Schießbefehl war bereits erteilt, als im letzten Moment die Matrosen doch noch aufgaben.

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Schlachtschiff "Helgoland": Mit viel Geld rüstete das deutsche Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg seine Flotte auf. Gebaut wurde auch die 1909 vom Stapel gelaufene "Helgoland". Wie auf der "Thüringen" rebellierten 1918 auf der "Helgoland" Matrosen gegen den geplanten Flottenvorstoß kurz vor Kriegsende.

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"Bevölkerung Kiels bleib ruhig": In Kiel bekam die Meuterei der Matrosen schließlich eine neue Qualität. Auch die streikerprobten Arbeiter der Ostseestadt solidarisierten sich mit den protestierenden Soldaten. Die Revolution nahm an Fahrt auf, Zehntausende Menschen - Soldaten wie auch Zivilisten - gingen auf die Straße.

Foto: ullstein bild/ SZ Photo
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Die Zeit der Räte: Viele revolutionär gesinnte Soldaten schlossen sich zu sogenannten Soldatenräten zusammen, auch auf dem Linienschiff "Prinzregent Luitpold". Freudig verkündeten die Matrosen: "Es lebe die sozialistische Republik".

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Wachen überwältigt: Von Kiel aus griff der Aufstand auch wieder nach Wilhelmshaven über. Am 6. November gingen rund 10.000 Soldaten zusammen mit Werftarbeitern der Stadt auf die Straße und stürmten unter anderem das Untersuchungsgefängnis in der Königstraße.

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Ein großer Protestzug drängte sich am 6. November durch die Wilhelmshavener Straßen. Revolutionär eingestellte Soldaten und Arbeiter forderten die Errichtung einer sozialistischen Räterepublik.

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Flaggenwechsel: Revolutionäre Soldaten hissten am 8. November 1918 in Wilhelmshaven die rote Flagge, die Reichskriegsflagge wurde entfernt - ein Akt von höchster Symbolik. Kaiser Wilhelm II. hatte vor dem Krieg den "Ehrerhalt der Flagge" von seinen Offizieren gefordert. "Die Flagge ist für den Mann das Symbol der Treue", war der Kaiser überzeugt. Durch den Flaggenwechsel kündigten die Soldaten dem Kaiser ihre Treue auf.

Foto: akg-images
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Die Flotte sieht Rot: Auf immer mehr Linienschiffen der Marine wehte Anfang November 1918 die rote Flagge. Ein Korvettenkapitän schrieb später voller Verachtung: "Widerlich und herzzerreißend war der Anblick unserer einst so stolzen Flotte und der roten Lappen der Meuterer. Ganz Wilhelmshaven versank in der Flut roten Flaggentuches."

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Der Kaiser hat abgedankt: Die Nachricht aus Berlin, dass der SPD-Politiker Philipp Scheidemann am 9. November 1918 die Republik ausgerufen hatte, führte in Wilhelmshaven zu einem Freudenfeuerwerk. Solange der Vorrat reichte, schossen die Soldaten von ihren Schiffen Signalraketen und Signalsterne in die Wilhelmshavener Nacht.

Foto: ullstein bild/ SZ Photo
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Die Revolution breitet sich aus: Was in Wilhelmshaven seinen Anfang genommen hatte, griff auf immer mehr deutsche Städte über.

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Frust an Bord: Das Tagebuch des Matrosen Richard Stumpf, das hier von Stephan Huck, dem Leiter des Deutschen Marinemuseums in Wilhelmshaven, begutachtet wird, gilt als eines der wichtigsten Zeugnisse über den zermürbenden Alltag an Bord der Kriegsschiffe.

Foto: Carmen Jaspersen/ picture alliance / dpa
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Ein Matrose geht voran: Auch nach Berlin schwappte die Revolution schließlich. Die Menschen gingen auf die Straßen. An der Spitze des Protestzuges lief, die rote Flagge schwenkend, der Kieler Matrose Johann Marx.

Foto: Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte / Kunstbibliothek, SMB, Photothek / Willy Römer / Gebrüder Haeckel
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Streit um Sold: Wenige Wochen nach den Ereignissen von Kiel und Wilhelmshaven kam es in Berlin zu den sogenannten Weihnachtsunruhen zwischen der Volksmarinedivision und regierungstreuen Truppen. Auslöser waren einige Diebstähle im Berliner Stadtschloss, in dem die Marinedivision Quartier bezogen hatte. Als daraufhin deren Sold einbehalten wurde, eskalierte die Situation.

Foto: ullstein bild/ SZ Photo
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Blutbad an Heiligabend: Wo einst kaiserliche Kutschen, Pferde und Schlitten untergebracht waren, hatte im Winter 1918 die Volksmarinedivision Quartier bezogen. An Heiligabend 1918 kam es im Marstall und im Stadtschloss zu schweren Kämpfen zwischen Regierungstruppen und der Volksmarinedivision. Knapp 70 Soldaten starben, bevor sich die Regierungstruppen zurückzogen.

Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-N0904-314
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Schluss mit der Monarchie: Am 9. November verkündete Reichskanzler Max von Baden eigenmächtig die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. (Bild). Die Aufständischen fürchtend, flüchtete der letzte deutsche Kaiser in die Niederlande. Wilhelm II. lebte bis zu seinem Tod 1941 auf einem Anwesen in der Nähe von Utrecht.

Foto: dpa/ picture-alliance/ dpa
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"Es wird nicht geschossen": Das SPD-Blatt "Vorwärts" verkündete am 9. November 1918 die Abdankung des Kaisers.

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Die Aufrufe, auf Waffengewalt zu verzichten, wurden befolgt: Zumindest im November blieb die Revolution weitgehend friedlich. Erst an Weihnachten 1918 brachen in Berlin Kämpfe aus.

Foto: Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte / Geheimes Staatsarchiv, SPK / Bildstelle GStA PK
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Ende des Kaiserreiches: Am 9. November rief der SPD-Politiker Philipp Scheidemann von einem Balkon des Reichstagsgebäudes die Republik aus.

Foto: DPA
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Marxist Karl Liebknecht rief 14 Stunden nach Scheidemann eine "freie, sozialistische Republik" in Deutschland aus. Sein Konzept einer Räterepublik konnte sich allerdings nicht durchsetzen. Wenige Wochen später wurde Liebknecht zusammen mit Spartakusbund-Mitgründerin Rosa Luxemburg in Berlin erschossen - von Marineoffizieren.

Foto: B. Boury/ Getty Images
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