Menschenraub durch die Stasi - DER SPIEGEL
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Menschenraub durch Stasi-Häscher Macht demonstrieren, Angst verbreiten

Betäubt, verschleppt, eingekerkert: Bis zum Mauerbau ließ die Stasi rund 400 Menschen von West nach Ost entführen, einige hinrichten. Auch Journalist Karl Wilhelm Fricke sollte mundtot gemacht werden - er ging durch die Hölle. Besuch bei einem Unbeugsamen.
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"Fanatischer Kommunistenhasser und militanter DDR-Forscher": So wurde Karl Wilhelm Fricke, Jahrgang 1929, noch in einem DDR-Lehrbuch von 1988 verunglimpft. 1955 war der Journalist in Berlin von der Stasi entführt und ins berüchtigte Gefängnis Hohenschönhausen verschleppt worden. Er war vier Jahre in Haft - einer von Hunderten Menschenraub-Fällen bis zum Mauerbau 1961.

Foto: Maximilian Schönherr
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10.000 DM Belohnung: Für großes Entsetzen in der Bundesrepublik sorgte bereits 1952 die gewaltsame Entführung von Walter Linse aus dem amerikanischen Sektor Berlins. Der aus Chemnitz stammende Rechtsanwalt, in West-Berlin tätig für die DDR-kritische Menschenrechtsorganisation "Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen" (UFJ), wurde am 8. Juli 1952 in den Ostteil der Stadt verschleppt. Die Berliner Polizei forderte die Bevölkerung zur Mithilfe auf, wie das Fahndungsplakat zeigt.

Foto: Landesarchiv Baden-Würtemberg
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963 Tage Einzelhaft: Bis zum 31. März 1959 saß Karl Wilhelm Fricke wegen angeblicher "Spionage" in Bautzen II ein. Das Polizeifoto zeigt ihn kurz vor seiner Freilassung. Fricke leitete danach lange die Ost-West-Redaktion des Deutschlandfunks und ist einer der renommiertesten DDR-Kenner. Im Januar 1992 gehörte er zu den ersten Menschen, die ihre Stasi-Akten in der neu gegründeten Gauck-Behörde einsehen durften. 3000 Seiten umfasst das Material, das im Ministerium für Staatssicherheit über ihn und seine Familie angelegt wurde. In den Neunzigerjahren wurde Fricke als Sachverständiger in zwei Enquetekommissionen des Bundestages zur Aufarbeitung der SED-Diktatur berufen und 2001 für seine Verdienste mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse geehrt.

Foto: Archiv Fricke
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Agentenpärchen: Dieses Ehepaar lockte den Regimekritiker in eine Falle. Kurt Rittwagen arbeitete seit 1952 für die Staatssicherheit und spitzelte als GM "Fritz". Anne-Maria Rittwagen alias als "GM "Peter"kippte Fricke am Nachmittag des 1. April 1955 ein Betäubungsmittel in den Weinbrand. Der bewusstlose Mann wurde offenbar in einen Schlafsack verschnürt und per Auto nach Hohenschönhausen geschafft.

Foto: Privatarchiv Fricke
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"Gib acht - noch 10 Meter": Übergang zum Ostsektor in Berlin-Kreuzberg (Waldemarstraße, Ecke Dresdner Straße; Foto von 1953). Bis zum Bau der Berliner Mauer 1961 waren die Grenzen zwischen Ost und West durchlässiger. Kontrollposten ließen sich leicht umgehen - was von Vorteil für die von der Stasi beauftragten Menschenräuber war. Insgesamt wurden nach Gründung der beiden deutschen Staaten rund 400 Menschen aus der Bundesrepublik in die DDR verschleppt. Nach 1961 kam es nur noch vereinzelt zu Entführungen, der letzte Fall von Menschenraub fand 1964 statt. Allerdings schickte die Stasi noch 1972 zwei Mitarbeiter mit einer großen Transportkiste zu Olympia nach München - für den Fall, dass sich ein ostdeutscher Sportler von der Mannschaft absetzt.

Foto: ullstein bild
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"Man darf nicht zeigen, dass man Angst hat": Menschenraub-Opfer Fricke ließ sich nicht zermürben, obwohl er die gesamte Zeit über in Isolationshaft war - aus Angst vor dem Verlust der Sprechfähigkeit rezitierte er Gedichte. Die Aufnahme von 1989 zeigt Gefangene während des Freigangs auf engen Höfen im Sicherheitstrakt im Haus 2 des Gefängnisses in Bautzen.

Foto: imago
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Verschleppt, gefoltert, hingerichtet: Das Foto zeigt den von Inhaftierung und Folter gezeichneten Juristen Walter Linse im Jahr 1952. Linse war nach seiner Entführung zunächst ins MfS-Untersuchungsgefängnis nach Berlin-Hohenschönhausen verschleppt worden, später brachte man ihn ins berüchtigte Moskauer Gefängnis Lubjanka. Wegen angeblicher Spionage wurde Linse von einem sowjetischen Militärgericht zum Tod verurteilt und am 15. Dezember 1953 erschossen.

Foto: ullstein bild
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Auf offener Straße gekidnappt: So könnte sich die Entführung von Walter Linse 1952 zugetragen haben - auf der Basis von Augenzeugenberichten ließ die Berliner Polizei den Menschenraub des DDR-kritischen Juristen nachstellen. Linse war am Morgen des 8. Juli 1952 unweit seines Hauses in Berlin-Lichterfelde entführt worden. Ein Mann hatte ihn angesprochen und um Feuer gebeten. Als Linse in seiner Aktentasche danach suchte, wurde er überwältigt und ...

Foto: SZ Photo
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...in den Wagen gezerrt, wie auf diesem Foto nachgestellt. Weil Linse sich wehrte und seine Beine steif machte, so dass die Autotür nicht geschlossen werden konnte, schoss ihm einer seiner Entführer in die Beine. Der Wagen raste Richtung Grenzübergang - und verschwand im Ostteil der Stadt.

Foto: SZ Photo
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Am Tatort zurückgeblieben: Ob dieser Herrenschuh tatsächlich dem entführten Walter Linse gehörte, ist nicht erwiesen. Aufgenommen wurde das Foto am Tag des Menschenraubs unweit der Stelle, an der Linse in den Wagen gezerrt worden war. Empört über den Fall erklärte der damalige Bundestagsabgeordnete Willy Brandt: "Menschenraub, meine Damen und Herren, Menschenraub ist schlimmste Misshandlung des Menschenrechts, Menschenraub ist Mord oder zumindest Mordversuch. Organisationen, die Menschenraub betreiben, sind verbrecherische Institutionen."

Foto: ullstein bild
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"Ein junger Mann ging an Herrn Dr. Linse heran, da... bekam er auch schon einen Schlag ins Gesicht. Und der andere Mann zerrte ihn von hinten in den Wagen. Ich rief um Hilfe: Polizei!" Mit diesen Worten beschrieb die einzige Augenzeugin die Entführung von Walter Linse im Juli 1952. Das Foto zeigt die Frau bei der Nachstellung.

Foto: SZ Photo
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Kundgebung in West-Berlin: Zwei Tage nach der brutalen Verschleppung von Walter Linse versammelten sich rund 25.000 Demonstranten vor dem Schöneberger Rathaus. Es kam zu Ausschreitungen, ein Demonstrant wurde mit einem Ziegelstein am Kopf verletzt (Foto vom 10. Juli 1952). Auch Karl Wilhelm Fricke nahm an der Kundgebung teil - drei Jahre später wurde er selbst zum Menschenraub-Opfer.

Foto: akg-images
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Freiheit für Truschnowitsch! Freiheit für Linse! In Frankfurt am Main demonstrierten am 17. April 1954 Angehörige der antikommunistischen Emigranten-Organisation NTS und der Frankfurter russischen Kolonie gegen Menschenraub. Auslöser war die Verschleppung des Exilrussen Alexander Truschnowitsch aus West-Berlin. Der Antikommunist wurde von KGB-Männern verschleppt und so brutal geknebelt, dass er im Kofferraum der Entführer erstickte. Seine Leiche wurde in einem Waldstück bei Frankfurt (Oder) verscharrt.

Foto: ullstein bild
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Vorsicht: Dieses Hinweisschild hing im Notaufnahmelager Marienfelde in West-Berlin, wo zahlreiche DDR-Flüchtlinge eine erste Bleibe fanden. Menschenraub begann nicht immer mit einem gewaltsamen Kidnapping - oft wurden die Opfer auch durch fingierte Einladungen in den Osten gelockt.

Foto: imago
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"Man hat mich unglaublich überschätzt": Karl Wilhelm Fricke (hier kurz nach seiner Freilassung 1959) wurde von der Staatssicherheit als Spion verdächtigt, der er jedoch nie war. Aus der Tatsache, dass er bei der Vernehmung nichts gestand, folgerte man, er sei besonders raffiniert vorgegangen, erzählt der heute 87-Jährige im einestages-Interview. Fricke überstand Entführung und Inhaftierung vor allem deshalb ohne psychische Schäden, weil er das Erlebte unmittelbar danach akribisch aufarbeitete: "Ich habe mir alles von der Seele geschrieben, das war meine Selbsttherapierung."

Foto: ullstein bild
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Honecker-Anwalt: Obwohl er darauf bestanden hatte, sich selbst zu vertreten, bekam Menschenraub-Opfer Fricke einen Pflichtverteidiger verpasst. Während der fünfeinhalb Stunden währenden Prozess-Farce vor dem Obersten Gericht der DDR wurde Fricke von Friedrich Wolff (links) verteidigt - jenem Juristen, der später auch Ex-DDR-Staatschef Erich Honecker (rechts) vertrat (Foto von 1994).

Foto: ullstein bild
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Bootsfahrer, Schläger, Stasi-Häscher: Hans Hubert Wax, Jahrgang 1927, war einer der skrupellosesten Menschenräuber des DDR-Regimes (Foto von ca. 1970). Wax, Kfz-Ingenieur und Kettenraucher, arbeitete ab 1954 als "GM Donner" für die Stasi. Zu den Entführungsopfern gehörten meist gegnerische Agenten und Stasi-Abtrünnige. Die Entführer-IM stammten den Recherchen der Historikerin Susanne Muhle zufolge meist aus dem kriminellen Milieu - und nicht selten aus der Bundesrepublik.

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Foto: ullstein bild
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