Meinhof-Selbstmord "Gib auf, Ulrike!"
Kindheit im Krieg: Ulrike Meinhof (hier als Fünfjährige beim Weihnachtsfest) wurde am 7. Oktober 1934 in Oldenburg geboren. Zwei Jahre später zog ihre Familie nach Jena, wo ihr Vater als Kunsthistoriker Direktor des Stadtmuseums wurde. Nachdem der Vater schon 1940 an Krebs gestorben war, wuchs Meinhof mit ihrer Mutter und deren Freundin Renate Riemeck auf, die nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 wieder nach Oldenburg zogen. In Ulrike Meinhofs Kindheit und Jugend deutete nichts darauf hin, dass sie später zu einem der Köpfe des RAF-Terrorimus werden sollte.
Früh zum Journalismus: Ulrike Meinhof war in Oldenburg und Wuppertal zur Schule gegangen und machte 1955 in Weilburg das Abitur. Sie begann in Marburg Philosophie, Pädagogik, Soziologie und Germanistik zu studieren und wurde als Hochbegabte von der Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert (wie auch Gudrun Ensslin; beide kamen aus christlich geprägten, bildungsbürgerlichen Elternhäusern). 1957 wechselte Meinhof an die Uni in Münster, wo sie sich dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) anschloss. Nach ersten Texten für Studentenblätter begann sie 1959 für das linke Hamburger Monatsblatt "Konkret" zu schreiben und wurde 1960 Chefredakteurin. Dort in der Redaktion entstand dieses Bild 1962.
Intensives Interesse am Holocaust: 1964 interviewte Ulrike Meinhof für den NDR den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Der ursprünglich polnische Jude war fasziniert vom Ernst der jungen Frau und berührt, weil sie die erste Deutsche gewesen war, die den Holocaust-Überlebenden genau nach seinen Erfahrungen im Warschauer Ghetto fragte. Das Foto zeigt ein Treffen der beiden 1967 auf Sylt, im Feriendomizil der linksliberalen Hamburger Szene.
Fernseh-Autorin: Ulrike Meinhof interessierte sich für Mädchen in geschlossenen Heimen. Bei ihren Recherchen lernte sie Irene Goergens kennen (hier bei den Dreharbeiten 1969 rechts von ihr sitzend), die ebenfalls zur ersten Generation der RAF stieß. Meinhof schrieb für den Südwestdeutschen Rundfunk das Drehbuch für ein 90-minütiges Fernsehspiel "Bambule", über eine Revolte in einem Berliner Mädchenheim. Nachdem Meinhof bei der Befreiungsaktion von Andreas Baader am 14. Mai 1970 dabei war, wurde die Ausstrahlung abgesetzt. Erst 1994 zeigten die dritten ARD-Programme "Bambule".
Beeindruckt von Brandstiftern: Thorwald Proll, Horst Söhnlein, Andreas Baader und Gudrun Ensslin (von links nach rechts) legten am 2. April 1968 in zwei Frankfurter Kaufhäusern Feuer, um gegen die Gleichgültigkeit zu protestieren, mit der die Westdeutschen den Krieg der USA in Vietnam hinnahmen - ein Wendepunkt hin zum Terrorismus. Als Journalistin besuchte Meinhof die Inhaftierten und war besonders von der Entschlossenheit Gudrun Ensslins beeindruckt. Als Baader und Ensslin 1969 aus Italien nach West-Berlin zurückkamen, besuchten sie Meinhof oft in ihrer Wohnung.
Gesucht: Ulrike Meinhof war das erste Mitglied der Roten Armee Fraktion, das von der Polizei mit öffentlichen Steckbriefen gesucht wurde. Sie war ohnehin die bekannteste der Untergrund-Truppe.
Verlassene Töchter: Aus der Ehe mit "Konkret"-Herausgeber Klaus Rainer Röhl (Mitte) hatte Meinhof die beiden Töchter Bettina und Regine. Nachdem Meinhof sich eher spontan der RAF angeschlossen hatte, wurden die Zwillinge zu einer Hippie-Kommune auf Sizilien gebracht. Bevor sie in ein palästinensisches Waisenhaus geschickt werden konnten, holten sie Meinhofs ehemaliger "Konkret"-Kollege Stefan Aust (später SPIEGEL-Chefredakteur) und RAF-Aussteiger Peter Homann im Spätsommer 1970 ab und brachten sie zum Vater Klaus Rainer Röhl zurück.
Star-Schreiberin: Mit ihrer Kolumne in der "Konkret" wurde Ulrike Meinhof (undatierte Aufnahme aus den Sechzigerjahren) zu einer einflussreichen Stimme der Linken links von der SPD. Vor dem Besuch des Schahs von Persien in West-Berlin, bei dem der Student Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 von einem Polizisten erschossen wurde, hatte sie an einem offenen Brief an dessen Gattin die Ungerechtigkeit und Unterdrückung im Iran angeklagt.
Vergebliche Apelle: Meinhof wurde zur "Stimme der RAF", sie gab Erklärungen ab wie "Natürlich darf geschossen werden...". Alte Bekannte und Freunde aus dem liberalen Lager, darunter Heinrich Böll und Helmut Gollwitzer, forderten sie auf, den bewaffneten Kampf einzustellen. Ihre Ziehmutter Renate Riemeck verkündete im November 1971 via "Konkret": "Gib auf, Ulrike!" (oben auf dem Cover). Meinhof ließ sich davon nicht beeinflussen.
Mai-Offensive: Die RAF-Kader im Untergrund klauten anderthalb Jahre lang Autos und überfielen Banken, lancierten aber keine politischen Aktionen. Nachdem US-Präsident Richard Nixon die Verminung nordvietnamesischer Häfen angekündigt hatte, startete die RAF im Mai 1972 eine Offensive, unter anderem mit einem Bombenanschlag auf den Sitz der US-Landstreitkräfte in Heidelberg. Dabei wurden drei US-Soldaten getötet, fünf weitere verletzt.
Bomben gegen Springer: Die Zeitungen des Axel-Springer-Verlages, allen voran die "Bild", waren für die Studentenbewegung einer der Hauptgegner. Im Rahmen der Mai-Offensive der RAF detonierten im Hamburger Verlagssitz drei Bomben. 17 Beschäftigte wurden verletzt, zwei davon schwer; der Sachschaden betrug rund eine Million Mark. RAF-Mann Gerhard Müller sagte später als inoffizieller Kronzeuge, die Bomben hätten Ulrike Meinhof, Siegfried Hausner und ein dritter RAF-Mann ins Gebäude getragen. Müller sagte auch, Andreas Baader sei wütend gewesen, dass einfache Arbeiter und Angestellte des Springer-Verlages verletzt wurden.
Festnahme in Hannover: Meinhof wurde am 15. Juni 1972 in der Wohnung ihres Quartiergebers Fritz Rodewald, der sie bei der Polizei angezeigt hatte, verhaftet. Die erschöpfte Journalistin wog bei einer Körpergröße von 1,63 Meter nur noch 45 Kilogramm. Sie und ihr RAF-Reisefährte Gerhard Müller hatten eine Maschinenpistole, zwei Pistolen, Munition, zwei Handgranaten und eine Bombe dabei.
Konfrontation: Meinhof war zunächst in Köln-Ossendorf inhaftiert. Dort wurde sie Anfang April 1973, in Anstaltskleidung, von Beamten mit Gewalt bei einer Gegenüberstellung Zeugen vorgeführt.
"Isolation ist Mord auf Raten": Ärzte und Psychologen demonstrierten am 9. März 1974 vor dem Gefängnis in Köln-Ossendorf gegen den "Toten Trakt", in dem zunächst die RAF-Frau Astrid Proll und dann auch Ulrike Meinhof in Isolationshaft gehalten wurden.
"Stimme der RAF": Ulrike Meinhof beim Hofgang, wahrscheinlich 1975 in der Haftanstalt Stuttgart-Stammheim. Dieses Foto der "Stimme der RAF" war damals in der linksradikalen Szene verbreitet.
Hungerstreik: Gegen die Isolationshaft von Proll und Meinhof sowie die harten Haftbedingungen anderer RAF-Mitglieder traten nahezu alle RAF-Gefangenen am 13. September 1974 in den Hungerstreik. Nachdem Holger Meins an den Folgen seines Hungerstreiks starb, informierten die Anwälte Christian Ströbele (ganz links) und Otto Schily (späterer Bundesinnenminister; am Rednerpult) Studenten in Berlin, die einen Solidaritätshungerstreik gestartet hatten.
Stammheimer Spezialknast: Nach der Isolation im "Toten Trakt" in Köln-Ossendorf waren die Haftbedingungen in Stuttgart-Stammheim wesentlich besser. Meinhof war mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und anderen RAF-Gefangenen im 7. Stock inhaftiert. Niemals zuvor und danach waren Männer und Frauen gemeinsam in einem bundesdeutschen Gefängnis. Meinhof stand in ihrer Zelle eine formidable Bibliothek zur Verfügung (Foto vom 23. Mai 1975).
Der große RAF-Prozess: Am 21. Mai 1975 eröffnete das Oberlandesgericht Stuttgart in der eigens dafür aufbetonierten "Mehrzweckhalle" die Hauptverhandlung gegen "Baader u. a." - das heißt gegen Baader, Ensslin, Meinhof und Raspe - unter anderem wegen fünffachen Mordes.
dpa
Auf dem Weg zum Prozessgebäude: Unter den Angeklagten kam es zu scharfen Auseinandersetzungen. So hatte Ensslin an Meinhof geschrieben: "Das Messer im Rücken der RAF bist du, weil du nicht lernst ..." Die Journalistin notierte schon Monate vor ihrem Tod auf dem Rand eines Zellenzirkulars, eines der Papiere, mit dem sich die RAF-Häftlinge untereinander verständigten: "Selbstmord ist der letzte Akt der Rebellion."
Todesnachricht: Am 9. Mai 1976 wurde Ulrike Meinhof morgens um 7.34 Uhr tot in ihrer Zelle gefunden, um ihren Hals ein in Streifen gerissenes Handtuch, das am Fenstergriff ihrer Zelle befestigt war. Am Tag danach erschien diese Sonderausgabe des Frankfurter Sponti-Blatts "Fuzzy"...
...und es kam zu Randalen. Linksradikale demonstrierten in West-Berlin und mehreren westdeutschen Städten. Die härtesten Auseinandersetzungen erlebte Frankfurt am Main. Durch einen in ein Polizeiwagen geworfenen Molotowcocktail wurde ein Polizist schwer verletzt. Joschka Fischer sagte später, er habe damals verstanden, "dass das Räderwerk der Gewalt zum Stehen gebracht werden musste". Bei einer Sponti-Versammlung rief er in Richtung RAF: "Werft die Gewehre weg und nehmt wieder Steine!"
Mord oder Selbstmord? Dany Cohn-Bendit (am Mikrofon), Erich Fried, Matthias Beltz und andere Frankfurter "Spontis" trafen sich in der Frankfurter Uni, um über den Tod von Meinhof zu diskutieren. Viele glaubten zunächst, Meinhof sei ermordet worden. Sie wussten allerdings auch nicht, dass Gudrun Ensslin Meinhof immer härter kritisiert hatte und Meinhof in der Stammheimer RAF-Gruppe zunehmend isoliert gewesen war.
Beerdigung in West-Berlin: Zum Begräbnis von Ulrike Meinhof auf einem Friedhof in Berlin-Tempelhof zogen rund 5000 Linksradikale aus ganz Deutschland und skandierten: "Isolation ist Mord auf Raten!" Der Theologe Helmut Gollwitzer, der am offenen Grab sprach, wurde von den Anarchos milde ausgebuht, weil er das Wort "Gott" in den Mund nahm. Meinhofs Verleger Klaus Wagenbach sagte: "Was Ulrike Meinhof umgebracht hat, waren die deutschen Verhältnisse."